Gerechte KI: Wo Gesetze nicht weiterhelfen, braucht es Mitbestimmung
Der Arbeitsplatz ist der Ort, an dem wir KI am wenigsten selbstbestimmt nutzen. Es braucht starke Betriebsräte und Gewerkschaften, um gute Regelungen zu treffen, die ein Stück mehr Gerechtigkeit schaffen und so unser Leben und Arbeiten verbessern, schreibt Ernesto Klengel.
[26.01.2026]
Der Hype um Künstliche Intelligenz hat verschiedene Ursachen. Eine weniger beachtete liegt in einem unscheinbaren Paragrafen des Urheberrechts. Dieses kennen wir als streng bewachtes Recht, das uns beispielsweise daran hindert, Bilder aus dem Internet zu nutzen oder dem Gesangsverein verbietet, Notenblätter zu kopieren. Wer es verletzt, wird abgemahnt. Man muss es nicht mögen, aber das Ziel des Urheberrechts besteht darin, dass die Urheber an dem Nutzen, den sie mit ihrem Werk geschaffen haben, teilhaben.
Wenn jedes Foto auf diese Weise geschützt wird – wie wertvoll muss das im Internet verfügbare Wissen sein? Einige der großen IT-Konzerne aus dem Silicon Valley haben sich dieses Wissen verschafft – und das kostenlos. In Deutschland ist dies möglich durch eine unscheinbare Vorschrift: § 44b des Urhebergesetzes erlaubt IT-Konzernen das Data Mining. Sie können den im Internet verfügbaren Wissensschatz nutzen, um ihre KI-Systeme zu trainieren, die das „Erlernte“ millionenfach wiedergeben.
Unterdessen verfolgt die neue KI-Verordnung der Europäischen Union auf 243 eng bedruckten Seiten das Ziel, menschenzentrierte und vertrauenswürdige KI zu „fördern“. Ausgerechnet auf die Frage „Wird mein Job von KI ersetzt?“ bleibt sie aber stumm. Im Übrigen enthält sie einige intelligente, insgesamt aber begrenzte Vorschriften zur Arbeitswelt. Wie in vielen der aufgeregten Debatten über KI kommt die Arbeitswelt auch in der Regulierung nur am Rande vor. Und selbst diese Vorschriften sollen nun durch das „Omnibus-Gesetz“ der EU geschleift werden, bevor sie in Kraft getreten sind. Dabei ist der Arbeitsplatz der Ort, an dem wir die Technik am wenigsten selbstbestimmt nutzen. Der Arbeitgeber bestimmt über die Anschaffung und Nutzung von Tools, schließt IT-Verträge und wertet gesammelte Daten aus.
Wo uns Gesetze nicht weiterhelfen, braucht es Mitbestimmung. Es braucht starke Betriebsräte und Gewerkschaften, um gute Regelungen zu treffen, die ein Stück mehr Gerechtigkeit schaffen und so unser Leben und Arbeiten verbessern. Genau das passiert gerade jetzt in vielen Betrieben und Dienststellen. Darüber hinaus aber sollten wir den Blick auf die übergreifenden Regeln und Strukturen richten, in denen sich die KI-Revolution vollzieht. Sie zu gestalten, braucht Mut und Kraft. 2026 ist ein Jahr, in dem wir grundsätzlicher denken sollten. Ein Ort, an dem beides geschieht, ist der Neujahrsempfang der Hans-Böckler-Stiftung.
Dr. Ernesto Klengel ist der Wissenschaftliche Direktor des Hugo Sinzheimer Instituts (HSI) für Arbeits- und Sozialrecht der Hans-Böckler-Stiftung.
Weitere Informationen
Neujahrsempfang 2026: Gerechte KI. Gute Arbeit (Livestream am 28.1., ab 18 Uhr)
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