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Schwierig mit Schicht Böckler Impuls

Vereinbarkeit: Schwierig mit Schicht

Ausgabe 08/2026

Wie können Männer, die in der Produktion tätig sind, Erwerbsarbeit und Sorgeaufgaben vereinbaren? Vor allem Schichtarbeit macht das schwer.

In Fabriken geht es oft wenig familienfreundlich zu: Home­office oder Teilzeit sind selten, ungünstige Arbeitszeiten an der Tagesordnung. Auch Männer, die in diesem Bereich die Mehrheit der Beschäftigten ausmachen, sollen und wollen sich aber zunehmend um Kinder oder pflegebedürftige Angehörige kümmern. Was das für diese Gruppe bedeutet, haben Svenja Pfahl und Eugen Unrau vom Berliner SowiTra-Institut unter Mitarbeit von Dietmar Hobler und Stefan Reuyß untersucht. Laut ihrer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie stellen Vereinbarkeitsprobleme ein gewichtiges Problem dar: „Insbesondere Schichtarbeit im Dreischichtsystem und Pflegeverantwortung machen das Miteinander von Arbeitszeit, Familie und Care-Aufgaben deutlich schwieriger.“ Helfen könnten vor allem planbare Arbeitszeiten und weniger Zeitdruck. „Dass Sorge-Verantwortung und Schichtarbeit oft kollidieren, ist naheliegend. Das betrifft auch Männer in der Produktion – die waren aber mit Blick auf ihre Vereinbarkeitsprobleme ein blinder Fleck in der Forschung", sagt Christina Schildmann, Direktorin der Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung.

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Infografik Seite 5: Am häufigsten zufrieden oder eher zufrieden mit ihrer Arbeitszeit sind mit einem Anteil von 78 Prozent Männer ohne Schichtarbeit und ohne Care-Verantwortung. Am geringsten ist der Anteil der Zufriedenen mit 44 Prozent bei Männern im Dreischichtsystem mit pflegebedürftigen Angehörigen.
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Pfahl und Unrau haben Daten der Beschäftigtenbefragung der IG Metall aus dem Jahr 2017 ausgewertet. In die Analyse eingeflossen sind Angaben von mehr als 24 500 Männern ab 25 Jahren, die in der westdeutschen Metall- und Elektroindustrie in der Produktion oder produktionsnahen Bereichen wie Logistik oder Instandhaltung arbeiten.

Von den Befragten sind 68 Prozent mit ihren Arbeitszeiten zufrieden oder eher zufrieden. Sowohl Care-Verantwortung als auch Schichtarbeit spielen für die Bewertung eine wichtige Rolle. Schichtarbeiter sind nur zu 56 Prozent zufrieden oder eher zufrieden, diejenigen ohne Schichtarbeit zu 76 Prozent. Bei Dauernachtschicht beträgt der Anteil 62 Prozent, bei Früh- und Spätschicht im Wechsel 59 Prozent, bei Dreischicht 50 Prozent. Männer ohne Verantwortung für Kinder oder Pflegebedürftige sind zu 71 Prozent zufrieden, Väter zu 67 Prozent, Pflegende zu 64 Prozent. Bei Arbeitnehmern, die sich in einer „Sandwichposition“ befinden, also sowohl für Kinder als auch für pflegebedürftige Angehörige verantwortlich sind, sind es nur 58 Prozent.

Der Studie zufolge verstärken sich die Effekte gegenseitig: Väter mit Schichtarbeit, die also zwei zeitliche Herausforderungen zugleich meistern müssen, äußern sich nur zu 57 Prozent zufrieden, pflegende Männer im Schichtsystem zu 49 Prozent und diejenigen mit Kindern, Pflege und Schicht sogar nur zu 46 Prozent.

Wenn man weitere Faktoren in die Analyse einbezieht, lässt sich statistisch nachweisen, dass sich bestimmte Arbeitszeitbedingungen unabhängig von Sorgeaufgaben und Schichtdienst auswirken. Den stärksten Effekt hat die Planbarkeit der Arbeitszeiten, den zweitstärksten täglicher Zeitdruck. Ansonsten spielen unter anderem befristete Teilzeit, Gleitzeit, kurzfristige Schichtplanänderungen oder die Möglichkeit, tageweise freizunehmen, eine Rolle. Auch anspruchsvolle Care-Situationen können laut der Untersuchung durch günstige Arbeitszeitbedingungen aufgefangen werden, ohne dass die Arbeitszeitzufriedenheit leidet. Vätern helfe es besonders, sich tageweise freinehmen oder Freischichten individuell wählen zu können, pflegenden Männern eher, sich stundenweise freizunehmen oder von Schichtänderungen zumindest möglichst früh zu erfahren. 

Aus den Ergebnissen folge ein klarer Handlungsauftragt, erklären Pfahl und Unrau: Angesichts schnellerer und flexiblerer Produktion, Fachkräfteengpässen sowie steigenden Arbeitsdrucks müsse mehr auf eine ausreichende Planbarkeit der Arbeitszeit und eine Begrenzung der Arbeitsbeanspruchung der einzelnen Beschäftigten geachtet werden. Wenn es in den Betrieben gelingt, für Planbarkeit zu sorgen, erhöhe sich die Wahrscheinlichkeit, dass Männer aus den verschiedenen Teilgruppen mit ihrer Arbeitszeit zufrieden sind, um bis zu 31 Prozentpunkte. Die Reduzierung des Zeitdrucks könnte den Anteil um bis zu 17 Prozentpunkte steigern, die Möglichkeit, individuell tageweise freizunehmen, um bis zu 16 Prozentpunkte und die Option, die eigene Arbeitszeit vorübergehend abzusenken, um bis zu 8 Prozentpunkte – je nach Care-Situation und Schichtbetroffenheit.

Svenja Pfahl, Eugen Unrau: Arbeitszeiten aus Sicht von Männern mit Care-Verantwortung, Working Paper der HBS-Forschungsförderung Nr. 403, April 2026

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