Technik

"Künstliche Intelligenz ist tendenziös"

Im Umgang mit Robotern, Algorithmen oder Bots stellen sich ganz neue ethische Fragen. Sie lassen sich heute erst in Ansätzen beantworten. Das zeigte der Digitalisierungskongress 2019 in Berlin.


Wie selbstverständlich Digitalisierung ist, wurde auf dem Digitalisierungskongress 2019 der Gewerkschaft ver.di und der Hans-Böckler-Stiftung in Berlin deutlich: Meredith Whittaker, Google-Managerin und Gründerin des AI Now Institute, das sich mit den gesellschaftlichen Folgen künstlicher Intelligenz (KI) beschäftigt, sprach per Video-Aufzeichnung aus den USA. Gebannt verfolgten die Gäste die Warnungen Whittakers vor einer zu großen Macht künstlicher Intelligenz – und gaben der Frau, die gar nicht da war, am Ende Standing Ovations. 


Whittaker konnte nicht persönlich kommen, weil sie in einer Auseinandersetzung mit ihrem Arbeitgeber steckt. Sie gehört zu denen, die den Protest gegen den eigenen Arbeitgeber organisieren. Google wird vorgeworfen, gegenüber Fällen von sexueller Belästigung gleichgültig zu sein und Staaten bei der Überwachung der Bürger zu unterstützen. Ihr Appell: „Macht euch nicht zu Komplizen. KI ist nicht gerecht, sondern tendenziös.“

Auch auf den Foren und in den Workshops des Kongresses unter Live-Bedingungen unter dem Motto „Künstliche Intelligenz – wer steuert wen?“ ging es um das Spannungsverhältnis zwischen dem Nutzen und den Risiken der neuen Technik. Callcenter arbeiten längst mit Chatbots, also Sprachprogrammen, die mit den Kunden kommunizieren. Die Bundespolizei setzt bei der Passkontrolle Software zur Gesichtserkennung ein. Oliver Bendel, Maschinenethiker und Wirtschaftsinformatiker, berichtete vom Sicherheitsroboter „K5“, der in amerikanischen Einkaufszentren herumfährt und unter anderem Personen identifizieren kann, die Hausverbot haben. Die rote Linie sieht Bendel dann überschritten, wenn etwa ein Staat eine Maschine einsetzt, die anhand der Stimme oder der Mimik Emotionen oder politische und private Vorlieben erkennen kann. Bendel appellierte aber, KI nicht von vornherein abzulehnen: „In China ist ein Pflegeroboter bereits testweise im Einsatz. Maschinen können das Personal entlasten – zum Beispiel wenn es darum geht, schwere Patienten aus dem Bett zu heben.“

Die Datenschutzaktivistin Rena Tangens wies darauf hin, dass Algorithmen nicht objektiv sind. Ein Beispiel: Versicherungsnehmer würden immer weniger anhand ihrer persönlichen Angaben beurteilt, sondern durch Daten ähnlicher Kunden aus der Vergangenheit. Für Rena Tangens verläuft die Konfliktlinie nicht zwischen Mensch und Maschine, sondern zwischen Menschen mit weniger und Menschen mit mehr Macht.

Norman Nieß, Betriebsratsvorsitzender eines Callcenter-Unternehmens, wertete die kritische Haltung zur KI in Deutschland, bei der Datenschutz eine große Rolle spielt, als Wettbewerbsvorteil: „Wenn es darum geht, das Leben zu verbessern, sollte man diejenigen, die davon betroffen sind, also Arbeitnehmer und Kunden, mitnehmen“, sagte Nieß unter großem Applaus. Der stellvertretende ver.di-Vorsitzende Frank Werneke zeigte sich optimistisch, dass die Gewerkschaften die Branchen mitgestalten können, in denen sie gut organisiert sind, sagte aber auch: „Mich treiben unregulierte Branchen wie die Plattformökonomie um.“ Die Mehrheit der Diskutanten sprach sich für eine organisierte Beteiligung der Betroffenen und mehr Regeln mit Blick auf KI aus. 

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