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: Eine Frage des Vertrauens

Ausgabe 05/2008

MITTELSTAND In Braunschweig leihen sich 22 Unternehmen gegenseitig ihre Mitarbeiter aus, wenn Bedarf besteht. Das Modell reduziert den Einsatz von externen Leiharbeitern.

Von PETRA WELZEL, Journalistin in Berlin

Vor Tobias Kargs Arbeitsplatz wächst eine Palette mit schweren, stahlblau glänzenden Bauteilen, die in der Form eines Halbkreises gebogen sind. In die einen sind Löcher, in die anderen Nuten gefräst. Bei der Braunschweiger Zollern BHW GmbH & Co. KG, einem traditionsreichen Maschinenbauunternehmen, produziert der Werkzeugmacher solche seltsam geformten Einzelteile, die sich später mit anderen Teilen zu einem Schiffsmotor zusammenfügen.

Karg trägt eine blaue Latzhose, mit seinen kurzen Haaren und wachen Augen hinter einer Brille wirkt er sportlich, wie einer, der zupacken kann. Dass sein Job hier einigermaßen sicher ist, das hat er auch einem Tarifvertrag aus dem Jahr 2000 zu verdanken, den die Unternehmer mit der IG Metall ausgehandelt haben. Darin verpflichten sich die Vertragspartner zur so genannten "kollegialen Arbeitnehmerüberlassung", abgekürzt KANÜ.

Wer die Abkürzung zum ersten Mal sieht, denkt unweigerlich an das Wort Kanu, und das Bild passt eigentlich ganz gut. Mittlerweile 22 mittelständische Metall-Unternehmen der Region sitzen in einem Boot, das nicht zu kentern droht, weil bei Seenot alle zusammen zupacken und die Arbeitskräfte da einsetzen, wo sie gebraucht werden. Nicht gewerbsmäßig, sondern einfach so.

DER AUSLEIHBARE NORMALARBEITER_ Karg ist jetzt 39, er kam nach der Wende in das ehemalige Zonenrandgebiet um Braunschweig und Salzgitter, wo etwa zwei Drittel der arbeitenden Bevölkerung entweder bei VW oder den Stahlwerken Salzgitter-Peine Schichten schoben. Bisher hat er ungefähr alle drei Jahre seinen Arbeitsplatz gewechselt - nicht immer freiwillig, sondern weil seine Arbeitgeber Personal abgebaut haben.

Nach einer Fortbildung zum CNC-Fräser gelangte er schließlich in die Mechanische Werkstatt Streiff GmbH & Co. KG, kurz MWS, auch ein Braunschweiger Maschinenbauunternehmen und wie die Zollern BHW Mitglied in der Kooperations-initiative Maschinenbau Braunschweig (KIM), die der Tarifvertrag zur Arbeitsüberlassung miteinander verbindet. "Bei MWS hatte ich meinen Traumjob", sagt Tobias Karg, um gleich hinzuzufügen: "Was nutzt der einem, wenn das Unternehmen kaum Aufträge bekommt."

Da stand die schöne CNC-Fräse, er konnte nicht fräsen. Da bot man ihm an, in einem anderen Betrieb namens Lanico zu arbeiten - bei gleichem Lohn und zugesicherter Rückkehr an seine Fräse bei MWS. Er zögerte nicht: "Das ist doch allemal besser, als auf Kurzarbeit zu gehen oder gekündigt zu werden." So ging er im November 2006 für zwei Monate zu Lanico, dann für zehn Monate zu Zollern. Da wäre eigentlich Schluss gewesen mit dem Ausleihen, denn die Entleihung ist laut Tarifvertrag auf zwölf Monate beschränkt.

