Böckler Impuls Ausgabe 13/2010

Hartz IV

Aktive Arbeitslose

Die meisten Arbeitslosengeld-II-Bezieher sind keineswegs untätig. Sie haben einen kleinen Job, sind in Aus- und Weiterbildung oder kümmern sich um Kinder oder Pflegebedürftige - und suchen nebenbei Arbeit. Oft mit geringen Ansprüchen und geringem Erfolg.

Wie viele Empfänger von Arbeitslosengeld II (ALG II) gehen "allgemein als sinnvoll empfundenen" Beschäftigungen nach? Und wie steht es um ihre Arbeitsmotivation? Dem sind Wissenschaftler des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nachgegangen. 2008 befragten die Forscher im Rahmen des Panels "Arbeitsmarkt und Soziale Sicherung" 4.400 Grundsicherungsbezieher im erwerbsfähigen Alter. Dabei fanden sie keine Anhaltspunkte dafür, dass eine nennenswerte Zahl von ALG-II-Beziehern in den Tag hinein lebt und sich nicht um Arbeit bemüht. Nach ihrer Hochrechnung gab es unter den 5,24 Millionen Erwerbsfähigen, die im März ALG II bekamen, lediglich 350.000, die nicht durch Job, Weiterbildung oder familiäre Pflichten in Anspruch genommen waren und sich in den letzten vier Wochen nicht aktiv um Arbeit bemüht hatten. Zu dieser Gruppe gehörten größtenteils Ältere mit gesundheitlichen Problemen.

Damit sind Arbeitslosengeld-II-Bezieher beschäftigt:

  • Knapp 30 Prozent der ALG-II-Bezieher sind Aufstocker. Am häufigsten sind Minijobs, jeder zehnte Befragte arbeitete aber 20 Stunden in der Woche oder mehr;

  • 10 Prozent absolvieren eine Berufsausbildung;

  • 10 Prozent sind in Maßnahmen der Arbeitsagentur, oft in Ein-Euro-Jobs;

  • 30 Prozent betreuen Kinder;

  • 7 Prozent pflegen Angehörige.

Insgesamt gehen 66 Prozent wenigstens einer dieser familien- oder arbeitsmarktbezogenen Aktivitäten nach. Für 54 Prozent ist damit mindestens das Arbeitsvolumen eines Halbtagsjobs verbunden.

Einstellungen zur Arbeit: höhere Motivation und größere Konzessionsbereitschaft als andere Arbeitssuchende. 76 Prozent der ALG-II-Bezieher stimmten der Aussage zu : "Arbeit zu haben, ist das Wichtigste im Leben" - bei anderen Arbeitsuchenden liegt die Zustimmung fünf Prozentpunkte niedriger. Einen Arbeitsweg von einer Stunde oder mehr würden 63 Prozent der ALG-II-Empfänger hinnehmen, aber nur 46 Prozent der übrigen Personen auf Jobsuche. Eine Arbeit, deren Anforderungen unter der eigenen Qualifikation liegen, oder ungünstige Arbeitszeiten würden ebenfalls deutlich häufiger Arbeitslose mit ALG II annehmen.

Arbeitssuche: Die Mehrheit war in den letzten vier Wochen aktiv. Nach den Vorgaben der Arbeitsagentur waren etwa drei der damals gut fünf Millionen ALG-II-Empfänger verpflichtet, sich um Arbeit zu bemühen - ein Fünftel derer, die nicht mussten, suchte jedoch trotzdem. Knapp zwei Drittel der zur Suche Verpflichteten haben in den vier Wochen vor der Befragung auf Stellenanzeigen geantwortet, bei Betrieben nach Arbeit gefragt oder Initiativbewerbungen geschrieben. Mit mäßigem Erfolg: Nur ein gutes Viertel hatte im Vormonat ein oder mehr Vorstellungsgespräche.

Rund eine Million Arbeitslose war zwar zur Arbeitssuche verpflichtet, hatte aber in den letzten vier Wochen nichts unternommen. Ein Viertel davon geht anderen Aktivitäten im Umfang von wenigstens 35 Wochenstunden nach. Meist einem Vollzeitjob oder einer Kombination aus Halbtagsstelle und Kinderbetreuung. "Für sie ist die Arbeitsmarktintegration bereits in dem Umfang erreicht, der möglich ist", so das IAB. Daher drängten die Arbeitsvermittler die Betroffenen nur selten, sich eine besser bezahlte Stelle zu suchen, um den Leistungsbezug zu beenden. Bei den übrigen Personen, die in letzter Zeit nicht auf Jobsuche waren, dominieren laut IAB gesundheitliche Gründe und Entmutigung nach langer, erfolgloser Suche. "Nur eine sehr kleine Minderheit nennt Gründe, die als direkte Hinweise auf eine fehlende Arbeitsmotivation gedeutet werden können", so das IAB.

Das ALG II ist "nicht nur eine Leistung für Langzeitarbeitslose, sondern auch eine soziale Sicherung für Erwerbstätige und Familien mit schwachem Einkommen", so das Fazit der Studie. Das Ziel einer besseren Erwerbsintegration sei für die "ganz überwiegende Zahl" der Betroffenen nicht durch eine noch "härtere Gangart", sondern allenfalls durch ein individuelles Eingehen auf die Situation der Betroffenen zu erreichen.


Quellen

Jonas Beste u.a.: ALG-II-Bezug ist nur selten ein Ruhekissen (pdf), IAB-Kurzbericht 15/2010


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