zurück
Eine halbe Million Beschäftigte hat 2025 gestreikt Böckler Impuls

Arbeitskämpfe: Eine halbe Million Beschäftigte hat 2025 gestreikt

Ausgabe 11/2026

In Deutschland wird weniger gestreikt. Bei etwa einem Viertel der Arbeitskämpfe geht es darum, Arbeitgeber überhaupt zum Abschluss von Tarifverträgen zu bewegen.

Die Zahl der Streiks und der dabei ausgefallenen Arbeitstage hat sich im Jahr 2025 gegenüber den beiden Vorjahren weiter verringert – parallel zur Normalisierung der Verbraucherpreise. Im langfristigen Vergleich lag die Zahl der von Arbeitskämpfen begleiteten Konflikte jedoch weiterhin auf relativ hohem Niveau. Dies hat mehrere Gründe: So waren die massiven Kaufkraftverluste der Vorjahre auch 2025 noch nicht in allen Branchen vollständig ausgeglichen. Außerdem führten Beschäftigte und ihre Gewerkschaften viele Arbeitskämpfe, um der seit Jahren sinkenden Tarifbindung durch Arbeitgeber, die aus Tarifverträgen aussteigen, etwas entgegenzusetzen. Das zeigt die neue Arbeitskampfbilanz des WSI.
 
Im vergangenen Jahr zählte das WSI 261 Arbeitskämpfe. Das waren 25 weniger als 2024, so die Studienautoren Thilo Janssen und Heiner Dribbusch. An Streiks teilgenommen haben nach ihren Berechnungen 552 000 Personen, 360 000 weniger als 2024. Ein Grund dafür ist, dass in der Metall- und Elektroindustrie 2025 im Gegensatz zum Vorjahr keine Tarifverhandlungen und damit auch keine flächendeckenden Arbeitsniederlegungen stattfanden; Warnstreiks in dieser Branche mit ihren 3,7 Millionen Beschäftigten beeinflussen die Statistik stets erheblich. Auch die Zahl der arbeitskampfbedingt ausgefallenen Arbeitstage lag 2025 mit 645 000 deutlich unter dem Vorjahreswert von rund 912 000 und etwas unter dem Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre. Tendenziell deuten die Ergebnisse auch auf eine geänderte Arbeitskampfführung der Gewerkschaften hin: Einzelne, kurze Arbeitsniederlegungen überwiegen, unbefristete Flächenstreiks sind dagegen seltene Ausnahmen geworden.

Arbeitskämpfe für Tarifverträge

Erstmals hat das WSI für 2025 auch die Arbeitskampfziele der Gewerkschaften quantitativ ausgewertet. In mehr als jedem vierten Arbeitskampf rangen die Beschäftigten um die – zum Teil erstmalige – Tarifbindung ihres Unternehmens. Dabei überwiegen Streiks um Haustarifverträge. „Gewerkschaften müssen somit einen erheblichen Teil ihrer Ressourcen dafür aufwenden, der Tarifflucht der Unternehmen und damit einem weiteren Absinken der Tarifbindung entgegenzuwirken“, schreiben die Wissenschaftler. 

Newsletter abonnieren

Alle 14 Tage Böckler Impuls mit Analysen rund um die Themen Arbeit, Wirtschaft und Soziales im Postfach: HIER anmelden!

Infografik: 552000 Beschäftigte haben 2025 gestreikt.
Zur Grafik
Infografik: 645000 Arbeitstage sind durch Streiks ausgefallen.
Zur Grafik

In rund der Hälfte der Arbeitskämpfe ging es ausschließlich um ein höheres Entgelt, in weiteren rund 15 Prozent um Konstellationen aus Entgelt- und Arbeitszeitregelungen. Auffällig ist die Branchenverteilung bei Transformationskonflikten: Bei acht Prozent der Arbeitskämpfe waren Umstrukturierungen der Ausgangspunkt. 14 dieser 20 Konflikte entfielen auf den Zuständigkeitsbereich der IG Metall. Dies spiegelt auch die sehr unterschiedliche Lage in den Branchen wider: Während im Dienstleistungsbereich weiterhin neue Arbeitsplätze entstanden, wurden im produzierenden Gewerbe Stellen abgebaut; entsprechend zielten die Arbeitskämpfe dort häufig auf tarifliche Vereinbarungen zu Beschäftigungssicherung, Abfindungen oder Transfergesellschaften. Beispiele sind die Druckindustrie, der Autohersteller Ford oder der Gabelstaplerhersteller Jungheinrich, wo die Beschäftigten nach Standortschließung 85 Tage erfolgreich für einen Sozialtarifvertrag streikten – der längste unbefristete Streik 2025.