Da sich jedoch bei seinem eigentlichen Arbeitgeber, der MWS, nichts geändert hatte, tat Karg etwas, das eigentlich nicht im Sinne der Erfinder war. Er bewarb sich offiziell bei Zollern, weil er dort gebraucht wurde. "Wie lange hätte ich noch warten sollen?", fragt er. "Spätestens mit 43 bin ich nur noch schwer vermittelbar. Hier habe ich eine Zukunft." Also kündigte er seinen Traumjob. Seit Oktober 2007 ist Tobias Karg fest bei Zollern angestellt. Eigentlich wäre das ein Grund für MWS, einzuschreiten. Denn das Abwerben von ausgeliehenem Personal ist im Tarifvertrag untersagt.

DER WURST-VERPACKER_ Wolfgang Niemsch ist ein stattlicher Mann in braunen Cordhosen, er trägt ein elegantes dunkles Jackett und ist Geschäftsmann bis in die goldene Krawattennadelspitze hinein. Er ist Geschäftsführer der Lanico Maschinenbau Otto Niemsch GmbH. Zum Fall Karg befragt, der auch in seiner Firma arbeitete und jetzt bei Zollern, sagt er nur, es gäbe Sachen, die Geschäftsführer untereinander regelten. Niemsch residiert nur wenige Kilometer entfernt von Zollern in einem Industriegebiet.

In einem Konferenzraum im Bürotrakt des Betriebs stehen in einer Vitrine allerhand Dosen - für griechische Oliven, polnische Wurst und andere Nahrungsmittel ausgestellt. Lanico baut hauptsächlich Maschinen, die Dosen produzieren und auf dem Weltmarkt gefragt sind. Mehr als 146 fest angestellte Beschäftigte braucht das Unternehmen dafür nicht. Wenn, wie seit dem letzten Jahr, die Auftragsbücher besonders voll sind, fragt Wolfgang Niemsch immer erstmal in den Partnerunternehmen, ob sie Personal ausleihen können.

"Die Qualität der Mitarbeiter aus diesen Betrieben ist besser als die von Leiharbeitern", sagt er. "Das muss man deutlich sehen." Damals, im Herbst des Jahres 2000, war Niemsch Verhandlungsführer der Arbeitgeber - er hat den Vertrag zur kollegialen Arbeitnehmerüberlassung mit ausgeheckt. Noch heute erzählt er gern, dass der IG-Metall-Entwurf zunächst sechs Seiten lang gewesen sei. "Das haben wir dann alles auf eine halbe DIN-A4-Seite zusammengestrichen."

Jetzt gilt eine überarbeitete Fassung von 2003, die wieder drei Seiten hat - es steht drin, dass die überlassenen Beschäftigten weiterhin gleiches Entgelt bekommen und bei Bedarf einen Aufschlag für höhere Anfahrtskosten. Sie müssen der Maßnahme zustimmen, ebenso wie der Betriebsrat. Dass den ausgeliehenen Mitarbeitern vom entleihenden Betrieb kein Arbeitsvertrag angeboten werden darf, ist über das Geschriebene hinaus Ehrensache.

NOCH FEHLT ES AN NACHAHMERN_ Betriebe, die Beschäftigte nicht gewerbsmäßig untereinander entleihen und ausleihen, machen sich den §?1, Absatz 3 des Arbeitnehmer-überlassungsgesetzes (AÜG) zunutze. Ist die Arbeit-neh-mer--überlassung normalerweise genehmigungspflichtig, so gilt das Gesetz nicht bei der "Arbeitnehmerüberlassung zwischen Arbeitgebern desselben Wirtschaftszweiges zur Vermeidung von Kurzarbeit oder Entlassungen, wenn ein für den Entleiher und Verleiher geltender Tarifvertrag dies vorsieht".

Mittlerweile beteiligen sich 22 Unternehmen an der Braunschweiger Initiative. Zehn davon sind nicht im Arbeitgeberverband der Metallindustrie organisiert - das sieht die IG Metall in Niedersachsen zwar nicht so gern, aber sie ist trotzdem "stolz auf diesen Tarifvertrag", wie Uwe Stoffregen, der Presse-sprecher, versichert. Die kollegiale Arbeitnehmer-überlassung trägt zur Stabilisierung der Betriebe und Beschäftigungsverhältnisse bei. Erst kürzlich gelang es bis zu zwölf von Arbeitslosigkeit bedrohte Mitarbeiter im Verbund zu halten.

