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WSI-Tariftagung 2025: Raus aus der Deckung

Sinkende Tarifbindung und politische Forderungen nach längeren Arbeitszeiten stellen Beschäftigte und Gewerkschaften vor große Herausforderungen. Wie kann man ihnen begegnen? Dies erörterten Wissenschaftler*innen und Tarifexpert*innen auf der diesjährigen Tariftagung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

[19.12.2025]

Andreas Schulte 

Nur selten wird bereits am Anfang einer Veranstaltung Bilanz gezogen. Doch bei der jährlichen Tariftagung des WSI ist das traditionell so. Aus gutem Grund: Die rund 60 Teilnehmenden aus Wissenschaft und gewerkschaftlicher Praxis erhalten durch die Tarifbilanz des WSI, also durch den Rückblick auf das zu Ende gehende Jahr, viel Futter für die anstehenden Diskussionen der zweitägigen Konferenz. 

Laut Tarifbilanz sind die Tariflöhne in Deutschland im Jahr 2025 nominal gegenüber dem Vorjahr um durchschnittlich 2,6 Prozent gestiegen. Angesichts einer Zunahme der Verbraucherpreise von 2,2 Prozent im Jahresdurchschnitt 2025 ergibt sich hieraus ein leichter realer Zuwachs von 0,4 Prozent. Dennoch konnten die realen Verluste bei den Tariflöhnen aus den Jahren 2021-2023 mit hohen Inflationsraten nicht vollständig ausgeglichen werden. Thorsten Schulten, Leiter des WSI-Tarifarchivs, erläuterte die Zahlen und sagte: „Die in den Vorjahren gezahlten Inflationsausgleichsprämien sind in diesem Jahr wieder weggefallen. Dies hat sich stark dämpfend auf die Tariflohnentwicklung ausgewirkt.“  

Schon seit Jahrzehnten sinkt der Anteil der Beschäftigten mit Tarifbindung. Derzeit beträgt er in Deutschland etwa 50 Prozent. „Dieser Trend setzte sich auch 2025 negativ fort”, sagte Schulten – nicht nur in Deutschland, sondern fast überall in Europa.

Erfolge im Niedriglohnsektor

Hierzulande allerdings verlief der Abschwung zuletzt gebremster. Es gebe schlechte und gute Tendenzen, sagte Schulten. So scherte der Sportartikel-Konzern Adidas aus der Tarifbindung aus. Auf der anderen Seite sei es gelungen, neue Tarifverträge in einigen der vielen deutschen Niedriglohnsektoren abzuschließen.  

Bestes Beispiel: Birtat. NGG-Sekretärin Magdalena Krüger berichtete, wie es der Belegschaft mit gewerkschaftlicher Hilfe gelungen ist, sich gegen den Arbeitgeber durchzusetzen. Die Trumpfkarte im Kampf um einen Tarifvertrag beim schwäbischen Dönerhersteller mit 120 Beschäftigten: Solidarität. Die fast ausschließlich migrantische Belegschaft wagte es zu streiken– an insgesamt elf Tagen. . Am Ende setzten Beschäftigte und Gewerkschaft einen Tarifvertrag durch, der höhere Entgelte und ein höheres Einstiegsgehalt vorsieht. Darüber hinaus rang Krüger dem Arbeitgeber die Verpflichtung ab, während der Laufzeit eine Eingruppierung sowie einen Manteltarifvertrag auszuhandeln.  

Für die Gewerkschaftssekretärin lag der Schlüssel zum Erfolg auch in der persönlichen Betreuung des Betriebs: „Das Vertrauen der migrantisch geprägten Belegschaft in eine Person war größer als das in die Gewerkschaft.” 

