Böckler Impuls Ausgabe 17/2018

Verteilung

Arme bleiben öfter arm

Die Ungleichheit in Deutschland hat seit der Wiedervereinigung erheblich zugenommen. Armut und Reichtum verfestigen sich.

Arme bleiben öfter arm

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Die Einkommen in Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren polarisiert: Der Anteil der Haushalte unter der Armutsgrenze hat ebenso zugenommen wie der Anteil der reichen Haushalte. Dagegen ist die Gruppe der mittleren Einkommen geschrumpft. Gleichzeitig haben sich Armut und Reichtum verfestigt. Arme bleiben öfter arm, Reiche bleiben reich. Zu diesem Ergebnis kommt Dorothee Spannagel im aktuellen WSI-Verteilungsbericht.
 
Die Forscherin nutzt die neuesten verfügbaren Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), sie reichen bis 2015. In der Wiederholungsbefragung SOEP machen jährlich 11 000 Haushalte Angaben zu ihren Einkommen. Basis der Analyse ist das reale verfügbare Haushaltseinkommen; dabei sind Steuern und Sozialbeiträge vom Bruttoeinkommen abgezogen und Sozialtransfers wie Kinder- oder Arbeitslosengeld hinzugerechnet. Als einkommensarm gilt, internationalen Konventionen folgend, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat. Einkommensreich sind danach Haushalte, die mindestens das Doppelte des mittleren Einkommens zur Verfügung haben; damit ist die Grenze – ebenso wie im Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung – relativ niedrig gezogen, betont Spannagel.
 
Seit den 1990er-Jahren zeigt sich nach der WSI-Analyse vor allem bei der Armut ein markanter, weitgehend kontinuierlicher Anstieg: Waren damals rund elf Prozent aller Menschen in Deutschland einkommensarm, stieg die Quote bis 2015 auf knapp 16,8 Prozent. Zuletzt ging der Anstieg vor allem auf Flüchtlinge zurück. Allerdings liegt auch die Armutsquote der in Deutschland Geborenen deutlich höher als in den 1990ern.

Der Anteil der Bevölkerung in einkommensreichen Haushalten variiert über die Jahre etwas stärker, der langfristige Trend ist aber ebenfalls klar aufsteigend: Von 5,6 Prozent Anfang der 1990er-Jahre ausgehend erreichte die Quote der Einkommensreichen ihren bisherigen Höchststand von fast 8,3 Prozent im Jahr 2014. Zuletzt lag sie bei 7,5 Prozent.
 
Besonders problematisch ist nach Analyse der Forscherin, dass sich parallel zu den Anstiegen sowohl die Einkommensarmut als auch der Einkommensreichtum verfestigt haben. So hatten 3,1 Prozent der Bevölkerung zwischen 1991 und 1995 in jedem einzelnen Jahr ein Einkommen unter der Armutsgrenze. In den fünf Jahren von 2011 bis 2015 betrug der Anteil 5,4 Prozent.
 
Bei den Einkommensreichen ist die dauerhafte Verfestigung weniger stark ausgeprägt. Der Anteil der Menschen, die über wenigstens fünf Jahre mehr als das Doppelte des mittleren Einkommens hatten, nahm in Westdeutschland von 2,3 auf 3,4 Prozent zu. Über die Entwicklung des Reichtums in Ostdeutschland im selben Zeitraum lässt sich nichts sagen, weil die Fallzahlen für die 1990er-Jahre im SOEP zu gering sind. 

Was treibt die Ungleichheit?

Woher kommt der Anstieg der Ungleichheit? Eine Reihe von ökonomischen Analysen liefert Erklärungsansätze für das Auseinanderdriften der Einkommen, erklärt Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor des IMK. Zunächst stelle sich die Frage, ob und warum die Unterschiede bei den Markteinkommen, also den Einkommen vor Umverteilung durch Steuern und Sozialleistungen oder auf Haushaltsebene, zunehmen. In der perfekten Marktwirtschaft wäre zu erwarten, dass sich Lohnunterschiede zwischen Unternehmen tendenziell angleichen statt zuzunehmen, so Horn. Schließlich würden schlecht bezahlte Arbeitskräfte in diesem Modell zu Firmen mit höheren Löhnen abwandern und Unternehmen mit allzu hohen Löhnen würden durch den Preiswettbewerb zu Kostensenkungen gezwungen. Es könnte aber sein, dass in der realen Wirtschaft beides nicht so funktioniert wie im ökonomischen Idealmodell: Wenn in einem Teil der Wirtschaft harte Konkurrenz Preise und Löhne drückt, in einem anderen Teil der Wirtschaft aber bestimmte Beschäftigtengruppen hohe Vergütungen durchsetzen können – dann werden die Einkommensdifferenzen größer. „Erklärungen für die steigende Ungleichheit der Löhne könnten also in der Zunahme der Firmenheterogenität sowie der stärkeren Fragmentierung des Arbeitsmarktes bestehen“, schreibt Horn. Dies könne zum Beispiel eine Folge der Digitalisierung sein, die bestimmten Unternehmen und Fachkräften auf dem Güter- beziehungsweise Arbeitsmarkt eine monopolartige Stellung verschafft, während andere ihre Preise und Löhne scharf kalkulieren müssen, um nicht aus dem Markt gedrängt zu werden. Hinzu kommt: Beschäftigten gelingt es heute seltener als in früheren Zeiten, in besser bezahlte Jobs aufzusteigen, wie Studien zeigen.

