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: Mit Money-back-Garantie

Ausgabe 04/2012

STANDORTSICHERUNG Die chemische Industrie am Oberrhein befindet sich im Umbruch. In Grenzach-Wyhlen trotzen die Beschäftigten des Nahrungsergänzungsmittelherstellers DSM der ausländischen Konkurrenz. Dem Betriebsrat gelang es, eine Beschäftigungsgarantie bis zum Jahr 2020 zu vereinbaren. Von Mario Müller

Von MARIO MÜLLER, Wirtschaftsjournalist in Frankfurt am Main/Foto: Axel Stefan Sonntag 

Als der niederländische Chemiekonzern DSM über das Geschäftsergebnis für das Jahr 2011 informierte, sprach Vorstandschef Feike Sijbesma von einem „weiteren starken Jahr“. Der Gewinn sei gestiegen, die Aktionäre erhielten eine höhere Dividende. Auch die Sparte Nutrition, die Nahrungsergänzungsmittel für Mensch und Tier herstellt, habe „erneut gute Fortschritte“ gemacht. Dagegen wird den Beschäftigten des Werks von DSM Nutritional Products (DNP) in Grenzach-Wyhlen am Oberrhein 2011 eher als Jahr starker Einschnitte in Erinnerung bleiben. Auch wenn letztlich mit einer Standortsicherungsvereinbarung Schlimmeres verhindert werden konnte. Betriebsratsvorsitzender Klaus Keßner spricht von einem „fairen Kompromiss“, der sich mit neuartigen Regelungen als Vorbild für andere Unternehmen eigne. „Die Vereinbarung und der Weg dorthin sind beispielgebend“, meint auch Wilfried Penshorn, Bezirksleiter der IG BCE. Von derart versöhnlichen Tönen war man vor zwei Jahren meilenweit entfernt gewesen. Als die Unternehmensleitung im April 2010 bekannt gegeben hatte, im Rahmen einer Rotstiftaktion namens „Impulse“ die Kosten im Werk um 35 Millionen Euro drücken zu wollen, war die Belegschaft „schockiert und wütend“und Keßner stinksauer. Er warf dem Management vor, seine Hausaufgaben nicht gemacht zu haben. Bis 2003 hatte die Belegschaft zum Schweizer Pharmakonzern Roche gehört. Von dem hatte der niederländische Chemiekonzern DSM für rund 2,2 Milliarden Euro das Vitamingeschäft gekauft und kurz nach der Übernahme den diversen Standorten in der Region am Oberrhein ein Sparprogramm mit dem sinnigen Namen „Vital“ verordnet. Für Grenzach lautete die Ansage, die Kosten um rund 30 Millionen Euro zu senken. Im Gegenzug versprach die DSM-Spitze, das Werk zum konzerninternen Zentrum für Biotechnologie auszubauen, ein Plan der jedoch schnell in der Schublade verschwand. Letztlich wurden im Zuge von „Vital“ in Grenzach rund 300 von 900 Arbeitsplätzen gekappt, wobei etwa 100 Beschäftigte betriebsbedingt die Kündigung erhielten.

UNTERSTÜTZUNG DURCH EXTERNE BERATER_Gewarnt durch die leeren Versprechen der Geschäftsleitung beim vorangegangen Sparprogramm, drängten Betriebsrat und Gewerkschaft beim „Impulse“-Programm auf eine verlässliche vertragliche Grundlage.

Nicht verhindert werden konnte allerdings ein erneuter Stellenabbau. Die Produktion von Vitamin B6 wird verlagert, in weiteren Werkseinheiten wird automatisiert und rationalisiert. Damit fallen 131 von zuletzt rund 600 Arbeitsplätzen weg. „Wir mussten zur Kenntnis nehmen, dass die Kosten in Grenzach zu hoch sind“, sagt Betriebsratsvorsitzender Keßner. Diese Einsicht stand am Ende eines Beratungsprozesses, bei dem der Betriebsrat entsprechende Behauptungen der Geschäftsleitung prüfen ließ. Er engagierte Holger Beiersdorf, Professor für Betriebswirtschaft an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf, der nach dem Studium des Zahlenwerks, das ihm die DNP-Zentrale im schweizerischen Kaiseraugst zugänglich gemacht hatte, bestätigte, dass Grenzach zu teuer produziert. Dies gilt vor allem für die B-Vitamine. China und Indien haben eigene große Produktionskapazitäten für diese Futterergänzungsmittel aufgebaut, angesichts des stark wachsenden Fleischkonsums in Asien. Den Konkurrenzdruck bekommt der Standort Grenzach-Wyhlen, einer von insgesamt sieben DNP-Betriebe im Konzern, besonders stark zu spüren.

