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: PORTRÄT 'Meine Kultur heißt Aufklärung'

Ausgabe 11/2005

Die Autorin Necla Kelek, während ihres Studiums Stipendiatin der Hans-Böckler-Stiftung, warnt davor, dass sich in Deutschland eine türkische Parallelgesellschaft entwickelt. Ihre Bücher sind längst Bestseller.

Von Yvonne Derda Die Autorin arbeitet als freie Journalistin in Göttingen.   

Neugierig schaut Necla Kelek dem Besucher ins Gesicht, als sie die Tür ihrer geräumigen Berliner Altbauwohnung öffnet. Vom hellen, hohen Flur gehen Türen in mehrere Richtungen ab. Eine führt direkt in das ausgedehnte Herzstück der Wohnung, den früheren Salon, der üppig mit Möbeln und Küchengerät bestückt ist und als Küche, Ess- und Wohnzimmer dient. Alles wirkt so wohnlich warm und persönlich, als habe es sich im Laufe von Jahren in der Wohnung angesammelt. Dabei wohnt die Bestsellerautorin erst seit wenigen Wochen hier.

Sie ist frisch von Hamburg nach Berlin gezogen. "Ich wollte schon länger hierher", sagt sie, und jetzt hat es gerade gepasst, auch mit der Arbeit ihres Lebensgefährten. Barfüßig läuft sie durch den Salon und das Arbeitszimmer, das mit diesem verbunden ist. Man sieht türkische Teppiche, einen orientalisch anmutenden Kronleuchter, ein goldfarbenes Jugendstiltischchen, Gemälde ihrer Hamburger Freundin Beate Wassermann - und Bücher, viele Bücher, davor ein messingfarbenes Döschen aus der Stadt Kayseri in Anatolien. Ein Mix der Kulturen.    

"Die verkaufte Braut" ist ein Bestseller 

Vom Schreibtisch aus, auf dem zwei Laptops stehen, sieht man die grünen Baumwipfel des Volksparks. Hier arbeitet Necla Kelek, die promovierte Migrationsexpertin, täglich, hier forscht sie und schreibt an ihrem neuen Buch über islamische Männer, das im nächsten Jahr gedruckt werden soll. Ihre letzte Veröffentlichung, "Die fremde Braut", handelt von türkischen Frauen, die durch arrangierte Ehen nach Deutschland kommen.

Es hat für viel Wirbel in der Öffentlichkeit gesorgt. Erst vor wenigen Monaten bei Kiepenheuer und Witsch veröffentlicht, steht es in Deutschland auf der Bestsellerliste. Auch in Frankreich und den Niederlanden hat es in den Medien große Beachtung gefunden, wenn nicht gar einen Nerv getroffen, und soll demnächst auch in Großbritannien erscheinen. 

"Mocca kochen" heißt eines der Kapitel in ihrem Buch. Darin beschreibt Kelek das Mocca-Kochen als wichtigen Teil der Brautwerbung in der traditionellen türkischen Kultur. Die potenzielle Braut ist während der Verhandlungen nicht im Raum, sie bereitet für die Familie des Brautwerbers den Mocca zu. Wenn dieser gut ist, taugt sie als künftige Ehefrau und bekommt die Achtung der Schwiegermutter.

Kelek kocht heute keinen Mocca, sondern Cappuccino aus der Maschine. "Das geht schneller", sagt sie. Aber die Maschine streikt, sie setzt stattdessen einen "echten DDR-Kaffee" auf, den man direkt in der Tasse aufbrüht, wie sie es in ihrer "zweiten Heimat Greifswald" gelernt hat. Dazu serviert sie Kuchen "vom Bäcker hier um die Ecke" zwischen Kassetten, dem Telefon, Aufzeichnungen und Stiften auf dem Tisch.

Sie will über ihr neues Buch reden, für das sie in den letzten fünf Jahren muslimische Männer, die straffällig geworden sind, interviewt hat. "Die verlorenen Söhne" wird es heißen. Es sei "wieder ein gesellschaftskritisches Buch", sagt sie selbstbewusst, wie auch die "Die fremde Braut". Kein religiöses Buch. Sie lächelt. Den Vorwurf, antiislamisch zu sein, den man ihr aus verschiedenen Ecken macht, wischt sie mit einer Handbewegung weg: "Ich spreche von Menschenrechtsverletzungen, von Unfreiheit, von Menschen, die ihr Leben nicht leben können."

Durch ihr Buch fühlen sich Liberale angegriffen, die zuweilen aus falsch verstandener Toleranz die Augen verschließen, türkische Landsleute, für die sie eine Nestbeschmutzerin ist, und Linke, die ihr vorwerfen, sie lenke von den eigentlichen Problemen der Migranten ab.    

