Ausbildungsmarkt: Ausbilden statt aussperren
Trotz Tausender offener Stellen finden viele Jugendliche keine Ausbildung. Gewerkschaften und Betriebsräte zeigen: Wer nicht nur klagt, kann etwas bewegen. Von Jeannette Goddar
Der Ausbildungsmarkt ist paradox: Fast jede dritte Ausbildungsstelle in Deutschland bleibt unbesetzt; 30 Prozent waren es laut Betriebspanel des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) im Jahr 2025. Gleichzeitig finden jedes Jahr Tausende Jugendliche keinen Ausbildungsplatz. IAB-Direktor Bernd Fitzenberger sprach bei der Vorstellung der Zahlen von einem „großen Mismatch“ zwischen dem, was Betriebe suchen, und dem, was Jugendliche mitbringen oder wollen.
Die Folgen sind gravierend: Zehn Prozent der 20- bis 34-Jährigen waren laut Statistischem Bundesamt im zurückliegenden Jahr weder in Ausbildung noch in Beschäftigung. 2,76 Millionen Menschen unter 35 Jahren in Deutschland haben keinen Berufsabschluss. Besonders betroffen sind Haupt- und Förderschüler, viele aus Familien mit Migrationshintergrund.
Bremen: Solidarität durch Ausbildungsfonds
Betriebe singen an dieser Stelle gern ein Klagelied von ungeeigneten Bewerberinnen und Bewerbern, von mangelnder „Ausbildungsreife“ oder „-fähigkeit“. Magdalena Polloczek vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung hält dagegen: „Im letzten Jahr haben so viele Jugendliche erfolglos einen Ausbildungsplatz gesucht wie seit 20 Jahren nicht mehr.“ Den Arbeitgebern attestiert sie einen zu engen Blick auf die Noten. Damit fielen andere Kompetenzen unter den Tisch. „Dabei brauchen Jugendliche, um eine Ausbildung zu beginnen, formal weder einen besonders guten noch überhaupt einen Schulabschluss.“ Polloczek erinnert an die Pandemie, in der Jugendliche jahrelang zurückstecken mussten, während viele Betriebe ihr Ausbildungsengagement reduzierten. Zwar dürfen 51 Prozent der Betriebe in Deutschland ausbilden, doch kaum mehr als jeder Zweite von ihnen tut es (59 Prozent). Allein von 2024 bis 2025 sank die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge um 10 000.
Gewerkschaften und Betriebsräte warten nicht auf die nächste Studie. Sie verhandeln und bauen Strukturen. Zum Beispiel in Bremen. Dort müssen größere Betriebe seit 2025 in einen Ausbildungsfonds einzahlen. Das Prinzip: Alle zahlen ein, wer ausbildet, bekommt Geld zurück. Die Abgabe liegt bei 0,27 Prozent der Bruttolohnsumme, pro Azubi fließen bis zu 2250 Euro zurück. 2025 erhielten 1600 Unternehmen die ersten 5,1 Millionen Euro. Für Jasmin Wührmann, Jugendbildungsreferentin der DGB-Region Bremen-Elbe-Weser, ist das ein Meilenstein: „Nach jahrelangen Kämpfen von Gewerkschaften und der Arbeitnehmerkammer ist es endlich gelungen, mehr Gerechtigkeit herzustellen.“
Noch mehr freut sie ein zweiter Erfolg: Der Verwaltungsrat des Fonds hat eine pädagogische Begleitung auf den Weg gebracht. Künftig sollen „Transition Guides“ an allgemein- und berufsbildenden Schulen Jugendliche mit schwierigen Startbedingungen auf ihrem Weg in die Ausbildung begleiten. Sprachcoaches sollen Azubis am Arbeitsplatz sowie bei der Prüfungsvorbereitung unterstützen. „Viele Jugendliche haben richtig was drauf, aber es scheitert an der Sprache“, sagt Wührmann. Das Bremer Modell strahlt bereits aus: Auch Berlin hat sich auf den Weg gemacht.
Drei Tage war ich in der Azubi-Werkstatt, zwei Tage hatte ich Unterricht in Deutsch, Mathe und Technik – und immer jemanden, der mir zuhörte.“
Volkswagen: Chancen für alle
Dass es mehr Begleitung braucht, sehen auch Betriebsräte – nur ziehen sie daraus nicht den Schluss, dass Betriebe weniger ausbilden sollten. Um Jugendlichen mit Startschwierigkeiten eine Chance zu geben, hat der Betriebsrat bei Volkswagen eine Einstiegsqualifizierung durchgesetzt, ein von der Bundesagentur für Arbeit unterstütztes Langzeitpraktikum. 50 Plätze gibt es seit diesem Jahr. Burcu Sicilia, die im Bildungsausschuss die Arbeitnehmerseite vertritt, sagt: „Das Management hat nicht gleich gesagt: Gute Sache, das unterstützen wir! Das war eine Errungenschaft der Mitbestimmung.“
Die IGBCE hat bereits 2008 den „Tarifvertrag Zauber“ (Zukunft durch Ausbildung und Berufseinstieg) durchgesetzt. Kernstück ist das Programm „Start in den Beruf“, ergänzt um „StartPlus“ für kleine und mittelständische Betriebe und ein vorgeschaltetes „Pre-Start“-Angebot. In drei bis zwölf Monaten werden Jugendliche durch Praxis im Betrieb, theoretischen Unterricht und sozialpädagogische Begleitung an eine reguläre Berufsausbildung herangeführt. Finanziert werden die Maßnahmen über den Unterstützungsverein der chemischen Industrie, eine gemeinsame Einrichtung der Tarifpartner. IGBCE-Bundesjugendsekretär Alexander Nolte sieht vor allem im Kontakt zu den Betrieben für Jugendliche mit schlechteren Chancen große Vorteile: „Die Übernahmequote in ein Ausbildungsverhältnis ist hoch.“ Der Tarifvertrag sichert zudem 9200 Ausbildungsplätze in der Chemieindustrie und verpflichtet die Betriebe, diese auch zu besetzen.