Von ähnlichen Erfahrungen berichtete Stefan Bornost von der Fachgruppe Abfallwirtschaft im Verdi-Bezirk Berlin-Brandenburg. Er setzte in mittelständischen Abfallwirtschaftsbetrieben Tarifverträge durch und stellte die Frage, wie Gewerkschaftssekretäre mit dem hohen Anteil an AfD-Wähler*innen in den Belegschaften umgehen können. „Für die Menschen dort gehören Gewerkschaften zum Teil des Establishments, zu denen da oben.” Mit Argumenten wie Demokratie verteidigen, erreiche man nichts. Stattdessen müsse man von unten gemeinsam mit ihnen kämpfen, um Vertrauen in die Demokratie zu schaffen.  

Die Erkenntnisse aus der Praxis rundete Johannes Specht ab. Der Wissenschaftler am WSI hat Tarifbewegungen im Niedriglohnsektor in drei Gewerkschaften untersucht. So konnten etwa in der Systemgastronomie und bei Gebäudereiniger*innen Tarifverträge bei einem gewerkschaftlichen Organisationsgrad von weniger als zehn Prozent erfolgreich abgeschlossen werden.  

Doch das gelingt nicht immer. „Dafür war die Arbeitgeberseite entscheidend”, räumte Specht ein. Er plädiert dafür, für mehr Tarifabschlüsse im Niedriglohnsektor tariffähige Arbeitgeberverbände zu stärken. Denn bei einzelnen Unternehmen wie zum Beispiel beim Lieferdienst Lieferando kämpft die Gewerkschaft NGG bereits seit Jahren für einen Tarifvertrag – bislang vergeblich.  

Gewerkschaftliche Erfolge im Niedriglohnsektor trotz geringem Organisationsgrad können freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Tarifbindung in Deutschland insgesamt weiter sinkt. Das WSI erforscht daher gemeinsam mit dem Institut für Arbeits- und Qualifikationsforschung (IAQ) an der Universität Duisburg-Essen, wie Tarifbindung gestärkt werden kann. Ziel ist ein Standardwerk zur Tarifpolitik. Wie bedeutend dies wäre, zeigt ein bereits vorliegendes Forschungsergebnis: Bei hundertprozentiger Tarifbindung stünde laut einer Simulation eine durchschnittliche fünfprozentige Lohnerhöhungan, erläuterte Gerhard Bosch, Professor am IAQ. 

Bosch diskutiert im Rahmen seiner Forschungsarbeit gemeinsam mit anderen Experten Forderungen, die zu mehr Tarifbindung führen sollen. So könnte zum Beispiel von nicht tarifgebundenen Beschäftigten ein Solidarbetrag in Höhe des Gewerkschaftsbeitrags erhoben werden. „Denn vom Tarifvertrag profitieren alle, aber bislang finanzieren ihn nur einige”, sagte Bosch. Er will zudem Arbeitgebern den Ausstieg aus Tarifverträgen erschweren, etwa indem Tarifverträge auch bei Betriebsübergängen Bestand haben. Dies würde die Auslagerung von Unternehmensbereichen in Subunternehmen weniger attraktiv machen.   

Eine staatliche Unterstützung der Allgemeinverbindlicherklärung (AVE) soll nach Analyse des Experten ebenfalls für stärkere Tarifbindung sorgen. Die AVE macht Tarifverträge für alle Arbeitgeber und Beschäftigte in einer Branche verbindlich – auch für Nichtmitglieder von Gewerkschaften oder Verbänden. Derzeit existieren in Deutschland rund 230 AVEs.

Vorbild Niederlande?

Wie der niederländische Staat die Tarifbindung stützt, erläuterte die Arbeitsrechtsexpertin Esther Koot-van der Putte von der Universität Groningen. In den Niederlanden liegt der Anteil der Beschäftigten mit Tarifbindung bei 72 Prozent – mit nur leicht negativer Tendenz. „Grundsätzlich seien niederländische Arbeitgeber zufrieden mit dem Tarifvertragswesen”, sagte Koot-van der Putte.  Erarbeitet werden Rahmenbedingungen von der „Stiftung der Arbeit”. Sie ist besetzt mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Zudem sind in den Niederlanden Mitgliedschaften von Unternehmen ohne Tarifbindung in Arbeitgeberverbänden nicht möglich.  

