Auszeichnung: Engagiert, erfinderisch, erfolgreich
Die neun Nominierten für den Deutschen Betriebsrätepreis 2026 stehen in den Startlöchern. Die Gremien verbessern den Gesundheitsschutz und die Beschäftigten-Qualifikation, sie helfen bei der Rettung ganzer Standorte und bekämpfen Rassismus. Von Joachim F. Tornau
Kleine Gremien - 1 bis 7 Mitglieder
Sanacorp Pharmahandel, Langenhagen
Branche: Pharmazeutischer Großhandel, Gewerkschaft: Verdi
Projekttitel: Mitarbeitererhalt bis zur Rente
Damit Arbeit nicht krank macht
Die Krankenquote war so hoch, dass krankheitsbedingte Entlassungen drohten: Beim Pharmagroßhändler Sanacorp fielen in der Niederlassung Langenhagen bei Hannover zeitweilig mehr als 20 Prozent der Beschäftigten aus. Um Kündigungen zu verhindern, setzten Betriebsrat und Schwerbehindertenvertretung eine Vielzahl an Maßnahmen für mehr Gesundheitsschutz durch. So wurden Büroarbeitsplätze ergonomischer gestaltet und die Arbeiten im Lager durch höhenverstellbare Transportfahrzeuge erleichtert. Wem die Belastung trotzdem zu groß wird, der kann auf einen anderen Job im Betrieb wechseln. Zudem gibt es regelmäßig Veranstaltungen zur Gesundheitsprävention. All das ließ die Krankenquote der aktuell 165 Beschäftigten auf unter zehn Prozent sinken. Die guten Erfahrungen mündeten in eine Gesamtbetriebsvereinbarung zum betrieblichen Eingliederungsmanagement.
Arkema, Leuna
Branche: Chemie, Gewerkschaft: IGBCE
Projekttitel: Zusätzliche Gesundheitsvorsorge
Auf kurzem Weg zu besserer Gesundheit
Vorsorgeuntersuchungen sind wichtig. Aber Arzttermine kosten Zeit und liegen oft in ferner Zukunft. Am Standort Leuna des Chemiekonzerns Arkema können alle 45 Beschäftigten deshalb jetzt eine umfassende Vorsorge während der Arbeitszeit bekommen. Der Betriebsrat hat mit dem Arbeitgeber vereinbart, dass pro Beschäftigtem dafür jährlich 400 Euro aus dem Demografiefonds des Tarifvertrags über lebensphasengerechte Arbeitszeitgestaltung, der speziell für die ostdeutsche Chemieindustrie gilt, zur Verfügung stehen. Die vom werksärztlichen Dienst des Leunaer Chemieparks durchgeführten Untersuchungen sind freiwillig und vertraulich. Angeboten werden Blutuntersuchung, Krebsvorsorge, Ultraschall und EKG. Seit dem Start des Projekts zu Jahresbeginn haben schon 85 Prozent der Belegschaft davon Gebrauch gemacht.
Körber Technologies, Hamburg
Branche: Maschinenbau, Gewerkschaft: IG Metall
Projekttitel: Eingliederung von schwerbehinderten Menschen in das Arbeitsleben
Inklusion mit echter Jobperspektive
Körber in Hamburg baut Maschinen für die Tabak- und Nahrungsmittelindustrie. Von den 2100 Beschäftigten haben rund 140 eine Schwerbehinderung. Einzelne waren vorher in Werkstätten für Menschen mit Behinderung tätig. Sie konnten dank eines flexiblen Inklusionssystems der Schwerbehindertenvertretung auf Tarifarbeitsplätze wechseln. Das System eröffnet verschiedene Wege der Teilhabe bis hin zur Übernahme. Als Einstieg dient meist der „Duo-day“, bei dem Werkstätten-Beschäftigte einen Tag lang ihren Wunscharbeitsplatz kennenlernen. Zudem lagern die Werkstätten Tätigkeiten zu Körber aus. Bei Einzelarbeitsplätzen fließt bereits dann ein am Tarif orientierter Lohn.
