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Warum viele an den Ausstieg denken Böckler Impuls

Soziale Berufe: Warum viele an den Ausstieg denken

Ausgabe 04/2026

Viele Beschäftigte in Gesundheitsberufen sind überlastet. Um die Arbeit attraktiver zu machen, müssen zuerst die Personallücken geschlossen werden.

Die Arbeitsbedingungen in Sozial- und Gesundheitsberufen haben sich in den vergangenen Jahren kaum verbessert. Personalmangel bleibt ein großes Problem. Dort, wo er besonders stark ausgeprägt ist, sind die Beschäftigten besonders unzufrieden und wollen ihre Arbeitszeit verkürzen und teils sogar den Job ganz aufgeben. Das zeigt ein Beitrag von Anja Hall und Ana Santiago-Vela vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in den WSI-Mitteilungen.

Die Forscherinnen haben auf Basis der BIBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung für die Jahre 2018 und 2024 die Arbeitsqualität in Sozial- und Gesundheitsberufen im Vergleich zu anderen Berufen untersucht. Zudem analysierten sie, welchen Einfluss Personalmangel im Arbeitsumfeld auf den Wunsch nach Arbeitszeitverkürzung und Berufswechsel hat.

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Infografik Seite 5: Knapp 25 Prozent der Beschäftigten in Sozial- und Gesundheitsberufen, die Personalknappheit erleben, wünschen sich eine Arbeitszeitverkürzung. Ohne Personalmangel im Umfeld sind es 12 Prozent.
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Die Arbeitsqualität in Sozial- und Gesundheitsberufen hat sich nach der Corona-Pandemie nicht verbessert. Beschäftigte in diesem Bereich fühlen sich weiterhin stärker belastet als Beschäftigte in anderen Berufen. Dies gilt sowohl für die Arbeitsintensität als auch für die physischen Arbeitsbelastungen, die 2018 wie auch 2024 jeweils deutlich höher ausfielen. In anderen Berufen hat sich die Situation im selben Zeitraum hingegen gebessert.

Auch ihre Arbeitsautonomie schätzten Beschäftigte in Sozial- und Gesundheitsberufen bereits im Jahr 2018 geringer ein als andere Beschäftigte, und dieser Rückstand ist im Jahr 2024 noch größer geworden. Dies deutet auf eine stärkere Fremdbestimmung und weniger Gestaltungsspielraum hin.

Bei der sozialen Unterstützung durch Kolleginnen und Kollegen sowie Vorgesetzte fallen die Einschätzungen ähnlich aus wie in anderen Branchen. 

Mit ihrem Einkommen sind Beschäftigte in Sozial- und Gesundheitsberufen nach wie vor seltener zufrieden als andere Beschäftigte, was darauf zurückzuführen sein könnte, dass sie ihre Entlohnung angesichts der Anforderungen und der gesellschaftlichen Bedeutung ihrer Arbeit oft als ungerecht empfinden. Immerhin ist der Anteil derjenigen, die mit dem Einkommen zufrieden sind, zwischen 2018 und 2024 in beiden Gruppen gestiegen – um 4,0 beziehungsweise 2,8 Prozentpunkte. 

Als ein zentrales Problem identifizieren die Forscherinnen den Personalmangel in Sozial- und Gesundheitsberufen. Dieser kann zu einer höheren Arbeitsbelastung und Unzufriedenheit führen, mit der Folge, dass Beschäftigte ihre Arbeitszeit verkürzen oder ihren Job aufgeben. Dadurch kann sich der Personalmangel weiter verschärfen. 15,4 Prozent der Beschäftigten in Sozial- und Gesundheitsberufen, in deren Arbeitsumfeld Stellen unbesetzt sind, planen einen Berufswechsel innerhalb der nächsten zwei Jahre. Bei Beschäftigten ohne Personalmangel im Umfeld sind es 10,8 Prozent. Eine Arbeitszeitverkürzung wünschen sich 24,7 Prozent der Beschäftigten, die Personalknappheit erleben; ansonsten sind es 12 Prozent. Diese Unterschiede treten auch in anderen Berufen auf, sind dort jedoch weniger ausgeprägt. Vor allem der Wunsch nach kürzerer Arbeitszeit hängt in Sozial- und Gesundheitsberufen nach Analyse der Forscherinnen stark mit der hohen Arbeitsintensität und der fehlenden Vereinbarkeit mit dem Privatleben zusammen. Bei denjenigen, die den Beruf wechseln möchten, spielen auch fehlende soziale Unterstützung und mangelnde Weiterbildungs- und Lernmöglichkeiten eine große Rolle.

„Ein Berufswechsel ist für viele Beschäftigte in Sozial- und Gesundheitsberufen jedoch keine einfache Option, da ihre beruflichen Qualifikationen häufig stark auf den jeweiligen Bereich zugeschnitten sind und es nur begrenzt alternative Tätigkeitsfelder gibt“, schreiben Hall und Santiago-Vela. „Hinzu kommt, dass Beschäftigte in Sozial- und Gesundheitsberufen sich oftmals ganz bewusst für ihren Beruf entscheiden, getragen von dem Wunsch, etwas Sinnvolles und gesellschaftlich Relevantes zu tun. Diese intrinsische Motivation stößt jedoch an Grenzen, wenn strukturelle Probleme wie chronischer Personalmangel, hohe Arbeitsintensität und mangelnde Vereinbarkeit dauerhaft bestehen bleiben.“ Um Fachkräfte zu halten und neue zu gewinnen, seien bessere Arbeitsbedingungen entscheidend. Auch die bessere Nutzung bisher ungenutzter Potenziale auf dem Arbeitsmarkt – insbesondere von Teilzeitbeschäftigten, älteren Erwerbstätigen, Personen ohne Abschluss und Menschen mit Migrationshintergrund – könne dem Personalmangel entgegenwirken.

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