Forschungsprojekt: Mausklick statt Mitbestimmung?

Legal Technology im Arbeitsrecht und die Folgen für die industriellen Beziehungen

Projektziel

Das Projekt beschäftigte sich mit den Folgen der Verbreitung von Legal Technologies im Arbeitsrecht für den Zugang zum Recht, für die Legitimität des Rechtsstaats, für die betriebliche Mitbestimmung und die überbetriebliche Interessenvertretung.

Veröffentlichungen

Rehder, Britta, Mira Kossakowski, Markus Tünte, Birgit Apitzsch und Cathérine Momberger, 2025. Legal Heroes?. Möglichkeiten und Grenzen digitaler Rechtsdienstleister im Arbeitsrecht, Arbeit und Recht, 72(4), S. 146-150.

Rehder, Britta, 2024. 360-Grad-Blick auf Justiz und alternative Konfliktlösung und Legal Tech als Treiber für Markt im Recht. Rechtsgespräche mit Peter Röthemeyer und Britta Rehder, In: Podcast Rechtsgespräche, Folge 80, 01.02.2024, [online] https://www.podcast.de/episode/624287132/360-grad-blick-auf-justiz-und-alternative-konfliktloesung-und-legal-tech-als-treiber-fuer-markt-im-recht, zuletzt abgerufen am 31.10.2024Berlin.

Apitzsch, Birgit und Britta Rehder, 2022. Von der Couch aus klagen, Wissenschaftsmagazin Rubin der RUB, 32(2), S. 52-55.

Apitzsch, Birgit und Britta Rehder, 2022. Legal Technologies im Arbeits- und Sozialrecht, Computer und Arbeit, 31(6), S. 20-22.

Rehder, Britta, Birgit Apitzsch und Berthold Vogel, 2021. Legal Technology im Arbeitsrecht, ARBEIT, 30(4), S. 357-374.

Weitere Informationen

Dieses Projekt gehört zum Forschungsverbund „Digitale Transformation“.
https://www.boeckler.de/de/digitale-transformation-35531.htm

Vorstellung des Projekts im Magazin Mitbestimmung 2023
https://www.boeckler.de/de/magazin-mitbestimmung-2744-noch-wird-mit-wasser-gekocht-54325.htm

Projektbeschreibung

Kontext

Die Rolle von Anwaltskanzleien in den industriellen Beziehungen in Deutschland ist ein weitgehend unbeforschtes Terrain. Der Wandel in der Architektur und der Funktionsweise des Rechtssystems durch die Digitalisierung sollte ein Anlass sein, einen Teil dieser Forschungslücke zu schließen, denn Legal Technology – hier die standardisierte Bearbeitung von Rechtsangelegenheiten mittels Online-Tools, Rechtsgeneratoren und Legal Robots – gewinnt auch im Arbeitsrecht an Bedeutung. Das Projekt nahm eine Bestandsaufnahme der Geschäftsmodelle digitaler Rechtsdienstleister vor. Zudem fragte es nach den Auswirkungen der neuen Angebote auf den Zugang zum Recht, für etablierte Akteure der Interessenvertretung von Arbeitnehmenden (Betriebsräte, Gewerkschaften) sowie für die Rechtsanwaltschaft und Gerichte.

Fragestellung

Das Projekt nahm erstens die Geschäftsmodelle, Interessen und Strategien der digitalen Rechtsdienstleister im Arbeitsrecht in den Blick. Zweitens untersuchte das Vorhaben die Folgen für Akteure und Institutionen der Arbeitsbeziehungen und Rechtsstaat. Ist die digitale Rechtsmobilisierung eine Chance oder eine Gefahr für die Mitbestimmung? Treten Legal Tech-Rechtsdienstleister und ihre Koalitionspartner eher in Konkurrenz zu den klassischen Interessenvertretungen, oder gibt es Koalitionspotentiale? Wie beeinflussen sie die Akteurskonstellationen und Machtverhältnisse im Arbeitsmarkt und im Betrieb, und insbesondere zwischen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite? Welche Folgen haben sie für die Arten der Konfliktaustragung und die Legitimität der Institutionen der Arbeitsbeziehungen und des Rechtsstaats?

Untersuchungsmethoden

Das Projekt arbeitete mit einem Methodenmix, indem es verschiedene qualitative mit quantitativen Erhebungsmethoden kombinierte. Durch Desktop Research und eine Dokumentenanalyse wurde eine Datenbank zu arbeitsrechtlichen Legal-Tech-Angeboten erstellt, die auch das Sampling für weitere Arbeitsschritte darstellte. Eine Onlinebefragung von Fachanwält*innen für Arbeitsrecht (N=307; Rücklaufquote 11%) in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen wurde durchgeführt. Zudem wurden zahlreiche leitfadengestützte Interviews geführt (N=72): mit Betriebsräten und Gewerkschaften, mit Arbeitgeberverbänden, mit Legal Tech-Anbietern, mit (Fach-)Anwält*innen und Rechtsschutzversicherungen sowie mit Vertreter*innen der Arbeitsgerichtsbarkeit.

Darstellung der Ergebnisse

Legal Technologies sind mittlerweile fester Bestandteil der juristischen und rechtsberatenden Arbeit in Kanzleien, Gerichten sowie bei Akteuren der industriellen Beziehungen. In erster Linie handelt es sich dabei um digitale Technologien, welche die Arbeitsabläufe administrativ und organisatorisch unterstützen sollen, die jedoch die Kernbereiche der Rechtsmobilisierung und Mitbestimmung nicht grundlegend verändern. So bleibt die persönliche, direkte Kommunikation zentral für die Rechtsberatung und Interessenvertretung sowie für verschiedene Formen der Konfliktaustragung.

Neue kommerzielle digitale Rechtsdienstleister, die einen vereinfachten Zugang zum Recht insbesondere für individuelle Rechtsuchende versprechen, konnten sich im Arbeitsrecht nicht durchsetzen und ziehen sich teilweise aus dem Rechtsgebiet zurück. Dies ist u.a. auf die Komplexität und die begrenzten Möglichkeiten der Standarisierung und Automatisierung der Rechtsmobilisierung im Arbeitsrecht zurückzuführen. Entsprechend werden die neuen Marktakteure von den etablierten Akteuren im Rechtsystem nicht als Konkurrenz gesehen. Etablierte Formen der Interessenartikulation werden demnach nicht in Frage gestellt.

Projektleitung und -bearbeitung

Projektleitung

Prof. Dr. Birgit Apitzsch
Ruhr-Universität Bochum Fakultät für Sozialwissenschaft
LS für Soziologie, Raum GD/E1/331

Prof. Dr. Britta Rehder
Ruhr-Universität Bochum Fakultät für Sozialwissenschaft

Prof. Dr. Berthold Vogel
Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) e.V. an der Georg-August-Universität

Bearbeitung

Mira Kossakowski
Ruhr-Universität Bochum Fakultät für Sozialwissenschaft
Lehrstuhl Politisches System Deutschlands

Cathérine Momberger
Ruhr-Universität Bochum Fakultät für Sozialwissenschaft
LS für Allgemeine Soziologie, Arbeit & Wirtschaft

Markus Tünte
Ruhr-Universität Bochum Fakultät für Sozialwissenschaft
Lehrstuhl Soziologie/ Arbeit, Wirtschaft u. Wohlf.

Kooperationspartner

Ruhr-Universität Bochum Fakultät für Sozialwissenschaft

Kontakt

Dr. Stefan Lücking
Hans-Böckler-Stiftung
Forschungsförderung