Doch es gibt ein Problem: Obwohl die Gewerkschaft immer wieder mit dem Beispiel wirbt, konnte bisher kaum irgendwo anders ein ähnlicher Vertrag abgeschlossen werden. Es scheitere an den Arbeitgebern, sagt Stoffregen. "Die wollen sich nicht in die Karten gucken lassen, oder der Aufwand ist ihnen zu groß", glaubt er. Dazu kommen strukturelle Risiken: Wenn die Konjunktur anzieht, brauchen meist alle Firmen Arbeitskräfte, und wenn sie schwächelt, gibt es im Verbund tendenziell viele.

So betrug das Ausleihvolumen in der Kooperationsinitiative KIM im Jahr 2004 noch 258.000 Euro, im Jahr 2007 nur noch knapp 10.000 Euro. In Braunschweig aber haben sich die Mühen offensichtlich ausgezahlt. Wolfgang Niemsch drückt es so aus: "Hier hat sich eine Gruppe von Menschen getroffen, die miteinander können, einander vertrauen und respektieren."

DER SONNEN-SPEZIALIST_ Klaus-Henning Terschüren, ist einer der zwei Geschäftsführer der Solvis GmbH & Co KG und seit knapp drei Jahren mit Wolfgang Niemsch zusammen im Vorstand der KIM. Seine Haare hat er zum Zopf gebunden, in dem schlaksigen Körper im Rollkragenpulli steckt noch der junge Mann, der einst einen gut bezahlten Job aufgab - "nicht um die Welt zu verbessern, sondern um die Sonne auszubeuten".

Unbescheiden wirbt sein Unternehmen für Heizanlagen, die mit Solarkollektoren betrieben werden: "Eigentlich wollten wir nur das umweltfreundlichste Wärmesystem der Welt entwickeln. Heraus kam etwas viel Besseres." Angefangen hat alles 1986, als Klaus-Henning Terschüren mit seinem Kollegen und dem anderen Solvis-Geschäftsführer, Helmut Jäger, in einer Garage an der Stabilisierung des Klimas arbeitete. Jäger kam als Ingenieur von VW, Terschüren hatte zuvor Großwasch-anlagen konstruiert.

Schnell wuchs das Duo auf fünf Gesellschafter, heute beschäftigt Solvis 240 Mitarbeiter. Von der Garage ist die Firma in eine hochmoderne Nullemissionsfabrik gezogen, bislang Europas größte Fabrik mit eigenen Verwertungskreisläufen. In den hellen Holzhallen duzt jeder jeden. Er und sein Geschäftsführer-Kollege Niemsch könnten unterschiedlicher gar nicht sein. Wenn Terschüren sagt, er fände die KIM "richtig klasse", und Niemsch, dass es "oft hilfreich ist, mit Herrn Terschüren zu sprechen", dann heißt das was.

Heute besuchen die beiden zusammen Fortbildungen für Führungskräfte, ihre Fachkräfte tauschen sich in Arbeitskreisen aus. Wenn Terschüren diese Runden beschreibt, bekommt man eine Ahnung von den Zusammenkünften: "In der KIM sind 22 Haudegen vereint, die lassen sich nichts sagen und nicht führen, die führen selbst." Vielleicht sagt er das, weil sich unlängst bei Solvis ein Betriebsrat gegründet hat. Vielleicht aber auch, weil die Firma tariflos ist, und die Löhne und Gehälter seiner Mitarbeiter unter dem Niveau des Tarifvertrags liegen, den Niemsch mit der IG Metall abgeschlossen hat.

