Rechtspopulismus: „Zentrum hat keine adäquaten Antworten“
Daphne Weber hat in einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie den Verein Zentrum untersucht. Das „extrem rechte Kampagnenprojekt“ hat in einzelnen Betrieben der Automobilindustrie Fuß gefasst.
Zentrum selbst bezeichnet sich als „alternative Gewerkschaft“. Wenn man auf betriebspolitische Lösungsansätze, konkrete Interessenvertretung oder Mitgliedschaft blickt: Spricht etwas für diesen Anspruch?
Weber: Wenig. Zentrum hat sowohl im Hinblick auf flächendeckende betriebliche Verankerung, zahlenmäßige Stärke und damit einhergehend wirkmächtige Interessenvertretung als auch im Hinblick auf tragfähige Antworten auf betriebliche Probleme wenig an den Füßen.
Laut Ihrer Untersuchung grenzt sich Zentrum aggressiv gegenüber den DGB-Gewerkschaften ab. Insbesondere die IG Metall wird gerne übergroßer Nähe zum Management bezichtigt. Wie agiert die Organisation denn selbst? In strikter Opposition zu Arbeitgebern?
Weber: Die Arbeitgeber oder etwaige Fehlentscheidungen des Managements stehen nicht im Fokus der Kritik von Zentrum. Es wird meist ein abstraktes „Oben“ verantwortlich gemacht, zu dem die IG Metall gezählt wird. Interessen der Beschäftigten, die im Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit entstehen, oder große Profite bei gleichzeitigen Entlassungen werden eher nicht thematisiert. Bei Stellenabbau wird die IG Metall beschuldigt. Auf Fragen, die uns alle angehen, wie etwa eine sozial gerechte ökologische Transformation der Industrie, hat Zentrum keine adäquaten Antworten.
Eine vom HSI geförderte Studie hat 2024 die öffentlichen Positionen der AfD zum kollektiven Arbeitsrecht untersucht. Ergebnis: Bei einer Regierungsbeteiligung sei mit Einschränkungen des Streikrechts, Aufweichungen der Tarifautonomie, erschwerten Bedingungen für Gewerkschaften und Druck auf die betriebliche Mitbestimmung zu rechnen. Fragen des kollektiven Arbeitsrechts behandle die angebliche Partei der kleinen Leute „primär unter dem Aspekt des wirtschaftlichen Erfolgs der Unternehmen“. Sehen Sie bei Zentrum ähnliche Widersprüche?
Weber: Bei der Kommunikation der AfD im vergangenen Bundestagswahlkampf lassen sich diese Widersprüche ebenfalls beobachten. Jegliche arbeitsmarkt- und beschäftigungspolitischen Probleme werden mit einer Problematisierung von Migration, Bürgergeld oder der Forderung nach Senkung von Steuern auch für Unternehmen beantwortet. Fast nie geht es explizit um die Stärkung der Beschäftigten oder Gewerkschaften. Zentrum selbst kritisiert etwa das Tariftreuegesetz, weil es kleinen Unternehmen schade und den DGB-Gewerkschaften zu viel Einfluss verschaffe.
Zentrum hat im Hinblick auf betriebliche Verankerung, zahlenmäßige Stärke und wirkmächtige Interessenvertretung wenig zu bieten.
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Daphne Weber: Gewerkschaftliche Kampagnen von rechts: Narrative, Netzwerke und Kommunikation von Zentrum (Automobil) im Kontext der Betriebsratswahlen 2018 und 2022. Mit einer Einschätzung der AfD-Bundestagswahlkampagne 2024/2025, Working Paper der HBS-Forschungsförderung Nr. 393, Januar 2026
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Die Ergebnisse ihrer Studie diskutiert Daphne Weber im Podcast „Systemrelevant“ gemeinsam mit Christina Schildmann, der Leiterin der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung.