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The Cranberries: „Zombie“ (1994) Magazin Mitbestimmung

Das politische Lied: Requiem für Nordirland

Ausgabe 04/2026

The Cranberries: „Zombie“ (1994) Another head hangs lowly | Child is slowly taken And the violence caused such silence | Who are we mistaken? But you see, its not me, it's not my family | In your head, in your head, they are fightin With their tanks and their bombs and their bombs and their guns In your head, in your head, they are cryin

Die Irin Dolores ORiordan ist mit ihrer Band The Cranberries in England auf Tournee, als sie in den Nachrichten von einem Bombenanschlag in Warrington hört, einer Stadt zwischen Liverpool und Manchester. Der dreijährige Jonathan Ball ist am 20. März 1993 mit seiner Babysitterin unterwegs, um eine Karte zum Muttertag zu kaufen, als die in einem Mülleimer versteckte Bombe explodiert. Der Junge stirbt sofort. Fünf Tage später erliegt der zwölfjährige Tim Parry seinen Verletzungen. 56 weitere Menschen werden verletzt. Die paramilitärische Irish Republican Army (IRA) bekennt sich zu dem Anschlag. Sie will Nordirland von Großbritannien loslösen.

„Ich war erschüttert, dass unschuldige Kinder in so etwas hineingezogen wurden“, erinnert sich ORiordan in einem Interview. Sie hat Mitleid mit der Mutter, die unter Mühen ihr Kind großzieht, „und dann kommt so ein Idiot, der meint, er müsste etwas beweisen!“ In einer Tourpause beginnt sie einen Song: „Und wieder lässt jemand den Kopf hängen, ein Kind wurde langsam aus dem Leben gerissen.“ ORiordan legt ihren emotionalen, charakteristisch jodelnden Gesang über eine eingängige Akkordfolge. Die Gitarren und das Schlagzeug wünscht sie sich aggressiver, als man es von der Folkrock-Band sonst kennt.

ORiordan stammt aus Limerick in der Republik Irland. Sie will klarstellen, dass die Bombenleger nicht behaupten können, im Namen Irlands oder seiner Bevölkerung zu handeln. „Das bin nicht ich, es ist nicht meine Familie“, singt sie im Refrain. Den Song nennt ORiordan etwas rätselhaft: „Zombie“. Sind damit die Täter gemeint, die zu keiner Empathie für die Opfer ihrer Anschläge fähig sind?

Seit 1916, so singt ORiordan, hörten die Kämpfe mit Panzern, Bomben und Gewehren nicht auf. Die 1922 vollzogene Unabhängigkeit bedeutet zugleich die Abspaltung Nordirlands, das weiter von London aus regiert wird. Es folgen Jahrzehnte der sozialen und politischen Spannungen, die sich ab 1960 in einem Bürgerkrieg entladen.

Als der Song 1994 erscheint, hat der Leidensdruck einen Höhepunkt erreicht. Die Menschen sind der Gewalt müde. Bald nehmen die Regierungen in Dublin und London sowie die unionistischen und nationalistischen Parteien Nordirlands Verhandlungen auf, die 1998 in der Unterzeichnung des Karfreitagsabkommens münden. Der Nordirlandkonflikt, der 3500 Opfer gefordert hat, ist damit beendet. Die nordirischen Politiker John Hume und David Trimble bekommen den Friedensnobelpreis zugesprochen. Die Cranberries sind eingeladen, bei der Preisverleihung zu spielen. Auf den Song „Zombie“, der inzwischen ihr größter Hit ist, verzichten sie.

Am 15. Januar 2018 verstirbt Dolores ORiordan  völlig unerwartet. Colin Parry, dem Vater des in Warrington getöteten Tim, wird erst an diesem Tag klar, dass „Zombie“ auch von seinem Sohn handelt. „Viele sind mit der Zeit immun geworden gegenüber dem Schmerz und dem Leid, die so viele Menschen während des bewaffneten Konflikts erlebt haben“, sagt er einem Reporter. „Es ist eine starke Botschaft, diese eindringlichen Worte von einer irischen Band zu lesen.“ Der Song erinnere ihn an die vielen mitfühlenden Briefe, die er in den Wochen nach seinem Verlust erhalten habe – und von denen ein großer Teil aus Irland stammt. 

Von Martin Kaluza

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