Weniger Umverteilung

Eine andere Theorie sieht ebenfalls einen Zusammenhang zwischen polarisierter Verteilung und technischem Fortschritt: Die zunehmende Automatisierung bedroht vor allem qualifizierte Routineaufgaben, die oft von Menschen im mittleren Einkommenssegment erledigt werden, während sowohl schlecht bezahlte Service-Jobs als auch hoch bezahlte Expertentätigkeiten erhalten bleiben. Dies könnte das „Schrumpfen der Mitte“ erklären – und damit die Zunahme von Armut und Reichtum. Einige empirische Untersuchungen bestätigen die These, andere finden keine entsprechenden Hinweise. Umstritten ist unter Ökonomen auch die Bedeutung der sogenannten Arbeitsmarktflexibilisierung und der Kürzungen von Lohnersatzleistungen – beides setzt potenziell gerade die Löhne im unteren Bereich unter Druck.

Unstrittig ist dagegen: Der größte Teil der Markteinkommen besteht zwar aus Arbeitsentgelten, aber auch die Kapitaleinkommen spielen eine Rolle. Sie fließen beinahe komplett den Haushalten an der Spitze der Pyramide zu und haben über längere Zeit deutlich zugelegt. Ende der 1990er-Jahre „setzte eine dramatische Umverteilung zu Lasten des Faktors Arbeit bis zur Finanzkrise ein“, schreibt Horn. Seither wachsen die Vermögenseinkommen wegen der niedrigen Zinsen wieder langsamer.

Auch Veränderungen der Haushaltsstruktur – kleinere Haushalte, mehr Singles und Alleinerziehende – können Einfluss auf die Verteilung haben. Allerdings lässt sich nicht von vornherein sagen, ob die Ungleichheit durch solche Verschiebungen zu- oder abnimmt, erläutert Horn. Verschiedene Studien kommen hier zu unterschiedlichen Ergebnissen.
 
Schließlich bleibt noch der Einfluss des Staats: Hier zeigen Untersuchungen, dass die „staatliche Umverteilungswirkung zwischen 1991 und 1997 zunächst deutlich zugenommen und später – seit dem Ende der 1990er-Jahre – deutlich abgenommen hat“. Das Steuer- und Abgabensystem hat die unteren fünf Prozent der Haushalte zwischen 1998 und 2015 um 5,7 Prozent höher belastet, das oberste Prozent der Haushalte aber um 4,8 Prozent entlastet.

Quelle: Gustav Horn: Wie entstand die Ungleichheit der Einkommen in Deutschland und was sollte man dagegen tun?, List Forum für Wirtschafts- und Finanzpolitik, im Erscheinen

 

Arme bleiben öfter arm - Teil 2

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Für besorgniserregend hält Spannagel die Tatsache, dass sich dauerhafte Armut und dauerhafter Reichtum in bestimmten Regionen und Bevölkerungsgruppen konzentrieren und aktuelle Trends am Arbeitsmarkt die Verfestigung weiter begünstigen dürften:
  • West/Ost: 95 Prozent der dauerhaft Einkommensreichen in der Bundesrepublik leben in West-, nur fünf Prozent in Ostdeutschland. Hingegen leben knapp 62 Prozent der dauerhaft Armen in den neuen Ländern, obwohl dort nur ein Fünftel der Gesamtbevölkerung ansässig ist.
  • Mann/Frau: Etwa drei Viertel der dauerhaft Einkommensreichen sind Männer. Unter den dauerhaft Armen stellen dagegen Frauen die Mehrheit. Allerdings ist der Unterschied hier nicht so groß: 54 Prozent sind weiblich, 46 Prozent männlich.
  • Hohe/niedrige Qualifikation: Dauerhafte Armut droht besonders häufig Menschen mit niedrigen Abschlüssen. Aufgrund der ausgeprägten sozialen Segregation im deutschen Bildungswesen sieht Spannagel darin ein großes Problem: „Hier schließt sich der Kreis, Armut wird vererbt.“
  • Vollzeit/Teilzeit: Erwerbstätigkeit in Vollzeit schützt nach den SOEP-Daten klar vor dauerhafter Armut. Für Teilzeitbeschäftigte oder Menschen mit Minijobs bestehen hingegen kaum Aussichten auf ein hohes Einkommen.
  • Doppel-/Alleinverdiener: Alleinerziehende und Singles tragen das höchste Risiko, dauerhaft arm zu bleiben. Dagegen erzielen Doppelverdiener ohne Kinder am häufigsten dauerhaft hohe Einkommen: Knapp 55 Prozent der dauerhaft Einkommensreichen sind Paare ohne Nachwuchs im Haushalt.
Um einer weiteren Polarisierung der Einkommen entgegen zu wirken, sollte die Politik laut Spannagel Lohnungleichheiten zwischen Ost- und Westdeutschland verringern, die auch mit der niedrigeren Tarifbindung im Osten zu tun haben, Bildungsungleichheit reduzieren, Langzeitarbeitslosigkeit bekämpfen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch bessere Angebote zur Kinderbetreuung unterstützen.

 

Quelle

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