Projektbeschreibung
Kontext
Ausgangspunkt der Untersuchung ist die These eines Paradigmenwechsels in der industriellen Produktionsweise. Sein Fluchtpunkt ist die Transformation in eine „Informationsökonomie“, in der Daten zum Ausgangspunkt neuer Produkte und Geschäftsmodelle werden, die Wertschöpfung auf der Basis des Internets im Informationsraum ermöglichen. Das neue Wertschöpfungsparadigma entwickelte sich in den 1990er Jahren, ausgehend vom Silicon Valley, und wurde zunächst vor allem in Consumer-Märkten wie z. B. dem Einzelhandel oder der Unterhaltungsindustrie perfektioniert. Gegenwärtig vollzieht sich ein „Brückenschlag“ der Informationsökonomie in die Kerne der Industrie und die klassischen Dienstleistungsbereiche. Infolgedessen stehen auch deutsche Unternehmen vor der Herausforderung, den Paradigmenwechsel zu vollziehen und sich grundlegend neu zu erfinden.
Fragestellung
Diese These des Paradigmenwechsels anhand des subjektiven Arbeitserlebens empirisch zu rekonstruieren und die damit verbundenen Implikationen für die Beschäftigten in den Blick zu nehmen war das zentrale Erkenntnisinteresse des Projekts. Dazu wurde der Übergang in eine neue industrielle Produktionsweise a) quantitativ vermessen und b) qualitativ mit Blick die subjektiven Bedeutungen der Transformation analysiert. Die quantitativen Auswertungen zielten darauf, zu bestimmten, wie hoch der Anteil der Beschäftigten mit Transformationserfahrungen ist und in welchen Branchen sich die gegenwärtigen hot spots des Transformationserlebens befinden. Im Fokus der qualitativen Forschung stand die Frage, wie sich die Praxis der Transformation in den Unternehmen gestaltet und wie die Beschäftigten das erleben.
Untersuchungsmethoden
Dem Projekt liegt ein Mixed-Methods-Ansatz zugrunde. In einer vorgeschalteten Projektphase (https://www.boeckler.de/de/suchergebnis-forschungsfoerderungsprojekte-detailseite-2732.htm?projekt=2022-659-1) wurden bereits Sonderfragen für den DGB-Index „Gute Arbeit“ 2023 erarbeitet. Komplementär dazu wurde nun ein qualitatives Instrumentarium entwickelt und im Rahmen von Primärerhebungen getestet. Zusätzlich wurden Sekundärauswertungen angestellt.
Die im Rahmen des DGB-Index erhobenen Daten wurden ausgewertet und mit qualitativen Fallstudien kombiniert. Leitend waren dabei die Dimensionen Geschäftsmodell, Tätigkeit und Kultur. Insgesamt bilden ein repräsentativer quantitativer Datensatz von N=4.087 Befragten sowie 72 qualitative Tiefeninterviews mit Beschäftigten und 30 Expertengespräche mit Führungskräften auf den Feldern der Automobilindustrie, der ITK-Branche und des Bankgewerbes die empirische Basis des Projekts.
Darstellung der Ergebnisse
Überraschend ist das Ausmaß der Veränderungsdynamik: Fast die Hälfte der Befragten gibt an, aktuell Transformationserfahrungen zu machen. Als hot spots des Paradigmenwechsels erweisen sich insbesondere die ITK-Industrie, Banken und Versicherungen, die Automobilindustrie sowie der Energiesektor.
Ein vertiefender Blick offenbart, dass die konkrete Praxis der Transformation durch vielfältige Ungleichzeitigkeiten, Inkonsistenzen und Widersprüche geprägt ist. Neue Geschäftsmodelle starten nicht durch, agile Arbeitsformen werden nicht konsequent umgesetzt und die Rahmenbedingungen in den Unternehmen erschweren die Bewältigung des Tätigkeitswandels.
Das Problem ist die Inkonsequenz bei der Umsetzung des Paradigmenwechsels in den Unternehmen, nicht die „Mentalität“ oder eine vermeintliche "German angst" der Beschäftigten. Die damit verbundenen Widersprüche führen zu einem ambivalenten Transformationserleben bei den Beschäftigten.
Zusammengenommen ergibt sich damit eine neue Perspektive auf die Hintergründe der gegenwärtigen Krise in der Industrie, die zeigt, dass es für den Paradigmenwechsel an strategischer Konsequenz und Umsetzung fehlt.