Mittlere Gremien - 9 bis 15 Mitglieder
Brose, Würzburg
Branche: Fahrzeugzuliefererindustrie, Gewerkschaft: IG Metall
Projekttitel: Würzburg bleibt! Von dem drohenden Aus zum Innovationsstandort für Luft- und Raumfahrt
Mit Satelliten den Standort gerettet
Als Anfang 2025 bekannt wurde, dass der Automobilzulieferer Brose seinen Würzburger Standort mit 1400 Beschäftigten dichtmachen will, ging der Betriebsrat des Werks sofort in die Offensive. Er mobilisierte die Belegschaft, schuf Öffentlichkeit, veranstaltete Protestdemonstrationen, startete eine Onlinepetition und zog erfolgreich die Kommunal- und Landespolitik auf seine Seite. Das Gremium beschränkte sich jedoch nicht auf Abwehr, sondern nahm auch Kontakt zu Unternehmen der Luftfahrt- und Satellitentechnik auf, lotete Möglichkeiten der Zusammenarbeit aus und eröffnete Brose damit eine Zukunftsperspektive jenseits des Traditionsgeschäfts. So gelang es, den Arbeitgeber zu überzeugen. Am Ende stand ein Tarifvertrag, der den Erhalt des Werks bis mindestens 2030 festschreibt – auch mithilfe des Einstiegs in die neuen Technologien.
Maschinenfabrik Alfing Kessler, Neuler (Ostalb)
Branche: Metall- und Elektroindustrie, Gewerkschaft: IG Metall
Projekttitel: Wandel gestalten. Zukunft sichern.
Erfolgreiche Transformation
Als Kurbelwellenhersteller war Alfing Kessler stark vom Verbrennungsmotor abhängig. Um einen drohenden Stellenabbau zu verhindern und die traditionsreiche Maschinenfabrik trotz der Veränderungen in der Automobilindustrie dauerhaft zu erhalten, stieß der Betriebsrat einen Transformationsprozess an. Gemeinsam mit Geschäftsführung und IG Metall sowie unter aktiver Beteiligung der Belegschaft wurden neue Geschäftsfelder erschlossen und das Unternehmen breiter aufgestellt. Zum Produktportfolio gehören jetzt beispielsweise auch Teile für den Gleisbau und Wellen für Elektromotoren. Der Erfolg ist messbar: Seit 2020 konnte der Umsatz verdoppelt werden, die Zahl der Beschäftigten kletterte von 1100 auf 1500, das Firmengelände wurde erweitert. Zugleich hat sich durch den Beteiligungsprozess auch die Unternehmenskultur verbessert.
Steag Iqony Group, Essen
Branche: Energieversorgung, Gewerkschaft: IGBCE
Projekttitel: Q-FiT – Karrierechancen und Qualifizierungsbedarfe von Frauen in Teilzeit
Weiterbildung ohne Teilzeitfalle
Der Kraftwerksbetreiber Steag Iqony Group organisiert für seine rund 3000 Beschäftigten jedes Jahr Hunderte Qualifizierungskurse. Weibliche Beschäftigte nutzten sie aber lange Zeit kaum – 2024 gerade einmal zu drei Prozent. Das lag vor allem daran, dass die zumeist extern sowie ganz- oder mehrtägig stattfindenden Weiterbildungen nicht zu den Lebensrealitäten der vielen in Teilzeit arbeitenden Frauen passten. Außerdem sahen weibliche Teilzeitbeschäftigte für sich kaum Karrierechancen. Um das zu ändern, starteten Betriebsrat und Personalabteilung ein partizipatives Projekt, in dem zusammen mit den betroffenen Frauen Ideen für die Karriereförderung von Teilzeitkräften sowie passende Qualifizierungsmodelle entwickelt wurden. Das von der Hans-Böckler-Stiftung geförderte Projekt wurde vom Helex-Institut in Bochum wissenschaftlich begleitet.
