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Böckler Konferenz für Aufsichtsräte 2020 online Service aktuell

Böckler Konferenz für Aufsichtsräte: Wege zu einer sozial gerechten Nachhaltigkeit

Wie kann die soziale und ökologische Transformation der Wirtschaft gelingen und welche Rolle spielt die Mitbestimmung dabei? Darüber wurde bei der diesjährigen Böckler Konferenz für Aufsichtsräte diskutiert – wegen Corona erstmals per Livestream. Von Joachim F. Tornau

Um was es geht, brachte Ulrike Herrmann auf eine griffige Formel. „Es muss sich alles ändern“, sagte die Wirtschaftskorrespondentin der taz, „obwohl sich gerade in der Corona-Krise gar nichts ändert.“ Oder jedenfalls: nicht ändern sollte. Um was es also geht, für die Politik, für Unternehmen und damit auch für die Akteurinnen und Akteure der Mitbestimmung, das bedeutet kurzfristig, die Wirtschaftsstruktur, so wie sie ist, durch die Corona-Pandemie zu retten. Mittel- und langfristig aber führt vor dem Hintergrund von Digitalisierung und Klimawandel kein Weg an einem Umbau der Wirtschaft vorbei. Und diese Transformation sozial und ökologisch zu gestalten, das ist die große Herausforderung unserer Zeit.

Wie beides gelingen kann und welche Rolle die Mitbestimmung dabei spielt, das wurde am 17. Juni unter dem Titel „Die Krise meistern – Transformation mitbestimmen“ bei der diesjährigen Aufsichtsrätekonferenz von DGB und Hans-Böckler-Stiftung diskutiert. Statt der gewohnten persönlichen Begegnung mehrerer hundert Arbeitnehmervertreterinnen und -vertreter in Berlin konnte es wegen Corona allerdings erstmals nur eine per Livestream übertragene Podiumsdebatte geben. Doch die war prominent besetzt und das digitale Publikum aus rund 400 Aufsichtsrätinnen und Aufsichtsräten diskutierte per Chat und Telefon engagiert mit.

Es wäre schon viel gewonnen, wenn wir die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation endlich international durchsetzen würden.

Reiner Hoffmann, DGB-Vorsitzender

In einer ersten Runde sprachen der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann, Peter Clever von der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA), der grüne Bundestagsfraktionsvorsitzende Anton Hofreiter und die taz-Journalistin Ulrike Herrmann über den politischen Rahmen von Krisenbewältigung und Transformation. Über die Notwendigkeit, die Corona-Folgen mit einem europäischen Investitionsprogramm abzufedern, herrschte dabei noch Einigkeit. Auch dass die deutsche Unternehmensmitbestimmung in der gegenwärtigen Krise erneut ihre Stärke und Unverzichtbarkeit bewiesen hat, wollte niemand bestreiten.

Die Einigkeit endete jedoch schnell, als es um das Ziel einer gerechteren Globalisierung ging. Während Arbeitgebervertreter Clever jedem Versuch, deutsche Unternehmen für Menschenrechtsverstöße ihrer weltweiten Zulieferer haftbar zu machen, eine Absage erteilte, forderten Hoffmann und Hofreiter Handelsverträge mit klaren Regeln. „Es wäre schon viel gewonnen“, sagte der DGB-Vorsitzende, „wenn wir die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation endlich international durchsetzen würden.“

Profitabilität und Klimaschutz kann – und sollte – kein Widerspruch sein.

Irene Schulz, IG-Metall-Vorstand

Um die praktische Seite ging es danach in einer zweiten Runde. Andrea Kocsis, stellvertretende Vorsitzende von ver.di und des Aufsichtsrats der Deutschen Post AG, mahnte an, dass bei der von Arbeitgeberseite immer wieder versprochenen Weiterqualifikation der Beschäftigten noch nicht genug passiere. IG-Metall-Vorstand Irene Schulz, Mitglied im Aufsichtsrat von Audi, warb dafür, eine sozial gerechte Nachhaltigkeit in der Unternehmensstrategie zu verankern, und betonte: „Profitabilität und Klimaschutz kann – und sollte – kein Widerspruch sein.“

Und mit Sylvia Borcherding, Geschäftsführerin und Arbeitsdirektorin des Stromnetzbetreibers 50Hertz Transmission, appellierte auch eine Unternehmensmanagerin an die Mitbestimmungsakteure, sich nach Kräften in die Transformationsprozesse einzumischen: „Es gibt im Moment eine Riesenchance für die Gewerkschaften, sich in dieser Diskussion zu positionieren.“ Dass dabei jüngere Menschen in den Gremien stärker beteiligt werden sollten, war in der Runde Konsens. Die Mitbestimmung müsse auch für nachfolgende Generationen attraktiv sein, forderte Sebastian Burdack, Böckler-Experte und ehrenamtlicher Hauptvorstand der Jugend der IG BCE. Hierfür wünscht er sich eine größere Offenheit für eine grundsätzliche Debatte über die Normen der viel zitierten Transformation.

  • Daniel Hay, der im August die Nachfolge von Norbert Kluge als Direktor des Instituts für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) antritt, auf der Böckler Konferenz für Aufsichtsräte
    Im Bildschirm: Daniel Hay, der im August die Nachfolge von Norbert Kluge als Direktor des Instituts für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) antritt.

Mehr als zweieinhalb Stunden dauerten die so angeregten wie anregenden Debatten, aufgelockert durch satirische Videoclips über das digital-analoge Leben von „Familie Schober“. Daniel Hay, der im August die Nachfolge von Norbert Kluge als Direktor des Instituts für Mitbestimmung und Unternehmensführung (I.M.U.) der Hans-Böckler-Stiftung antreten wird, zeigte sich am Ende „sehr begeistert“ von dem neuartigen Format – auch wenn ihm der direkte Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen gefehlt habe. Umso mehr, sagte Hay, freue er sich schon jetzt auf die nächste Böckler-Konferenz für Aufsichtsräte am 16. und 17. Juni 2021 – „und auf das Wiedersehen!“. 

Veranstaltungsseite der Böckler Konferenz für Aufsichtsräte

Weitere Informationen

Die Coronakrise hat uns alle unvermittelt getroffen. Was muss getan werden, um die Gesellschaft vor sozialen Verwerfungen zu bewahren und die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen? Das wollten wir vor der Veranstaltung von einigen ExpertInnen aus Gewerkschaften und Wissenschaft wissen: Christiane Benner (IG Metall), Johanna Wenckebach (HSI), Frederik Moch (DGB) und Sebastian Dullien (IMK). 

Videostatements auf YouTube

 

 

  • Christiane Benner
    "Die Coronakrise wirkt wie ein Turbo für die Digitalisierung." Christiane Benner stellt im Video ihre fünf Thesen zur Zukunft der Arbeit vor.

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