Anders als beim vorherigen Sparprogramm kam es diesmal nicht zu betriebsbedingten Kündigungen. Vielmehr soll der Stellenabbau „in sozial verantwortlicher Weise“ erfolgen, heißt es in der Vereinbarung. Sie bietet zudem eine längerfristige Perspektive: DSM gibt eine Standortgarantie bis 2020 und hat zugesagt, neue „wirtschaftlich tragfähige“ Produkte nach Grenzach zu holen sowie 20 Millionen Euro in die Modernisierung der Anlagen zu investieren.

EINKLAGBARE SANKTIONSMÖGLICHKEIT_ Der Clou des Standortsicherungsvertrags ist aus Sicht von Betriebsrat und Gewerkschaft: die lange Laufzeit und die vom Berater Beiersdorf vorgeschlagene „Money-back-Garantie“. Sie sichert gewissermaßen die finanziellen Einbußen, die die Beschäftigten im Gegenzug für die Standortsicherung hinnehmen. Denn von 2013 an wird das 14. Monatsgehalt um die Hälfte gekürzt, bereits in diesem Jahr fallen bestimmte übertarifliche Leistungen weg. Falls es dennoch zu Kündigungen kommen sollte, weil die Investitionen „keine Früchte tragen oder zugesagte Wertschöpfungsbeiträge ausbleiben“, wie es IG-BCE-Bezirksleiter Penshorn formuliert, erhalten die Beschäftigten das Geld zurück, auf das sie verzichtet haben. Auf dieser neuartigen einklagbaren Sanktionsmöglichkeit habe man bestanden, sagt Keßner.

Ein Kompromiss wurde auch bezüglich der Betriebsrenten gefunden. Sie sollten nach dem Willen der niederländischen Konzernsmutter gänzlich eingefroren werden, um die Gesamtkosten deutlich zu drücken. Das war aber für den Betriebsrat „tabu“, zumal die Beschäftigten größten Wert auf den Erhalt der, so Keßner, „hervorragenden betrieblichen Altersversorgung“ legten. Bei diesem Thema zog der Betriebsrat ebenfalls einen externen Berater hinzu, den Düsseldorfer Rentenexperten Ulf Imiela. Imiela war bemüht, eine Lösung zu finden, die die Lasten „möglichst gleichmäßig und gerecht“ zwischen aktiven Beschäftigten und den rund 1000 Pensionären verteilt. Das Ergebnis: Die Betriebsrenten werden entgegen der üblichen Anpassungspflicht vorerst nicht erhöht, wobei die Rentner auf einen Aufschlag bei der Rente von bis zu 40 Euro brutto im Monat verzichten.

Der Marathon von elf Verhandlungsrunden sei „ohne Aggressionen“ abgelaufen, berichtet Betriebsratsvorsitzender Keßner. Auch das Management habe Kompromisse gesucht. Dabei mag die derzeit komfortable finanzielle Situation von DSM eine Rolle gespielt haben. Der niederländische Konzern DSM hat 2011 seinen Nettogewinn um 61 Prozent auf 814 Millionen Euro gesteigert und im Geschäft mit Vitaminen und Farbstoffen für Tierfutter und Lebensmittel ein höheres Ergebnis ausgewiesen, wobei die Brutto-Gewinnspanne bei mehr als 20 Prozent des Umsatzes lag. Denn die Nachfrage wächst in Asien und Südamerika stark.

Inzwischen hat sich im Werk in Grenzach die Lage entspannt. Die Kapazitäten waren zuletzt „voll ausgelastet“, sagt Keßner. Das angepeilte jährliche Einsparvolumen sei inzwischen von 35 auf 26 Millionen Euro gesunken. Der Druck dürfte allerdings kaum nachlassen. Denn die gesamte chemische Industrie am Hochrhein befindet sich im Umbruch. Sie habe „nur dann eine Chance, wenn sie spezialisiert ist und neueste Verfahrenstechnik nutzt“, sagt Keßner. Er hofft nun darauf, dass die DSM-Spitze bei der Zuteilung neuer Produkte den Standort rechts des Rheins nicht links liegen lässt.

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