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: 'Eine Quote ist unvermeidbar'

Ausgabe 04/2010

AUFSICHTSRATSPRAXIS Marion Weckes schult Aufsichtsräte in finanzwirtschaftlichen Belangen. Ihr Know-how setzt sie auch in der Praxis ein - als Mitglied im Kontrollgremium der Stadtwerke Düsseldorf. Von Ingmar Höhmann

Ingmar Höhmann ist Journalist in Köln/Foto: Karsten Schöne

Sie ist mit 34 Jahren nicht nur ungewöhnlich jung für eine Aufsichtsrätin. Im 20-köpfigen Kontrollgremium der Stadtwerke Düsseldorf ist sie auch die einzige Frau. Das Versorgungsunternehmen bildet damit keine Ausnahme: Der Frauenanteil liegt in mitbestimmten Aufsichtsräten bei 11,7 Prozent, in Unternehmen ohne Arbeitnehmervertreter erreicht die Quote sogar nur 2,6 Prozent.

Weckes hat diese Zahlen in einer Untersuchung für die Hans-Böckler-Stiftung selbst ermittelt - seitdem ist die Ökonomin in den Medien als Expertin für Frauen in Führungspositionen gefragt (siehe auch Seite 40). Als Weckes Jugendvertreterin beim Chemie- und Pharmariesen Bayer war, musste der Personalausschuss einmal zwischen zwei Kandidaten für eine Azubi-Stelle entscheiden - einer Frau und einem Mann. Beide hatten die gleichen Qualifikationen. Weckes schlug vor, eine Münze zu werfen. "Das kam gar nicht gut an", sagt sie. "Plötzlich hatte ich alle Frauen gegen mich." Heute sieht sie das Thema selbst eher pragmatisch: "Ich bin der Meinung, dass eine Geschlechterquote unvermeidbar ist. Bei Nachbesetzungen - sei es im Aufsichtsrat oder im Vorstand - wird sehr häufig gar nicht an eine Besetzung mit einer Frau gedacht. Hier kann eine Quote helfen. Aber: Qualifikation muss immer ein wichtiges Entscheidungskriterium sein." Als externes Mitglied sitzt sie heute für ver.di im Aufsichtsrat der Stadtwerke Düsseldorf.

Für die Arbeit ist sie gut qualifiziert. Immerhin schult die Volkswirtin selbst Aufsichtsräte. Ob Bilanzrechtsmodernisierungsgesetz, die internationalen Rechnungslegungsstandards IFRS oder Unternehmensstrategie - Weckes kennt sich aus. Längst nicht alle Aufsichtsräte verfügen schon direkt nach der Wahl über betriebswirtschaftliche Erfahrung. "Es gibt einige, die mit ihrem Know-how auch zurechtkommen", sagt Weckes. Viele holen diese Qualifikation später nach - zum Beispiel bei den Fachtagungen, die die Hans-Böckler-Stiftung anbietet.

Nicht alle Arbeitnehmervertreter müssten aber ausgemachte Experten in Sachen Finanzkennziffern sein, meint Weckes. "Ein Kontrollgremium muss viele Kompetenzen haben", sagt sie. Neben betriebswirtschaftlichen Kenntnissen brauche der Rat auch Spezialisten in juristischen Fragen, Branchen- oder Praxiskenntnisse: "Wenn wir nur Betriebswirte hätten, könnte ein Aufsichtsrat keine gute Arbeit machen." Wichtig sei aber ein professionelles Grundverständnis der Arbeit: "Aufsichtsräte müssen ihre Rechte und Pflichten kennen", fordert Weckes, "und dürfen sich nicht mit ungenügenden Informationen abspeisen lassen." Manche Firmenchefs gingen dreist vor: "Da gibt es welche, die werfen bei einer Aufsichtsratssitzung Produktbilder an die Wand und berichten nur verbal über die Finanz- und Ertragslage, statt die notwendigen Unterlagen auszuhändigen." Ein Betriebsrat habe ihr von einer besonders problematischen Vorgehensweise erzählt - die Unterlagen enthielten Farben statt Zahlen. "Wenn der Umsatz in einer Abteilung gewachsen war, wurde das Feld grün markiert - das bedeutete: Alles in Ordnung. Gelb signalisierte eine durchschnittliche Entwicklung. Lief es schlecht, war die Position rot ausgemalt. Genaue Zahlen wurden nie geliefert."

Weil Weckes sich als Aufsichtsrätin in der Verantwortung sieht, würde sie eine solche Berichterstattung nicht akzeptieren. Jedoch, sagt sie, gibt es darüber hinaus noch weiteren Verbesserungsbedarf. "Viele hetzen von Termin zu Termin. Wer aber während der ganzen Sitzung mit den Hufen scharrt, weil ihm die nächste Besprechung im Nacken sitzt, kann seiner Kontrollfunktion nicht nachkommen." Kritisch sieht sie auch die Häufung von Mandaten: "Wer in vier oder fünf Aufsichtsräten sitzt, kann das nicht gewissenhaft neben seinem Beruf erledigen." Sie fordert, die Anzahl der Mandate auf maximal zwei zu begrenzen. Ohnehin findet Weckes: Statt viermal im Jahr könnte sich ein Aufsichtsgremium auch alle zwei Monate treffen. Zusätzlich wäre eine Klausurtagung sinnvoll, um die Unternehmensstrategie besprechen zu können. "Wenn ein Aufsichtsrat in einer vier- bis sechsstündigen Sitzung alle Entscheidungen treffen muss, kann er nicht alle notwendigen Fragen stellen."

Weckes sieht in ihrem Mandat die Chance, Veränderungen anzuregen. "Die internen Vertreter besitzen mehr Wissen über die Strukturen im Unternehmen. Aber gerade weil diese mir nicht bekannt sind, stelle ich viele Fragen, die sich manchmal als richtig erweisen." Vielleicht fragt Weckes auch mehr, weil sie eine Frau ist. Männer wollen entscheiden, Frauen zunächst hinterfragen und abwägen, sagt sie. "Spieltheoretische Studien belegen, dass Männer eher bereit sind, Risiken einzugehen. Frauen sind risikoaverser - eine Geschlechtermischung kann so zur Steigerung der Qualität in einem Unternehmen führen."

Infografiken zum Download (pdf)

ZUR PERSON

Marion Weckes, 34, arbeitete bis 2000 als Chemikantin bei Bayer. Dort war sie auch Vorsitzende der Jugend- und Auszubildendenvertretung. Mit 25 entschied sie sich für ein VWL-Studium, Schwerpunkt Finanzwissenschaft. Seit 2007 leitet sie ein Wirtschaftsreferat in der Hans-Böckler-Stiftung und sitzt seit zwei Jahren im Aufsichtsrat der Stadtwerke Düsseldorf.

 

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