Demokratie: Wer BSW gewählt hat
Die Wählerinnen und Wähler des BSW machen sich große Sorgen um die Zukunft. Sie haben geringes Vertrauen in Politik und Medien. Der Klimawandel lässt sie eher kalt.
Ostdeutsch, eher weiblich, eher niedrigeres Einkommen – so sieht das Profil der Erwerbspersonen aus, die das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) bei der Bundestagswahl 2025 gewählt haben. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie von Helge Emmler und Daniel Seikel vom WSI. Die Forscher haben Daten der WSI-Erwerbspersonenbefragung ausgewertet. Die Befunde beziehen sich auf wahlberechtigte Erwerbstätige oder Arbeitsuchende. Gruppen wie Rentnerinnen und Rentner oder Studierende werden dabei weitgehend nicht berücksichtigt.
Das BSW trat bei seiner Gründung im Januar 2024 mit dem Anspruch an, eine Leerstelle im deutschen Parteiensystem zu füllen. Mit einem Mix aus linken wirtschafts- und sozialpolitischen Positionen sowie rechten Forderungen nach einer Begrenzung von Einwanderung konnte die Partei zunächst einige Erfolge erzielen. Bei der Bundestagswahl 2025 scheiterte sie jedoch knapp an der Fünfprozenthürde. Aktuell befindet sie sich in einer Phase der Neuausrichtung.
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Während der Frauenanteil in der BSW-Wählerschaft bei der Bundestagswahl laut Erwerbstätigenbefragung bei 53,6 Prozent lag, betrug er bei den anderen Parteien – inklusive AfD und Sonstige – im Durchschnitt 44,5 Prozent. Der im Vergleich zur gesamten Wahlbevölkerung geringere Frauenanteil ist darauf zurückzuführen, dass sich in der Stichprobe der Erwerbspersonen etwas mehr Männer als Frauen befinden.
Der Anteil der Wählerinnen und Wähler aus Ostdeutschland betrug beim BSW 28,1 Prozent und war damit mehr als doppelt so hoch wie der Durchschnittswert der anderen Parteien. Zudem war die BSW-Wählerschaft eher etwas älter als der Durchschnitt der Wählerinnen und Wähler anderer Parteien. Personen mit mittlerem Schulabschluss waren beim BSW mit 43,1 Prozent häufiger vertreten, bei den anderen Parteien betrug ihr Anteil 31 Prozent. In etwa umgekehrt sah es beim Anteil der Befragten mit Abitur aus.
BSW-Wählende verfügten über vergleichsweise geringe Einkommen. So verfügten 41 Prozent von ihnen über weniger als 2000 Euro netto im Monat. Bei den anderen Parteien machte diese Gruppe 33,8 Prozent der Wählerschaft aus. Nur 16,8 Prozent der BSW-Wählenden verfügten hingegen über mehr als 3000 Euro, bei den anderen Parteien waren es 29 Prozent.
Betrachtet man die Zusammensetzung der Wählerschaft nach Berufsgruppen, so fällt auf, dass Spezialistinnen und Spezialisten aus technischen Berufen, beispielsweise aus den Bereichen Ingenieurwesen, Informatik oder Elektrotechnik, beim BSW schwächer vertreten waren. Ebenfalls unterrepräsentiert waren Facharbeiter, Handwerker, Ungelernte sowie Manager. Überdurchschnittlich häufig vertreten waren hingegen Bürokräfte und Personen aus Dienstleistungsberufen, beispielsweise Verkäuferinnen, Beschäftigte in der Gastronomie, Sicherheitskräfte und Pflegekräfte.
Wenig Vertrauen, große Sorgen
Beim BSW waren die Wählerinnen und Wähler im Durchschnitt besorgter als bei anderen Parteien. 53,1 Prozent machten sich große Sorgen wegen steigender Preise, 45,1 Prozent um die Alterssicherung und rund ein Drittel um den eigenen Lebensstandard. Bei den anderen Parteien waren es 43,5 Prozent, 33,9 Prozent beziehungsweise 27,2 Prozent. Auch die Furcht vor einer Ausweitung des Ukrainekriegs und des Nahostkonflikts war unter den Wählerinnen und Wählern des BSW überdurchschnittlich ausgeprägt. Die Folgen des Klimawandels bereiteten hingegen nur 19,6 Prozent der BSW-Wählenden große Sorgen, aber 33,2 Prozent der Anhängerinnen und Anhänger anderer Parteien.
Das Vertrauen in Institutionen fiel unter BSW-Wählenden gering aus: Wenig oder überhaupt kein Vertrauen in die Bundesregierung hatten 67,6 Prozent, bei den Wählerinnen und Wählern der anderen Parteien lag dieser Wert im Durchschnitt bei 44,7 Prozent. Auch die öffentlich-rechtlichen Medien kamen bei Anhängerinnen und Anhängern des BSW deutlich schlechter weg als im Durchschnitt. Nur bei der AfD war das Misstrauen insgesamt noch größer.
Viele Wählerinnen und Wähler kombinierten der Analyse zufolge linke wirtschafts- und sozialpolitische Präferenzen, etwa die Forderung nach stärkerer Umverteilung, mit konservativen gesellschaftspolitischen Einstellungen. Emmler und Seikel verweisen auf frühere Studien, die einige Überschneidungen, aber auch merkliche Unterschiede zwischen dem BSW und der AfD herausgearbeitet haben. Demnach ziehen sowohl die AfD als auch das BSW Wählerinnen und Wähler an, die Migration und Waffenlieferungen an die Ukraine kritisch sehen. Sie unterscheiden sich jedoch erheblich in ihren sozialpolitischen Vorstellungen. So befürworten Wählerinnen und Wähler des BSW im Gegensatz zu denen der AfD häufiger Umverteilungsmaßnahmen. In der Regel befürworteten sie auch die Ehe für alle. Die Wählerschaft der AfD ist hingegen noch deutlich migrationskritischer als die, die das BSW wählt.
Auch linke Parteien haben ans BSW verloren
Da das BSW zum ersten Mal bei einer Bundestagswahl angetreten ist, stellt sich die Frage, von welchen Parteien es Wählerinnen und Wähler abgeworben hat. Laut WSI-Erwerbspersonenbefragung stimmten 16,6 Prozent von denen, die bei der Bundestagswahl 2021 noch die Linke gewählt hatten, 2025 für das BSW. Hinzu kamen 5,5 Prozent der ehemaligen SPD-Anhängerinnen und -anhänger. Von der FDP wanderten 4,5 Prozent und von der AfD 4,1 Prozent zum BSW ab. Mit nur 2,2 beziehungsweise 1,3 Prozent verloren Union und Grüne nur einen kleinen Teil. „Zwar hat das BSW die AfD mehr Wählerstimmen gekostet als die meisten anderen Parteien, insgesamt verloren aber linke Parteien mehr Wählerinnen und Wähler an das BSW als rechte Parteien“, schreiben Emmler und Seikel.
Helge Emmler, Daniel Seikel: Die Wählerschaft des BSW bei der Bundestagswahl 2025, Befunde aus der WSI-Nachwahlbefragung, WSI Report Nr. 112, April 2026