In den tarifgebundenen Unternehmen verdienen Industriemechaniker 2800 bis 3000 Euro, bei Solvis geht es ab 2200 los. Auch die Ingenieure und die Chefs von Solvis verdienen derzeit deutlich weniger. Gut, dass in dem Verbund bisher keine Ingeniere ausgeliehen wurden, denn das wäre für Solvis teuer - bei den Facharbeitern ist das Lohngefälle noch vertretbar, so dass auch Solvis bereits Mitarbeiter ausgeliehen hat.

DER ZURÜCKGEKEHRTE ARBEITNEHMER_ Im letzten Winter sah es so ernst für Solvis aus, dass die Firma gerne 30 Mitarbeiter verliehen hätte - dann mehrten sich zum Glück die Aufträge - am Ende ging nur einer fort, in ein Goslarer Unternehmen, und das auch nur, weil er sich die Stelle dort selbst gesucht hatte: der Industriemechaniker Jens Regner. Mit dem kurzen Stoppelschnitt und dem Ohrring im linken Ohrläppchen wirkt er wie ein Jugendlicher und um einiges jünger als die 34 Jahre, die er ist.

Vier Monate blieb er in dem Entleihbetrieb - er sagt, es habe ihm Spaß gemacht, mal anderswo hereinzuschauen. Und er gibt zu, dass er skeptisch war, ob er wirklich wieder zu Solvis zurückkonnte. Nun ist er froh, bleiben zu können. Das "super Betriebsklima" möchte er nicht mehr missen. Regner ist zu 60 Prozent behindert - er hat Diabetes und ist schwerhörig, aber das mit den Ohren gehe schon: "Wenn ich mal etwas nicht verstanden habe, sagt man mir es noch einmal, und keiner ist genervt." Wie Karg ist auch Regner überzeugt, dass er einen Job mit Zukunft gefunden hat.

DER VERTRETER DER BELEGSCHAFT_ Heino Plate ist Betriebsratsvorsitzender bei Zollern. Anfangs, so erzählt er, sei es schwierig gewesen, die Mitarbeiter von der Idee des Kollegenaustausches zu überzeugen. Aber nun seien alle, die es schon mal gemacht hätten, begeistert. In jedem Gang in der großen Werkhalle können die Mitarbeiter an große weiße Pinnbretter Verbesserungsvorschläge heften. Aber alle Bretter sind leer.

Plate, ein kleiner, drahtiger Mann, der seinerzeit als Ortsgruppenvorsitzender der IG Metall den Tarifvertrag mitgetragen hat, kümmert sich heute schon wieder um ganz neue Baustellen: Er baut die Gesundheitsförderung aus - mit der eigenen Betriebskrankenkasse, mit Lauftreffs, einer Fußballmannschaft und Rückengymnastik. Auf einem der Rollladenschränke in seinem Büro stehen vier Fußballpokale. Und hinter seinem Schreibtisch, rechts von einer Weltkarte, hängt ein gerahmtes Plakat.

Auf dem ist ein Waschbecken mit etlichen Abflussrohren zu sehen, darunter steht: "Gefordert sind nicht Probleme, sondern Lösungen." Einige Firmen wollen in Zukunft sogar gleiche Maschinen kaufen, damit das Personal damit vertraut ist, wenn es ausgeliehen wird. Längst haben die Braunschweiger auch erkannt, dass man nicht nur Personal tauschen, sondern auch miteinander Geschäfte machen kann. Der Maschinenbauer MWS, der es nach der letzten Konjunkturflaute besonders schwer hatte, erhält heute 40 Prozent seiner Aufträge von Zollern.

MEHR INFORMATIONEN

Die offizielle KIM-Webseite:?www.made-in-braunschweig.de

Studie der Hans-Böckler-Stiftung zu Erfolgsaussichten der kollegialen Arbeitnehmerüberlassung
www.boeckler.de/pdf_fof/S-2006-924-2-1.pdf

 

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