Böckler Impuls Ausgabe 17/2012

Atypische Beschäftigung

Zwei Jahrzehnte Flexibilisierung: Ein Drittel arbeitet atypisch

Mehr als ein Drittel aller Arbeitnehmer muss mit Leiharbeit, Mini- und Midijobs, Teilzeit oder befristeten Arbeitsverträgen über die Runden kommen. Die wenigsten entscheiden sich freiwillig dafür, ein erheblicher Teil erhält einen Niedriglohn.

Der Arbeitsmarkt wird zunehmend heterogen: Atypische Beschäftigung ist auf dem Vormarsch, das Normalarbeitsverhältnis hat an Boden verloren. Berndt Keller, Susanne Schulz und Hartmut Seifert haben die Entwicklungen der vergangenen zwei Jahrzehnte zusammengefasst. Im Auftrag des WSI haben die Arbeitsmarktforscher Ausmaß und Struktur der atypischen Beschäftigung in Deutschland untersucht. Ihre Auswertung basiert auf aktuellen Daten des Sozio-oekonomischen Panels, des Statistischen Bundesamts und der Bundesagentur für Arbeit.

Ihrer Analyse zufolge haben sämtliche Formen atypischer Beschäftigung seit den 1990er-Jahren zugenommen. Der Anteil der Leiharbeiter, Mini- und Midijobber, befristet oder in Teilzeit Beschäftigten hat sich in diesem Zeitraum von etwa 20 Prozent auf mehr als ein Drittel aller Arbeitnehmer erhöht. Am weitesten verbreitet ist Teilzeitarbeit mit mittlerweile über 26 Prozent der abhängig Beschäftigten. Ihre kontinuierliche Ausweitung führen die Arbeitsmarktexperten auf die zunehmende Erwerbstätigkeit von Frauen zurück, die über 80 Prozent der Teilzeitbeschäftigten ausmachen. Hinzu komme ein erhöhter Bedarf an zeitlicher Flexibilität vor allem bei Dienstleistungsbetrieben.

Einen befristeten Arbeitsvertrag hatten 2010 – ohne Auszubildende – etwa 10 Prozent der Beschäftigten. Vor allem Jüngere seien von Befristung überproportional häufig betroffen, konstatieren die Forscher. Die unter 25-Jährigen stellen nur 4 Prozent der unbefristet, aber 19 Prozent der befristet Beschäftigten: „Für junge Arbeitnehmer wird diese Beschäftigungsform immer häufiger zu einem typischen Start in das Erwerbsleben.“

Im vergangenen Jahr gab es 7,4 Millionen Minijobber – im Vergleich zu 5,5 Millionen 2003. Immer mehr Arbeitnehmer übten eine geringfügige Beschäftigung als Zusatzverdienst aus, mittlerweile sei jeder dritte Minijob eine Nebentätigkeit, schreiben die Autoren. Als mögliche Ursache nennen sie die verhaltene Lohnentwicklung der letzten Jahre: „Denkbar ist, dass immer mehr Beschäftigte einen zweiten Job aufnehmen, um ihre Einkommen zu stabilisieren oder zu steigern.“ Für diese Annahme spreche das vergleichsweise geringe Bruttoeinkommen der Beschäftigten mit Nebenjob, die im Schnitt fast 350 Euro weniger verdienen als Arbeitnehmer ohne Nebentätigkeit. Für ihren Nebenverdienst von durchschnittlich 262 Euro müssen sie eine erhebliche Arbeitsbelastung in Kauf nehmen: Zusätzlich zu ihrer Haupttätigkeit mit durchschnittlich 41 Wochenstunden wenden sie im Schnitt 5,3 Stunden für ihren Minijob auf.

Immerhin, so die Wissenschaftler, verfügten Beschäftigte mit Normalarbeitsverhältnis und Minijob über ein Mindestmaß an sozialer Absicherung. Auch geringfügig beschäftigte Studierende und Rentner gehörten in dieser Hinsicht nicht zu den Problemfällen. Wer hingegen hauptberuflich Minijobber ist, müsse mit erheblichen Nachteilen bei der Beschäftigungsfähigkeit und der Alterssicherung rechnen. Zu diesem „harten Kern“ gehört etwa die Hälfte der geringfügig Beschäftigten. Alle Minijobber gleichermaßen betrifft das Problem der geringen Bezahlung: „Mit weitem Abstand gegenüber allen anderen Formen atypischer Beschäftigung rangieren Minijobs an der Spitze des Niedriglohnsektors“, so die Forscher. Ihrer Expertise zufolge arbeitet fast jeder dritte Arbeitnehmer mit Minijob länger als 15, jeder vierte länger als 18 Stunden pro Woche. Entsprechend niedrig fallen bei maximal 400 Euro Monatseinkommen die Stundenlöhne aus: Über zwei Drittel verdienen weniger als 8,50 Euro pro Stunde, mehr als ein Viertel sogar weniger als 5 Euro. Schaut man auf alle atypisch Beschäftigten, erhielt 2010 fast die Hälfte nur einen Niedriglohn.

