Arbeitszeit: Die Schweiz kann es nicht besser
Sollten wir so lange arbeiten wie die Schweizer? Ein Blick hinter die Kulissen zeigt: Eine lange Vollzeitnorm begünstigt Gesundheitsprobleme und Ungleichheit zwischen den Geschlechtern.
Noch deutlich höhere Teilzeitquoten als in Deutschland, Stress, emotionale Erschöpfung durch Arbeitsdruck und Zeitnot mit Milliardenkosten für die Wirtschaft – die langen Arbeitszeiten in der Schweiz haben deutliche Nachteile und sind in der Eidgenossenschaft keineswegs unumstritten. Das zeigt eine neue Analyse von WSI-Direktorin Bettina Kohlrausch und der Schweizer Ökonomin Noémie Zurlinden.
In vielen Diskussionen über die Erwerbsarbeitszeit in Deutschland wird auf die Schweiz verwiesen. Ein Vergleich zeige, dass es bei der Ausweitung der individuellen Erwerbsarbeitszeiten in Deutschland noch deutliche Spielräume gebe. Beispielsweise durch eine längere wöchentliche Arbeitszeit oder eine Aufhebung der täglichen Obergrenze, wie sie auch der Bundesregierung vorschwebt. Tatsächlich ist die betriebsübliche oder vertragliche Arbeitszeit bei einer Vollzeitstelle im Nachbarland mit 41,7 Stunden im Schnitt höher als in Deutschland oder anderen EU-Staaten. Doch der oberflächliche Zahlenvergleich greift zu kurz: „Ein detaillierter Blick auf die Schweiz zeigt, dass der gesellschaftliche Preis für diese hohen Arbeitszeiten sehr hoch ist, denn sie wirken sich negativ auf die Gesundheit der Arbeitnehmenden und auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie aus.“
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Auffällig ist, dass in der Schweiz nicht nur die Stundenzahl bei Vollzeitbeschäftigung hoch ist, sondern auch die Quote der Teilzeitbeschäftigten. 2024 waren 58 Prozent der Frauen in der Schweiz in Teilzeit erwerbstätig und 21 Prozent der Männer. Damit liegt der Teilzeitanteil sogar noch über den deutschen Werten von 49 beziehungsweise 12 Prozent.
Das Beispiel Schweiz zeigt den Wissenschaftlerinnen zufolge: „Eine hohe Vollzeitnorm führt zu einem hohen Anteil von Teilzeitbeschäftigten.“ Gerade für Frauen sei dies kein nachhaltiger Weg zu einer Ausweitung der Erwerbsbeteiligung. Frauen tragen den deutlich größeren Anteil an unbezahlter Care-Arbeit, also etwa Kinderbetreuung, Haushaltsarbeit oder Pflege. Das gilt in der Schweiz wie in Deutschland und führt dazu, dass Erwerbsarbeit oft nur in Teilzeit möglich ist. Durch die langen Vollzeit-Arbeitszeiten ist dieser Druck in der Schweiz besonders groß.
Deshalb arbeiten Frauen in der Schweiz, bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammengerechnet, mehr als Männer und auch mehr als Frauen in Deutschland. Nach Daten des eidgenössischen Bundesamtes für Statistik sind es bei Frauen in der Schweiz insgesamt durchschnittlich 57 Stunden pro Woche, Schweizer Männer kommen auf 54 Stunden. Die Gesamt-Wochenarbeitszeit in Deutschland beläuft sich bei Frauen auf 54 und bei Männern auf 53 Stunden. Auch wenn die Datengrundlagen nicht vollständig vergleichbar sind, „so ist dies doch ein deutlicher Hinweis auf die hohen Belastungen, die vor allem für Frauen mit hohen Erwerbsarbeitszeiten einhergehen“, so Kohlrausch und Zurlinden.
Lange Arbeitszeiten sind zudem oft mit einer Entgrenzung und Fragmentierung von Arbeit verbunden, die besonders belastend sein kann. So zeigt die Europäische Erhebung über die Arbeitsbedingungen, dass entgrenzte Arbeitszeiten und die damit einhergehende Überlagerung von Arbeit und Privatleben sowohl in der Schweiz als auch in Deutschland ein Problem sind – das in der Schweiz aber noch deutlich größer ist. Während schon in Deutschland 19 Prozent der Beschäftigten mehrere Male pro Monat in der Freizeit arbeiten, um die Arbeitsanforderungen zu erfüllen, sind es in der Schweiz sogar 29 Prozent. Zudem hat der Anteil von gestressten Erwerbstätigen Studien zufolge im letzten Jahrzehnt zugenommen. Arbeitsbezogener Stress kostete die Schweizer Wirtschaft unter dem Strich rund 6,5 Milliarden Franken im Jahr. Zudem sinkt die Produktivität bei langen Arbeitszeiten.
Alles in allem zeige der Blick in die Schweiz, dass der Ansatz, die Arbeitszeiten forciert auszudehnen, in die falsche Richtung gehe. Es brauche stattdessen eine Neuverteilung der Sorgearbeit zwischen Männern und Frauen. „Dafür muss es zeitliche Spielräume gerade für Männer geben, einen größeren Anteil der Sorgearbeit zu übernehmen. Eine hohe Vollzeitnorm hätte hier sicherlich eher den gegenteiligen Effekt.“ Ein Ausbau von institutioneller Kinderbetreuung und Pflege sei ebenfalls eine wichtige, wenngleich nicht hinreichende, Voraussetzung für eine Erhöhung der Erwerbstätigkeit von Frauen. Anstatt die Erwerbsarbeitszeiten weiter auszudehnen, sollte außerdem arbeitsverursachter Stress stärker reduziert werden.
Bettina Kohlrausch, Noémie Zurlinden: Arbeitszeitflexibilisierung und lange Erwerbsarbeitszeiten: Warum die Schweiz kein Vorbild ist, WSI Kommentar Nr. 8, April 2026