Kurze Warnstreiks auf Hausebene sind am häufigsten

Erzwingungsstreiks nach Urabstimmung sind allerdings die Ausnahme: Das WSI hat 2025 nur sieben unbefristete Arbeitskämpfe gezählt. Bis auf einen Fall führten alle Erzwingungsstreiks zu einem Tarifabschluss, darunter der von Verdi organisierte 48-Tage-Streik bei der Dienstleistungs-Tochter CFM der Berliner Charité für die Angleichung der Löhne an den TVöD oder der Streik der NGG für einen Haustarifvertrag beim Dönerfleischproduzenten Birtat. 

Im Gegensatz zum Vorjahr fanden 2025 etwas mehr Arbeitskämpfe in der Industrie, nämlich 134, als im Dienstleistungsbereich mit 127 statt. Meistens handelte es sich dabei um Warnstreiks mit einer oder mehreren kurzen Arbeitsniederlegungen, rund 70 Prozent davon auf Haus­ebene und 30 Prozent in der Fläche. Bei den Teilnehmendenzahlen verhält es sich umgekehrt: Der Großteil der Streikenden kam 2025 aus dem Dienstleistungsbereich. Dies lag vor allem an den beiden großen Flächenstreiks im öffentlichen Dienst: Im Frühjahr streikten die Beschäftigten des Bundes und der Kommunen sowie der kommunalen Verkehrsunternehmen. Zum Ende des Jahres begann der Arbeitskampf der Tarifbediensteten der Länder, der sich ins Frühjahr 2026 fortsetzte. 

Internationaler Vergleich: Deutschland im Mittelfeld

In der internationalen Streikstatistik, bei der das WSI wie international üblich die arbeitskampfbedingten Ausfalltage pro 1000 Beschäftigte im Durchschnitt der vergangenen zehn Jahre miteinander vergleicht, liegt Deutschland weiterhin im Mittelfeld. Hierzulande fielen zwischen 2015 und 2024, dem jüngsten Jahr, für das die nötigen internationalen Vergleichsdaten vorliegen, aufgrund von Arbeitskampfmaßnahmen im Jahresdurchschnitt rund 22 Arbeitstage pro 1000 Beschäftigte aus. 

Die Spitzengruppe bilden wie im Vorjahr Finnland, Frankreich, Kanada und Belgien. An fünfter Position folgt Zypern, das seinen Platz den zwei von großen Arbeitskämpfen geprägten Jahren 2019 und 2023 verdankt. Mit Spanien, dessen Streikstatistik Generalstreiks nicht berücksichtigt, beginnt das Mittelfeld. Dort finden sich nach Großbritannien, Norwegen und den USA auch Deutschland und die Niederlande wieder. Polen, Dänemark, Irland und Portugal bilden das untere Mittelfeld. Am Ende liegen wie in den Vorjahren Ungarn, Österreich, die Schweiz und Schweden mit einstelligen Werten. Im langfristigen Vergleich ist die Streikentwicklung in Europa weiter rückläufig, während die Zahl der Ausfalltage in den USA zuletzt etwas gestiegen ist. 

Die seit 2008 veröffentlichte Arbeitskampfbilanz des WSI beruht auf Gewerkschaftsangaben, Pressemeldungen und Medien-Recherchen. Die von der Bundesagentur für Arbeit (BA) veröffentlichten Daten zum Streikgeschehen stützen sich dagegen auf die – oft lückenhaften – Meldungen der Arbeitgeber. Daher wird von der BA meist eine geringere Anzahl von Streikbeteiligten oder Ausfalltagen angegeben.

Infografik: Je 1000 Beschäftigte fielen in Deutschland 2025 22 Arbeitstage durch Streiks aus.
Zur Grafik

Thilo Janssen, Heiner Dribbusch: WSI-Arbeitskampfbilanz 2025, WSI-Report Nr. 114, Juli 2026

Impuls-Beitrag als PDF

Zugehörige Themen