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leere Bühne - im Hintergrund ein Bild von Hans Böckler und das Tagungsthema Service aktuell

Neujahrsempfang 2026: Gerechte KI, Gute Arbeit

Vor welche Herausforderungen Künstliche Intelligenz Gesellschaft und Mitbestimmung stellt, diskutierte die Hans-Böckler-Stiftung beim diesjährigen Neujahrsempfang.

[03.02.2026]

Von Martin Kaluza 

Zum Auftakt des Neujahrsempfangs grüßt Hans Böckler von der Leinwand. In einem grobkörnigen Schwarz-weiß-Film richtet der vor 75 Jahren Verstorbene einige Worte an das Publikum. Mitbestimmung, sagte er, sei kein Gefallen, sondern ein Recht. „Und wenn es ein Recht ist, verteidigen wir es. Sachlich, aber entschlossen. Genau dafür braucht es Organisationen wie die unsere.“ Schließlich hätten wir gemeinsam schon schwierigere Jahre gemeistert. Böcklers Ansprache endet mit dem Satz: „Machen wir 2026 zu einem Jahr, in dem Mitbestimmung nicht erodiert, sondern verteidigt wird!“ Spätestens jetzt fällt der Groschen: Das Video wurde mit KI generiert. 

Das Video ist eine spielerische Einstimmung auf das Thema des diesjährigen Neujahrsempfangs, zu dem die Hans-Böckler-Stiftung unter der Überschrift „Gerechte KI. Gute Arbeit“ Ende Januar eingeladen hatte. 

Bestandsaufnahme: Angriff auf die Schutzrechte der Beschäftigten 

Das Jahr 2026, erklärte Claudia Bogedan, die Geschäftsführerin der Stiftung, beginne mit Herausforderungen. „Statt mit Innovationen und Investitionen die eigenen Unternehmen wettbewerbsfähig zu machen, greifen die Arbeitgeber bestehende Schutzrechte der Beschäftigten frontal an, verunglimpfen Tarifverträge, die sie selbst geschlossen haben, entziehen sich legal der Mitbestimmung auf Unternehmensebene und schrecken nicht vor teilweise illegalen Mitteln der Be- und Verhinderung von betrieblicher Mitbestimmung im Vor- und Umfeld der in diesem Frühjahr anstehenden Betriebsratswahlen zurück.“ Sie forderte, an die Bundesarbeitsministerin Stefanie Hubig gerichtet, dass Union Busting, also das systematische Vorgehen gegen gewerkschaftliche Interessenvertretungen, endlich als Offizialdelikt gelten müsse – als Straftat, die von der Staatsanwaltschaft selbstständig verfolgt wird.

Zu sehen sind Yasmin Fahimi und Claudia Bogdan in den Zuschauern.

Der verbleibende Abend war der Künstlichen Intelligenz gewidmet. KI, so Bogedan, dränge derzeit mit aller Macht in die Konzerne und Betriebe. Zwar werde sie häufig als Heilsbringer gesehen. Doch die von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Forschung zeige, dass sich die Hoffnung auf Rationalisierungs- und Produktivitätsgewinne derzeit nur selten erfülle. Bogedan betonte die Rolle der Mitbestimmung in der Ausgestaltung des KI-Einsatzes: „Die Gewerkschaften sind in unserer Arbeitswelt der Garant dafür, dass die Einführung neuer Technologien nicht nur die Kassen der Kapitalisten klingeln lässt, sondern auch das Wohl der Beschäftigten verbessert.“

Gewerkschaften als Garant für faire Verteilung des Nutzens von KI

Yasmin Fahimi, Vorsitzende des DGB und des Stiftungs-Vorstands, hob die positiven Potenziale von KI, etwa in der Medizin hervor, beschrieb die rasante technologische Entwicklung aber auch als ein Ringen um Macht: „Wir reden über eine neue Form des Kapitalismus, der völlig ungehemmt und ohne irgendeine Scham den Leuten sagt: Das Recht des Stärkeren ist die Zukunft – und nicht die Stärke des Rechts. Als Gewerkschaften müssen wir gegen diese Monopolstellungen angehen und erwarten auch aus Brüssel eine klare Haltung, um unser Gesellschaftssystem nicht in Trümmern zu sehen.“ 

Die Tech-Riesen polarisierten und schlügen aus der Polarisierung Kapital, beklagte Fahimi. Zudem werfe die flächendeckende Einführung Künstlicher Intelligenz die Verteilungsfrage zu den Produktivitäts- und Zeitgewinnen auf. Die rasanten Fortschritte stellten die Gewerkschaften vor neue Herausforderungen. „Wir brauchen neue Ansätze, eine vorausschauende Mitbestimmung ist nötig,“ sagte sie.
 