Staatliche Unterstützung: wenig bekannt
Auch der Staat unterstützt mit verschiedenen Programmen, nur kennen viele Betriebe diese Möglichkeiten nicht. Von der Option einer „assistierten Ausbildung“ wussten laut IAB-Betriebspanel 2023 gerade einmal sieben Prozent der ausbildungsberechtigten Betriebe. Wie wichtig solche Programme sein können, zeigt das Beispiel von Enes Balcioglu. Mit 15 Jahren, einem mäßigen Hauptschulabschluss und kurz nach dem frühen Verlust seines Vaters standen ihm wenig Möglichkeiten offen. Beim Autozulieferer Mahle in Mühlacker setzte sich der Betriebsrat dafür ein, ihm eine Chance zu geben.
Kofinanziert durch ein baden-württembergisches Programm zur Abmilderung der Corona-Folgen, absolvierte der Jugendliche ein einjähriges Praktikum „mit Option auf Ausbildung“, entlohnt mit 400 Euro im Monat. „Drei Tage war ich in der Azubi-Werkstatt, zwei Tage hatte ich Unterricht in Deutsch, Mathe und Technik – und immer jemanden, der mir zuhörte“, erzählt er. Für ihn war es ein „super Jahr“: „Ich habe gelernt, was mir fehlte – und vor allem, mir selbst mehr zu vertrauen. “
Balcioglu arbeitet heute fest als Maschinen- und Anlagenführer bei Mahle. Seit Mai ist der 20-Jährige auch Betriebsrat. Jetzt setzt er sich mit seinen Kollegen dafür ein, dass mehr Jugendliche eine solche Chance bekommen, denn das Post-Covid-Programm ist ausgelaufen.
Mühsame Umsetzung
Dass dies kein Einzelfall ist, weiß Denis Davidovac, Bezirksjugendsekretär der IG Metall Baden-Württemberg. Die Förderprogramme seien kompliziert zu beantragen und erforderten intensive Begleitung im Betrieb. „Da kommt es durchaus vor, dass das Ende einer Maßnahme das Aus der Förderung benachteiligter Jugendlicher bedeutet“, erzählt er, „dabei gibt es alternative Maßnahmen.“ Das eigentliche Problem sieht er im Kostendruck der Unternehmen: „In den Personalabteilungen wie beim Ausbildungspersonal wird oft als Erstes gespart. Damit gehen dringend benötigte Expertise und Kapazitäten verloren.“
Dabei hatte die IG Metall Baden-Württemberg schon 2012 einen weiterhin gültigen „Tarifvertrag Förderjahr“ abgeschlossen. Doch die Umsetzung bleibt mühsam. „Vielerorts kam es nur durch Klinkenputzen ins Laufen“, erzählt der Bezirksjugendsekretär. „Bricht es weg, kann es oft nur mit Mühe wieder aufgebaut werden.“ Verschärft werde die Lage dadurch, dass zwischen 2019 und 2025 jeder vierte regulär angebotene Ausbildungsplatz in der baden-württembergischen Metallindustrie wegfiel.
Azubis brauchen nicht nur beim Lernen Unterstützung, stellt DGB-Bundesjugendsekretärin Nina Krüger fest. „Wer eine Ausbildung beginnt, braucht eine Vergütung, die zum Leben reicht, bezahlbaren Wohnraum und gute Mobilität“, sagte Krüger bei der Vorstellung des Ausbildungsreports der DGB-Jugend im August.
Bei der Mobilität gibt es im nordrhein-westfälischen Elektrohandwerk für Auszubildende Unterstützung. Seit Februar erhalten sie ein Deutschlandticket als Jobticket. Mehr als ein Drittel schießt das Land zu, die übrigen Kosten übernehmen die Ausbildungsbetriebe. Thomas Weilbier, Verhandlungsführer der IG Metall Nordrhein-Westfalen für das Elektrohandwerk, erklärt: „Jugendliche legen oft große Strecken zwischen Betrieb, Berufsschule und Wohnort zurück. Und sie können das Ticket auch in der Freizeit nutzen.“
Magdalena Polloczek ergänzt: „Junge Leute sind teils schon sehr mobil. Ist das Interesse am Ausbildungsberuf groß, werden weite Wege in Kauf genommen. Da ist finanzielle Entlastung ein wichtiger Punkt.“ Bemerkenswert: Die Einigung in NRW ging schnell – die Arbeitgeberseite hatte großes Interesse daran, die Mobilität der künftigen Fachkräfte zu erhöhen.
Vielleicht liegt da die Lösung: Man muss nicht Jugendliche passend machen. Man kann auch die Bedingungen passend machen, wie es Mahle getan hat. „Lohnen tut sich das auf jeden Fall“, sagt Enes Balcioglu. „Mich hat das zusätzliche Jahr gerettet.“
Vorteil Tarifvertrag
Tarifverträge bringen Auszubildenden spürbare Vorteile – das geht aus einer aktuellen Untersuchung des Wirtschafts- und Sozial- wissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung hervor. In den 20 untersuchten Tarifbranchen erhalten sie im ersten Ausbildungsjahr im Schnitt 1165 Euro monatlich. Das sind 441 Euro mehr als
die gesetzliche Mindestausbildungsvergütung von 724 Euro. Auch regeln Tarifverträge häufig Weihnachts- und Urlaubsgeld, Zuschüsse für Lernmittel, Fahrtkosten oder Wohnen sowie zusätzliche Freistellungstage vor Prüfungen.