Im Vergleich zu den Minijobs sind Midijobs zwar weniger verbreitet, sie weisen aber deutlich höhere Zuwachsraten auf. Ihre Zahl ist seit 2003 auf das Doppelte gewachsen: Ende 2010 waren 1,3 Millionen oder 3,8 Prozent aller abhängig Beschäftigten Midijobber, verdienten also zwischen 400 und 800 Euro im Monat. 45 Prozent von ihnen arbeiteten 31 Stunden und länger, 36 Prozent waren sogar vollzeitbeschäftigt, schreiben die Wissenschaftler.

Auch Leiharbeit umfasst mit 2,5 Prozent nur ein vergleichsweise kleines Segment des Arbeitsmarkts. Allerdings hat sich der Gesamtumfang seit den Hartz-Reformen verdoppelt. Dabei, so die Forscher, sei Leiharbeit in stärkerem Maße als andere Beschäftigungsformen konjunkturabhängig, was sich in den Krisenjahren 2008 und 2009 deutlich gezeigt habe. Zudem erhielten Leiharbeiter im Vergleich zu Beschäftigten mit Normalarbeitsverhältnis wesentlich häufiger Niedriglöhne. Auch bei der Beschäftigungsstabilität und dem Zugang zu betrieblicher Weiterbildung seien sie benachteiligt.

Frauen sind unter den atypisch Beschäftigten überrepräsentiert: Nur 45 Prozent aller weiblichen Arbeitnehmer – gegenüber 87 Prozent der Männer – arbeiteten der Expertise zufolge 2010 in einem Normalarbeitsverhältnis. Was den weiblichen Teil der Arbeitnehmerschaft angeht, könne atypische Beschäftigung als „neues Normalarbeitsverhältnis“ betrachtet werden. Dass der Anteil der atypisch beschäftigten Frauen seit 2003 um weitere zwei Prozentpunkte gestiegen ist, erklären die Autoren vor allem mit der Zunahme von Minijobs. 80 Prozent aller Minijobber waren 2010 weiblich. Alleinerziehende sind ebenfalls überproportional betroffen. Viele hätten aufgrund ihrer Versorgungspflichten kaum Zeit für Vollzeitarbeit und müssten sich deshalb für Teilzeit oder geringfügige Beschäftigung entscheiden, vermuten die Forscher.

Geringqualifizierte sind zwar unter den atypisch Beschäftigten stärker vertreten als unter Arbeitnehmern mit Normalarbeitsverhältnis. In der Mehrheit sind sie allerdings nicht: Selbst von den Minijobbern haben 63 Prozent eine berufliche Ausbildung, 13 Prozent sogar einen Hochschulabschluss. „Zumindest in formaler Hinsicht verfügen die Beschäftigten in diesen auch als marginal bezeichneten Beschäftigungsformen über qualifikatorische Voraussetzungen, mit denen die hier häufig gezahlten Niedriglöhne scharf kontrastieren“, urteilen die Arbeitsmarktexperten.

Auch die Branchenstruktur haben die Wissenschaftler untersucht. Atypische Beschäftigungsverhältnisse sind vorrangig in bestimmten Dienstleistungsbereichen verbreitet, in einigen sogar die übliche Form. Im Gastgewerbe etwa sind 55 Prozent der Arbeitnehmer atypisch beschäftigt, im Gesundheitswesen 50 Prozent und im Bereich Erziehung und Unterricht 47 Prozent. Im Verarbeitenden Gewerbe, im Baugewerbe sowie im Bereich Energie und Wasserversorgung sind dagegen über 80 Prozent der Beschäftigten in einem Normalarbeitsverhältnis tätig. Dabei gibt es einen Zusammenhang zwischen branchen- und geschlechtsspezifischen Beschäftigungsmustern: „In Sektoren mit hohen Frauenanteilen sind atypische Beschäftigungsformen besonders verbreitet“, schreiben die Experten. Die ungleiche Branchenverteilung der Mini- und Midijobs bedeute eine Subventionierung dieser Branchen.

Den Präferenzen der Arbeitnehmer entspricht atypische Beschäftigung in der Regel nicht: „Angesichts mangelnder Alternativen geht ein nicht unerheblicher Teil der Beschäftigten diese als suboptimal angesehenen Beschäftigungsverhältnisse ,gezwungenermaßen‘ ein“, so die Arbeitsmarktforscher. Bei einer Befragung im Rahmen des Mikrozensus berichteten 46 Prozent der befristet Beschäftigten, sie hätten kein unbefristetes Beschäftigungsverhältnis gefunden. 27 Prozent nannten einen Probevertrag als Befristungsgrund, 22 Prozent waren in Ausbildung. Nur 5 Prozent hätten sich demnach bewusst für ein befristetes Beschäftigungsverhältnis entschieden. Von den Teilzeitbeschäftigten gab zwar nur jeder Sechste an, keinen Vollzeitarbeitsplatz gefunden zu haben. Allerdings nannten 54 Prozent der befragten Frauen familiäre Verpflichtungen als Grund. Bei einem besseren Angebot an öffentlichen Betreuungseinrichtungen, vermuten die Wissenschaftler, wäre ihre Entscheidung anders ausgefallen.

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Quellen

Berndt Keller, Susanne Schulz, Hartmut Seifert: Entwicklung und Strukturmerkmale der atypisch Beschäftigten in Deutschland bis 2010, WSI-Diskussionspapier Nr. 182, Oktober 2012


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