Große Gremien - Ab 17 Mitglieder
Aumovio, Babenhausen
Branche: Fahrzeugzuliefererindustrie, Gewerkschaft: IG Metall
Projekttitel: Im Spiel bleiben! Szenarienbasierte strategische Mitbestimmung in Zeiten von Krisen und Transformationsdruck
Auf alle Szenarien vorbereitet
Die schwächelnde Automotive-Sparte von Continental wurde Ende 2025 als Aumovio vom Konzern abgespalten. Vorangegangen war der jahrelange Versuch, den Geschäftsbereich gesundzuschrumpfen. Auch im hessischen Babenhausen sollen zum Jahresende von einst 3900 Beschäftigten nur noch 700 in der Entwicklung digitaler Displays übrig bleiben. Der Betriebsrat hat sich vom zähen Kampf um den Standort und immer neuen Hiobsbotschaften jedoch nicht lähmen lassen. Statt nur zu reagieren, wurden mit Fachleuten der Hans-Böckler-Stiftung vorausschauend Handlungsansätze für ganz unterschiedliche Zukunftsszenarien erarbeitet. Diese strategisch ausgerichtete Mitbestimmung verbesserte nicht nur das Standing gegenüber dem Arbeitgeber, sondern stärkte auch das Vertrauen in der Belegschaft.
Elbkinder Vereinigung Hamburger Kitas
Branche: Sozial/Bildung, Gewerkschaft: Verdi
Projekttitel: Demokratie und Vielfalt
Kein Platz für Diskriminierung
Der Hamburger Kita-Betreiber Elbkinder ist ein höchst internationales Unternehmen: Knapp 7000 Beschäftigte aus mehr als 40 Ländern betreuen 40 000 Kinder mit noch viel mehr Nationalitäten. Nachdem es vermehrt zu rassistischen Äußerungen von Eltern, aber auch aus der Belegschaft gekommen war, setzte der Betriebsrat ein deutliches Zeichen: Auf Plakaten wurden menschenfeindliche Äußerungen rechter Politiker mit Illustrationen aus der Kita-Welt kontrastiert, dazu die Botschaft: „In unseren Einrichtungen ist kein Platz für rechtsextremes Gedankengut und diskriminierende Haltungen.“ Bei Betriebsversammlungen nutzte der Betriebsrat die Plakate, um den Austausch mit betroffenen Beschäftigten anzuregen. Außerdem erreichte das Gremium, dass sich Elbkinder der Initiative Welcoming Out anschloss, die für Offenheit und Akzeptanz gegenüber queeren Menschen steht.
Airbus Operations, Hamburg
Branche: Luftfahrt, Gewerkschaft: IG Metall
Projekttitel: Entwicklung, Testung und Begleitung von Methoden, Prozessen und Werkzeugen für ein neues Arbeitsumfeld und hybrides Arbeiten (einschließlich Desksharing)
Flugzeugbauer startet mit Pilotversuch durch
Gut die Hälfte der 20 000 Beschäftigten im Hamburger Airbus-Werk hat einen Job am Schreibtisch. Seit der Corona-pandemie ist mobiles Arbeiten auch hier das neue Normal. Überlegungen, darauf mit einem neuen, hybriden Bürokonzept zu reagieren und fest eingerichtete Arbeitsplätze durch Desksharing zu ersetzen, stießen in Teilen von Belegschaft und Betriebsrat jedoch auf vehemente Ablehnung. Um die Blockade aufzulösen und eine Faktengrundlage für die weiteren Verhandlungen zu gewinnen, vereinbarte der Betriebsrat mit dem Arbeitgeber einen zwölfmonatigen Pilotversuch. Unter wissenschaftlicher Begleitung und abgesichert durch eine Projektbetriebsvereinbarung wurde flexibles „Activity Based Working“ mit 280 Beschäftigten ausprobiert. Mit Erfolg: Fast alle Teilnehmenden sprachen sich am Ende für die neue Büroumgebung aus.
#BR26 Deutschlands wichtigstes Betriebsratsforum
Der Deutsche Betriebsrätepreis wird im September zum ersten Mal in Berlin im Rahmen des neuartigen Betriebsräteforums #BR26 vergeben.
Mehr Infos zur Veranstaltung unter: br26.berlin