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Globalisierung: Finanzkapital bremst Entwicklung

Ausgabe 06/2007

Die Globalisierung der Finanzwelt hat in Schwellen- und Entwicklungsländern nicht zu mehr Wirtschaftswachstum, sondern zu stärkeren Konjunkturschwankungen geführt.

Die Grenzöffnung für internationales Kapital hat vielen Ländern nichts genützt und manchen geschadet. Zu diesem Schluss kommt der Leiter der Abteilung für Globalisierung und Entwicklung der Welthandels- und Entwicklungskonferenz (UNCTAD), Heiner Flassbeck, in einer Auseinandersetzung mit gängigen Wirtschaftstheorien. Der Wirtschaftsprofessor und sein Mitarbeiter Massimiliano La Marca zeigen, dass Globalisierung anders funktioniert, als es die heutige "Standardökonomie" vorsieht, indem sie empirische Befunde zur weltweiten Wirtschaftsentwicklung mit den Voraussagen ökonomischer Mainstream-Theorien vergleichen.

Nach der neoklassischen Standardtheorie müssten die Ersparnisse der Industriestaaten in die Länder mit dem größten Nachholbedarf bei Lebensstandard und Technologie fließen, weil Investitionen dort die höchsten Renditen erzielen. Das würde die Wirtschaft in Schwellen- und Entwicklungsländern ankurbeln. Trotz "gewaltiger Forschungsanstrengungen" sei bisher aber nicht nachgewiesen worden, dass die finanzielle Globalisierung die reale Wirtschaft in Nicht-Industrieländern stimuliere, so die UNCTAD-Ökonomen.

Offene Finanzmärkte sind keine hinreichende Bedingung für Wachstum, wie die schwache wirtschaftliche Entwicklung einiger Länder mit wenig regulierten Finanzmärkten zeigt. Beispiele sind Venezuela, Südafrika, Jordanien oder Peru. Ein wesentlicher Zusammenhang zwischen Finanzmarkt-Liberalisierung und Wirtschaftswachstum lasse sich nicht einmal durch Korrekturrechnungen herstellen, die wirtschaftlichen Entwicklungsstand, Bildungssystem, regionale Lage, politische Stabilität und andere Faktoren einbeziehen, schreiben die Experten. Barrierefreiheit für Kapital zählt auch nicht zu den Minimalvoraussetzungen für wirtschaftlichen Erfolg - sonst ließen sich das rasante Wirtschaftswachstum in China und Indien nicht erklären. Diese Länder regulieren Kapitalflüsse relativ stark. Auch zwischen nationalem Bank- und Finanzsystem sowie wirtschaftlichen Erfolgen oder Misserfolgen sei kein klarer Zusammenhang zu erkennen, so Flassbeck und La Marca. Für Entwicklungsländer ließen sich "keine fertigen Erfolgsrezepte identifizieren".

Sie nennen zwei Gründe, warum ausländische Kapitalströme der Wirtschaft von Schwellen- und Entwicklungsländern weniger nützen könnten, als viele Ökonomen unterstellen:

=> Mehr Kapital heißt nicht immer mehr reale Investition. Bei langfristiger Betrachtung zeigt sich, dass immer mehr Geld in Portfolio- statt Direktinvestitionen fließt. Bei solchen Transaktionen wechseln bestehende Firmen durch Fusionen und Übernahmen ihre Besitzer, es werden aber nicht unbedingt neue Produktionsstätten gebaut.

=> Ausländische Direktinvestitionen können inländische Investitionen verdrängen. Wenn Ausländer dort investieren, wo sonst Inländer in Aktion getreten wären, ist der Gesamteffekt gleich Null. Transferieren internationale Investoren die erzielten Gewinne ins Ausland oder beziehen die Vorprodukte von dort statt von heimischen Produzenten, können Direktinvestitionen sogar schädlich sein, so die Wissenschaftler.

Während die Gleichung mehr Kapital gleich mehr Investition nur in neoklassischen Wirtschaftsmodellen, aber nicht in Realität aufgeht, gibt es den UNCTAD-Experten zufolge "eine Menge von Nachweisen" für die "Zunahme gesamtwirtschaftlicher Schwankungen im Zuge der Globalisierung". So sei das Auf und Ab der Konsumnachfrage in Schwellenländern in den 90er-Jahren heftiger geworden, weil plötzliche Veränderungen von Zinsen und Wechselkursen das Preisgefüge durcheinander gebracht haben. Und ein Stop-and-go-Verhalten der Verbraucher kann die Wirtschaftsentwicklung bremsen. Denn Unternehmen investieren nicht in neue Anlagen, falls sich wegen nachlassender Nachfrage das Lager statt der Kasse füllt - selbst wenn reichlich Kapital zur Verfügung steht, argumentieren die Wissenschaftler.

Die beobachtete Zunahme der Konsum- und Produktionsschwankungen widerspricht nach Flassbeck und La Marca noch einer anderen Annahme neoklassischer Wirtschaftstheoretiker: Nämlich dass globale Finanzmärkte die Einkommensschwankungen weltweit reduzieren, weil sie mehr Möglichkeiten zur Risikostreuung bieten.

Auch die Vorstellung, dass sich Preise, Zinsen, Wechselkurse und andere wirtschaftliche Größen langfristig auf einem stabilen Gleichgewichtsniveau einpendeln, finde in der realen Welt keine Entsprechung - unter anderem weil weltweite kurzfristige Kapitalbewegungen die Wirtschaft nicht zur Ruhe kommen lassen. Die "systemische Instabilität des Finanzsystems" sehen Flassbeck und La Marca daher als "die größte Bedrohung der globalisierten Wirtschaft". 

  • EU zieht das meiste Kapital an
    Die meisten ausländischen Direktinvestitionen fließen nicht - wie es die ökonomische Standardtheorie erwarten ließe - in Schwellen- und Entwicklungsländern, sondern in Industriestaaten. Grafik herunterladen

Heiner Flassbeck, Massimiliano La Marca: Offene Weltmärkte sind nicht genug, in: WSI-Mitteilungen 12/2006.

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