"Das ist moderner Sklavenhandel" 

"Die fremde Braut" verbindet Keleks eigene Familiengeschichte, die türkische Historie und Wissen, das sie aus Interviews mit "Importbräuten" gewonnen hat, schicksalsergebenen Frauen, die direkt aus der Türkei von ihren Eltern nach Deutschland verkauft werden. Kelek nennt das "modernen Sklavenhandel". Die typische Importbraut, unter Türken auch "Gelin" (die, die kommt) genannt, ist meist gerade 18 Jahre alt.

Sie stammt aus einem Dorf und hat in vier oder sechs Jahren notdürftig schreiben und lesen gelernt. Wenn sie nicht macht, was man ihr sagt, kann sie von ihrem Ehemann in die Türkei zurückgeschickt werden, was ihren sozialen Tod bedeutet. Oder den physischen Tod. Immer wieder werden sogar in Deutschland türkische Mädchen und Frauen von ihren Brüdern oder Männern ermordet, wenn sie die Familie verlassen. Verlassen zu werden ist für türkische Männer eine tiefe Kränkung, eine Verletzung der väterlichen Ordnung, die es einzuhalten gilt.

Die Frauen, die Kelek getroffen hat, leben in Deutschland, aber sie sind nie in Deutschland angekommen. Für viele werde nach und nach der Glaube zum Daseinsinhalt, berichtet Kelek: "Es befreit sie aus der sozialen Isolation, sie können in die Moschee gehen und Frauen mit gleichem Schicksal treffen."

Während in der deutschen Gesellschaft aus Liebe geheiratet werde, versuche man genau das in der türkischen zu vermeiden. Denn Liebe ist Freiheit. Das Paar könnte sich verselbstständigen, einen "Nebenstaat" zur Familie bilden. Die Liebe gehört allein der Mutter. Eine der Frauen, die Kelek interviewt hat, sagt über die erste Begegnung mit ihrem Mann: "Er redete so, als suche er eine Putzfrau für seine Eltern."

Warum tut Kelek das alles? "Ich will verstehen", sagt sie. Sie selbst wurde 1957 in Istanbul geboren, kam im Alter von zehn Jahren als Kind von Migranten nach Deutschland. Ihr Verhältnis zur Religion ist klar: "Ich kritisiere, dass der Islam immer mehr im Alltag eine Rolle spielt, er verbreitet sich als Gesellschaftsform wie ein Feuer."

Sie unterstreicht jeden einzelnen Satz mit aufgeregten Handbewegungen, als sie weiterspricht: "Ich bin sehr froh, nicht in einem islamischen Land zu leben. Meine Sozialisation ist europäisch: diskutieren, sich streiten, seine eigene Meinung haben zu dürfen. Die Epoche der Aufklärung, der Rationalität und des Empirismus, das macht Europa gerade aus", sagt sie mit fast übergroßem Idealismus.

Und die Diskussion über die daraus resultierenden Fragen, sagt sie, vermisse sie in den islamischen Staaten: "Dort wird Religion immer mehr zur Ideologie. Das lehne ich ab." Kelek wollte nie etwas mit einem türkischen Mann zu tun haben. Sie sagt, das habe sie sich früh geschworen. Und so entging sie dem Schicksal, von der Familie verheiratet zu werden.   

"Man dient und dient und dient"  

"Aufklärung - das ist meine Kultur", sagt sie und etwas später: "Hier lebe ich so, wie ich immer leben wollte. Joggen, mit Freunden essen, Kino, Konzerte. Sehr deutsch." Das war nicht immer so. Als sie noch in einer niedersächsischen Kleinstadt lebte, war auch für sie alles anders. Als sie zwölf ist, muss sie Eltern und Bekannten bei Behördengängen helfen: Behörden sind der erste Kontakt zur deutschen Gesellschaft: "Man dient und dient und dient, man erwartet das von den Töchtern." Kelek hat Erfolg in der Schule, aber die Eltern untersagen ihr nach der Grundschule den Kontakt zu Deutschen.

Die Mutter hatte Pläne, sie mit 14 in eine Keramikwerkstatt zum Arbeiten zu schicken, wie sie selbst es tut. Es geht darum, Geld zu verdienen, um schnell in die Türkei zurückzugehen. Ein Drohbrief von der Schulbehörde rüttelt den Vater wach, und am nächsten Tag geht Necla wieder zur Schule. Nach der Verheiratung der älteren Schwester in die Türkei sind von den vier Geschwistern nur noch die 15-Jährige und der kleinere Bruder mit den Eltern in Deutschland. Kelek beendet die Schule und macht auf Drängen ihrer Klassenlehrerin eine Ausbildung zur technischen Zeichnerin. "Die Ausbildung machte mich stark." Sie rebelliert gegen den Vater, der daraufhin endgültig die Familie verlässt. "Das war mein Glück", sagt sie.

Im Betrieb wird Kelek von einer Gewerkschaftsvertreterin angesprochen, sie wird zur Jugendvertreterin gewählt, tritt mit 16 in die Gewerkschaft ein. Die Gewerkschaftsarbeit habe sie politisch sozialisiert, so sieht sie es heute: "Ab da habe ich das Gefühl gehabt, ich trage jetzt Verantwortung für die deutsche Gesellschaft." Die Gewerkschafterin, die Kelek angesprochen hat, überredet die Mutter, ihre Tochter allein aus dem Haus zu lassen. Sie geht also nach der Berufsausbildung auf ein Internat in Celle und bereitet sich auf ein Studium im Zweiten Bildungsweg vor.

