Altstipendiaten der Stiftung: Die Neugierige
Im privaten Umgang mit Social Media bezeichnet sich Angela Graf als Digitaldinosaurier. Beruflich hingegen erforscht die Soziologin die gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung in der Arbeitswelt. Von Stefan Scheytt
In ihrer Freizeit reist Angela Graf um die Welt: „Ich liebe es, andere Kulturen und Länder kennenzulernen und so auch meine eigene Gesell-schaft noch mal mit anderen Augen zu sehen.“ Selbst im Urlaub treibt sie ihre Profession an: Angela Graf ist Soziologin.
Die Neugier, hinter die Dinge zu schauen, spricht aus der ehemaligen Böckler-Promotionsstipendiatin, wenn sie lebendig über ihre Arbeit am Bayerischen Forschungsinstitut für Digitale Transformation (bidt) berichtet. Etwa über zwei Fallstudien in traditionsreichen Maschinenbaufirmen oder ganz aktuell über Interviews in Werbeagenturen. Gemäß der Zielsetzung des bidt geht es immer darum, die digitale Transformation besser zu verstehen und sie gemeinwohlorientiert zu gestalten.
Das 2019 gegründete Institut mit knapp 40 Beschäftigten wird vom Freistaat finanziert. Die außeruniversitäre Einrichtung forscht zur digitalen Transformation und vernetzt und fördert Projekte bayerischer Hochschulen. Seit 2023 koordiniert Angela Graf den Bereich Wirtschaft und Arbeit, seit wenigen Monaten leitet sie auch die Stabsstelle Forschung.
Sie sei weder auf Instagram noch auf Facebook, also wohl ein „Digitaldinosaurier“, bekennt die 44-Jährige lachend. In ihrer Forschung geht es viel um die sozialen Dimensionen des Wandels, also darum, was die Technik mit der Arbeitswelt anstellt. Bei einem der zwei Maschinenbauer sprach ein Digitalmanager der Soziologin aus dem Herzen, als er feststellte: „Digitalisierung hat nur zu 20 Prozent mit Technik zu tun und zu 80 Prozent mit Menschen.“
Doch leider würden diese sozialen Aspekte oft übersehen, dabei verändern digitale Transformationen das Miteinander in Organisationen grundlegend. Graf wünscht sich daher mehr Engagement der Betriebsräte und Gewerkschafter: „Gerade durch den Einsatz neuer digitaler Technik wie KI wird das Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und -gebern in vielen Betrieben neu ausgehandelt. Da müssen sich Arbeitnehmervertreter stärker einbringen, sonst fährt der Zug ohne sie ab.“
Graf ist in Bamberg aufgewachsen als älteste von vier Töchtern eines Postbeamten und einer Hausfrau. Ihr Grundschullehrer redete den Eltern erfolglos ein, dass sie auf dem Gymnasium keine Chance habe. Eine wichtige Rolle in ihrer beruflichen Biografie spielte der Soziologe und Elitenforscher Michael Hartmann. Bei ihm studierte sie in Darmstadt, er war ihr Doktorvater. Sezierte Hartmann die deutsche Wirtschaftselite, fragte Graf in ihrer Diplom- und in ihrer Doktorarbeit, welche Rolle die soziale Herkunft für Karrieren in der Wissenschaft spielt – in der doch angeblich nur der intellektuelle Output zählt. Ihr Befund ähnelte dem ihres Doktorvaters: „Auch Wissenschaft ist stark sozial exklusiv.“
Sie selbst musste 18 befristete Arbeitsverträge hinter sich bringen, bevor sie nach ihrer Habilitation an der Technischen Universität München 2020 ans bidt kam. Seit 2023 hat sie eine Dauerstelle. „In der Wissenschaft mit so vielen prekären Beschäftigungen war das wie ein Sechser im Lotto“, sagt sie.
Gegen Ungerechtigkeiten ging sie schon als Studentin an. Sie organisierte autonome Tutorien, Vorträge in der Straßenbahn und Streiks gegen Studiengebühren, stritt in Hochschulgremien und verhandelte dort im Namen der GEW einen Haustarifvertrag. Als sie bei der Hans-Böckler-Stiftung die Förderbewilligung erhielt, wurde bei ihrem Doktorvater eine befristete Stelle frei, die sie nicht ausschlagen konnte. So blieb ihre Förderung ideell, aber wegen der Netzwerke und Veranstaltungen für Graf sehr wertvoll. Auch deshalb blieb sie der Stiftung bis heute erhalten: „Als Vertrauensdozentin der Stiftung versuche ich, zurückzugeben, wovon ich selber als junge Wissenschaftlerin profitiert habe.“