Schon im Jahr 2021 hat das niederländische Arbeitsministerium ein Projekt zur Stärkung der Tarifbindung ins Leben gerufen. Im Oktober dieses Jahres hat die Stiftung der Arbeit der Regierung ihre Vorschläge dazu vorgelegt. Der Plan sieht unter anderem vor, auch nicht tarifgebundene Unternehmen in Tarifverhandlungen miteinzubeziehen. So sollen sie von den Vorteilen der Tarifbindung überzeugt werden.  

Außerdem schlägt die Stiftung der Arbeit eine Kampagne vor, die das Tarifvertragswesen fester im Bewusstsein zum Beispiel bei Sozialpartnern aber auch etwa bei Schüler*innen und Auszubildenden verankert. Auf der praktischen Ebene schlägt die Stiftung vor, Tarifverträge möglichst in Alltagssprache zu verfassen. Der Vorschlag rief bei vielen Teilnehmenden ein zustimmendes Schmunzeln hervor.  

Laute Lacher aus dem Publikum erntete der Beitrag von Christian Riechert, Referatsleiter im deutschen Bundesministerium für Arbeit, und von Lara Blume, Referentin für Tarifvertragsrecht im Haus von Bärbel Bas. Denn wie bereits häufiger geschehen, gelingt es Deutschland nicht, Fristen der EU einzuhalten. Der nationale Aktionsplan zur Förderung von Tarifverhandlungen verzögere sich, sagt Reichert. Das Papier müsse noch durchs Kabinett, räumte er zur allgemeinen Belustigung ein. Dabei hätte der Aktionsplan eigentlich bis Ende des Jahres bei der Kommission eingereicht werden müssen. Denn Deutschland ist nach EU-Recht zu seiner Erstellung aufgrund der niedrigen Tarifbindungsquote im Land verpflichtet. Doch die Ausgestaltung verzögert sich. Inhalte wie zum Beispiel das Tariftreuegesetz sind zwischen den Koalitionären weiter strittig. 

Neue WSI-Studie

Streit gibt es innerhalb der Koalition auch aufgrund unterschiedlicher Vorstellungen über Arbeitszeiten. Alle müssten mehr und länger arbeiten, lautet die Formel von Friedrich Merz. Der Acht-Stundentag und das deutsche Arbeitszeitgesetz seien zu unflexibel, findet der Bundeskanzler. Die SPD teilt seine Meinung nicht und hält sich auffallend zurück.  

Auch Yvonne Lott, Referatsleiterin Geschlechterforschung am WSI, teilt die Meinung des Kanzlers nicht. Ihr Fazit. „Die Regierung irrt.” Denn die Lebens- und Arbeitsbedingungen in Deutschland haben sich geändert. „Ein starker Arbeits- und Gesundheitsschutz ist daher notwendiger denn je”, sagte Lott. So wünschten sich 97 Prozent der Beschäftigten mehr Zeit für sich. Lott wies daraufhin, dass längere Arbeitszeiten persönliche Ressourcen in Anspruch nähmen, die für den Erhalt der Demokratie benötigt würden. „Wer nur arbeitet, kann sich nicht um Demokratie kümmern”, sagte Lott. Dabei wünschten sich viele Beschäftigte zum Beispiel Zeit für ein Ehrenamt.  

Doch das von Merz geprägte Narrativ von den faulen Deutschen verfängt in der Gesellschaft. „Keiner spricht mehr von einer Vierttage-Woche”, sagte Lott. „Wir müssen bei der Arbeitszeitdiskussion raus aus der Verteidigungsecke.”  

Denn auch der Vorwurf eines unflexiblen Arbeitszeitgesetzes stimmt nicht. Dies wies Reinhard Bispinck nach. Der ehemalige Leiter des WSI-Tarifarchivs hat 25 Branchen und Tarifbereiche hinsichtlich flexibler Arbeitszeiten in Tarifverträgen untersucht. Er kommt zu dem Ergebnis: „Das Flexibilitätspotenzial der tariflichen Arbeitsbestimmungen ist seit langem sehr hoch.”  

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