Anschließend studiert sie Volkswirtschaft an der HWP in Hamburg, wieder durch einen Glücksfall, denn sie bekommt ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung. "Die Stiftung war für mich wie meine Eltern", sagt sie, "auch wenn es makaber klingt." Von zu Hause hatte sie keine Unterstützung, weder finanziell noch ideell. Sie fängt ein zweites Studium an, Soziologie, geht für sieben Jahren nach Greifswald und unterrichtet Verwaltungsangestellte in Umschulungsprogrammen.

Dann wieder eine Entscheidung: Sie beginnt eine Dissertation, trotz des kleinen Sohnes, den sie inzwischen bekommen hat.  Wenn sie heute fast täglich mit ihrer Mutter, die wieder in der Türkei lebt, telefoniert, sagt diese oft, wie stolz sie auf ihre Tochter sei. Zum Vater hat Kelek keinen Kontakt mehr. Geld, sagt sie, sei zweitrangig, "es gibt mir bloß eine Freiheit, in Ruhe arbeiten zu können." Wie sie das alles geschafft hat? "Ich habe eine Gabe", erklärt Necla Kelek ihren Werdegang: "Die Leichtigkeit des Seins." Sie vergleicht sich gern mit der Figur der Tereza in Milan Kunderas "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins", einem ihrer Lieblingsbücher:

"Besonders mutig bin ich nicht, ich sage nur, was mein Herz bewegt." Kämpferisch sei sie vielleicht, meint sie: "Das habe ich bei meiner Gewerkschaftsarbeit gelernt - dass man streiten darf, zum Beispiel wenn jemand ungerechtfertigt gekündigt wird." Mit ernst gemeinter Naivität sagt sie dann: "Wenn man an das glaubt, was man tut, mit Leidenschaft und Liebe, dann wird man nicht verlieren."   

Eine Deutsche in Deutschland 

Die Sonne ist im Laufe des Nachmittags tiefer gesunken. Kaum noch lugt sie über die Baumwipfel am nahen Horizont. Goldene Sonnenstrahlen fallen auf ein Gemälde des in der Türkei bekannten Malers Ilhami Ataly, das an einer Wand des Arbeitszimmers lehnt. Es zeigt traditionelle türkische Bäuerinnen. "Die türkische Kultur habe ich immer geliebt", kommentiert Necla Kelek. Sie deutet auf die gemusterten roten Teppiche zu ihren Füßen.

"Ich komme ja aus einem Teppichland." Sie liest türkische Schriftsteller wie Orhan Pamuk und Orhan Kemal, und die türkische Sprache spreche sie "wahnsinnig gern".  Aber diese Kultur, so wie Kelek sie versteht, werde nicht weitergegeben. Der Islam drohe, den Alltag und das Handeln der Mensch zu dominieren, kritisiert Kelek. Neue Moscheen werden gebaut, die Menschen wird das Beten gelehrt.

Aber was lernen sie außerdem? Lernen sie auch, frei zu sein? Kelek ist deutsche Staatsbürgerin: Zu engen Jeans trägt sie ein weißes T-Shirt, durch dessen leichten Baumwollstoff die BH-Träger durchscheinen - ein Tabu in manchen muslimischen Kreisen, wie sie erklärt. Keleks Lächeln verschwindet, als sie weiterspricht und erzählt, was ihr neulich passiert ist: Ein kleiner Laden in Berlin-Wedding, im Hintergrund ist türkische Musik von "Radio Istanbul" zu hören.

Am Tresen ein streng blickender Mann mit Bart, hinten, im Schatten verborgen, sitzt eine Frau mit Kopftuch. "Merhaba. Leblebi istiyorum", sagt Kelek. Das heißt "Guten Tag", und dass sie geröstete Kichererbsen kaufen will. Der Mann hinter dem Tresen schaut noch grimmiger drein, auf ihr rotbraun glänzendes Haar, auf ihr T-Shirt. Es passiert nichts, auch nicht, als sie ihr Anliegen mit fester Stimme, auf Türkisch, wiederholt. Kelek ist nicht willkommen in diesem Laden. Als sie kurz drauf wieder draußen auf der Straße steht, atmet sie auf.
Sie ist wieder in Deutschland. Sie wird durch dieses Land reisen, auf etwa 50 Lesungen, und sie fürchtet sich nicht.  



Zum Weiterlesen 

Necla Kelek: Die fremde Braut - ein Bericht aus dem Inneren des türkischen Lebens in Deutschland. Köln, Kiepenheuer und Witsch, 2005  

Necla Kelek: Die verlorenen Söhne. Kiepenheuer und Witsch, Köln, im Erscheinen

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