Zu sehen ist Meike Zehlike.

Eine Podiumsrunde eröffnete den Blick auf konkrete Fragen des Einsatzes von KI in der Arbeitswelt. „Die KI hat aufgrund der mathematischen Eigenschaften, die man braucht, um sie überhaupt trainieren zu können, eigentlich immer ein utilitaristisches Weltbild“, führte Meike Zehlike aus. „Und genau daraus ergibt sich, dass Minderheiten diskriminiert werden.“ Zehlike, Co-Gründerin von Team Passarelle, einer KI-Beratung mit dem Fokus auf vertrauenswürdige KI und faire Arbeitswelten, entwickelt Methoden, um Aspekte der Gerechtigkeit in Algorithmen zu integrieren. Um KI fair zu gestalten, so Zehlike, müsse man bereits bei dem mathematischen Prozess des Trainings ansetzen. Es brauche einen demokratischen Diskurs über die Wertekonzepte, innerhalb derer die KI agieren solle.

Dass die konkrete Gestaltung von KI-Prozessen in Unternehmen kein Selbstläufer ist, wurde in dem Beitrag Ernesto Klengels deutlich. Der Direktor des Hugo Sinzheimer Instituts für Arbeits- und Sozialrecht der HBS berichtete, die Entwicklung der KI verlaufe so schnell, dass sie die Betriebsräte vor Kapazitätsprobleme stelle.

Stipendiatinnen und Stipendiaten berichten über KI-Inhalte

Schließlich gewährten drei Stipendiatinnen und Stipendiaten der Hans-Böckler-Stiftung einen Einblick in die KI-Projekte, mit denen sie sich derzeit befassen. Dabei zeigten sie eindrucksvoll, wie Tech-Kompetenz und kritisches Denken Hand in Hand gehen können: Maria Gilgenbach, Studentin im Fach Sustainable Development and Global Governance, hat in Madrid an einem Projekt teilgenommen, das die ethischen Aspekte des Programms VioGén untersuchte. Das IT-Tool werde bereits seit 2007 von der Spanischen Polizei eingesetzt. Nach einer Anzeige eines Falles sexualisierter Gewalt solle es bewerten, wie groß das Risiko sei, dass der Täter erneut gewalttätig werde.

Medizinstudent Denis Schatilow belegte ein Seminar zur Nutzung von KI im Gesundheitsbereich. Insbesondere habe er sich mit den Risiken befasst, die im automatisierten Umgang mit sensiblen Daten wie Krankheitsdaten, biometrischen Daten oder sogar Genanalysen bestünden. Er beklagte allerdings, dass Fragen zum Umgang mit KI an keiner Universität Teil des Curriculums sei. Einzelne Unis böten Wahlfächer an. „Das Thema ist kein Zukunftsthema, sondern wir nutzen ja KI schon tagtäglich,“ sagte Schatilow.

Zu sehen sind neben den Moderatoren und Ernesto Klengel die 3 Stipendiaten.

Stipendiatin Isabell Bieber absolviert den Masterstudiengang Transforming Digitality an der Hochschule Düsseldorf. Die Sozialwissenschaftlerin sieht sich an der Schnittstelle zwischen den Bedürfnissen von Nutzer*innen, die sich auf ein digitales Umfeld einstellen müssen, und den Techniker*innen und Ingenieur*innen, die es programmieren. Auf einem Japan-Aufenthalt informierte sie sich über Emotionserkennung und Roboter, die zur Behandlung von Einsamkeit eingesetzt werden.

Auch persönlich hat für sie KI zwei Seiten. „Auf der einen Seite fühlt man sich bei Jobchancen vielleicht abgehängt“, sagte Maria Gilgenbach. „Auf der anderen sehe ich viel mehr Chancen darin, unsere Ideen und frischen Wind einzubringen, um dieses große, wichtige Thema mitzugestalten.“

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