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Daniela de Wall prüft die Arbeit der Roboter bei Bahlsen in der Produktion von Keksen Magazin Mitbestimmung Magazin Mitbestimmung

Betriebsräte-Preis: Endlich Entgeltgleichheit

Ausgabe 06/2020

Bei Bahlsen in Varel nutzte der Betriebsrat die Automatisierung der Produktion, um Lohnlücken zwischen Männern und Frauen abzuschaffen. Dafür gab es beim Betriebsräte-Preis Gold. Von Fabienne Melzer

Von wegen Frauen können nur Kekse einpacken. Solche Gedanken wollte Betriebsrätin Manuela Haase gar nicht erst aufkommen lassen. „Wir haben den Frauen von Anfang an gesagt: Das schafft ihr schon, wir zeigen es den Männern.“ Sie haben es den Männern gezeigt und Maschinenführerin gelernt. „Frauen, die 20 Jahre lang Kekse eingepackt haben, sind jetzt Expertinnen für 15 Maschinen“, sagt Manuela Haase, Betriebsratsvorsitzende bei Bahlsen in Varel. „Sie haben sich enorm entwickelt, auch finanziell.“ Mit der Qualifizierung stiegen sie zwei Entgeltstufen nach oben, dahin, wo die meisten ihrer Kollegen längst waren. Die Entgeltlücke zwischen Männern und Frauen – in Varel ist sie überwunden. Mit diesem Erfolg gewann der Betriebsrat beim Betriebsräte-Preis in diesem Jahr Gold.

Vor zehn Jahren rollte eine Automatisierungswelle durch das Werk in Friesland. Hatten bis dahin Frauen Kekse per Hand auf Qualität geprüft und in Schachteln gepackt, übernahmen diese Arbeit nun Roboter. Statt Kekse einpacken, galt es nun, Maschinen zu warten, Funktionen zu prüfen, Störungen zu erkennen und zu beseitigen. „Es gab Stimmen gegen eine Qualifizierung der Frauen“, sagt Manuela Haase, „manche sprachen ihnen unterschwellig den technischen Sachverstand ab.“

Nicht alle konnten qualifiziert werden

Fast 20 Jahre saß Daniela de Wall am Band und packte Kekse ein. Als sie hörte, dass Roboter ihre Arbeit übernehmen sollen, dachte sie: „Das können Maschinen doch gar nicht.“ Heute bedient sie diese Roboter und weiß: Sie können es erstaunlich gut. Gezielt greifen sie nach den guten Plätzchen und lassen zu kleine, zu dunkle oder kaputte Kekse auf dem Band liegen. Daniela de Wall kontrolliert, ob die Arme richtig greifen, prüft die Einsätze und die Waage an der Maschine. „Wenn die Anlage stehen bleibt, muss ich nach dem Grund suchen. Meine Arbeit ist abwechslungsreicher geworden“, sagt die 50-Jährige. Vor den Maschinen hatte sie keine Angst. Dennoch war es für sie keine schöne Zeit, als die Produktion umgestellt wurde. Nicht alle Frauen konnten zur Maschinenführerin ausgebildet werden. Das Unternehmen strich 40 Arbeitsplätze.

Immerhin 100 Frauen konnten sich qualifizieren, und besonders stolz ist Betriebsratsvorsitzende Manuela Haase immer noch auf die höhere Eingruppierung. „Früher kamen Frauen automatisch in die niedrigste Entgeltstufe. Das ist vorbei.“ Auch weil der Betriebsrat an dem Thema dranbleibt. Zweimal pro Jahr überprüfen sie die Entgelte. Bei den außertariflichen Zulagen soll es schließlich ebenfalls gerecht zugehen.

Anke Bössow, bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zuständig für die Initiative Lohngerechtigkeit, freut sich für die Kolleginnen von Bahlsen. „Die Auszeichnung zeigt, dass wir auch mit dem Thema Entgeltgerechtigkeit erfolgreich sein können.“ Den Wandel der Arbeitswelt sieht sie grundsätzlich als Chance. „Wenn wir den Wandel nutzen und unsere Themen wie die Bewertung der Arbeit rechtzeitig setzen, können wir Arbeit besser und gerechter machen.“

Mit dem Betriebsrätepreis zeichnet der Bundverlag jedes Jahr Mitbestimmungsgremien aus, die sich mit einer besonderen Idee, einem außergewöhnlichen Projekt für ihre Kolleginnen und Kollegen eingesetzt haben. In diesem Jahr gab es außerdem einen Sonderpreis für Betriebsräte, die sich beim Schutz vor Corona besonders engagiert haben.

Auf der Seite des Bundverlags können sich Interessenvertretungen bereits für den Preis im kommenden Jahr bewerben. 

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