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Konjunktur: Unvollständige Erholung mit Risiken

Ausgabe 16/2020

Die deutsche Wirtschaft erholt sich langsam von der Coronakrise. Das ist zu einem guten Teil der aktiven Wirtschaftspolitik zu verdanken, insbesondere dem Einsatz des Kurzarbeitergelds.

Die Corona-Pandemie setzt der Konjunktur weltweit zu. Die deutsche Wirtschaft wird nicht vor Ende 2021 ihr Vorkrisen­niveau erreichen. Allerdings wird auch dann die Wirtschaftsleistung noch rund 3 Prozent niedriger liegen, als es ohne Coronakrise der Fall gewesen wäre. Immerhin verläuft die Erholung hierzulande etwas dynamischer als in anderen großen Euroländern und den USA – und etwas schneller als noch vor kurzem erwartet. Das ergibt die neue Konjunkturprognose des IMK. Gegenüber ihrer letzten Vorhersage von Juni setzen die Ökonomen ihre wirtschaftlichen Erwartungen herauf. Unter dem Strich wird das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) laut der neuen Prognose in diesem Jahr um 5,2 Prozent schrumpfen; im Juni war das IMK noch von -6,2 Prozent ausgegangen. Für 2021 rechnet es nun mit einem Wirtschaftswachstum von 4,9 Prozent, 1,1 Prozentpunkte mehr als im Juni erwartet.

Auch die Folgen für den Arbeitsmarkt fallen nach der neuen Prognose etwas weniger gravierend aus als im Sommer angenommen: Die Zahl der Arbeitslosen steigt im Jahresdurchschnitt 2020 um rund 450 000 Personen, 2021 dürfte sie wieder geringfügig sinken. Allerdings erfasst die Erholung längst nicht alle Wirtschaftsbereiche gleichermaßen: Die Ausrüstungsinvestitionen bleiben laut IMK national wie international auf absehbare Zeit die Schwachstelle der wirtschaftlichen Entwicklung. Allein in Deutschland werden die Investitionen auch Ende 2021 noch gut zehn Prozent niedriger liegen als zwei Jahre zuvor. Die geringe Nachfrage im In- und Ausland belastet die auf Investitions­güter spezialisierten Branchen der deutschen Industrie stark.

Dass die wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen des Corona-bedingten Einbruchs bislang beherrschbar geblieben sind, rechnen die Wissenschaftler „zu einem erheblichen Umfang der entschlossenen Krisenpolitik“ der Bundesregierung zu. Die Maßnahmen zur Stützung von Konjunktur, Unternehmen und Einkommen, insbesondere durch das Kurzarbeitergeld, haben sich nach der IMK-Analyse bewährt. Auch den Maßnahmen der Europäischen Zentralbank und der EU attestieren die Wissenschaftler eine positive Wirkung. Dabei heben sie besonders den europäischen Recovery Plan mit einem Volumen von 750 Milliarden und einer gemeinsamen Kreditaufnahme der EU-Länder hervor, „da er wichtige und neue fiskalische Elemente für eine Stabilisierung aller Euroländer und den anstehenden Transformationsprozess beinhaltet“.

Allerdings sieht das IMK erhebliche Risiken, die das wahrscheinlichste Szenario einer kontinuierlichen Erholung in Frage stellen können. Dazu zählen neben einer erneuten großflächigen Infektionswelle der Kurs der USA nach den Wahlen, ein ungeordneter Brexit sowie die Frage, ob die exportabhängigen Bereiche der deutschen Industrie und vor allem die Autoindustrie aus der Rezession herausfinden, die für sie zum Teil schon vor der Pandemie begonnen hatte.

Falls die weit verbreitete Unsicherheit zu einer hartnäckigen Investitionszurückhaltung führt, sollte die Bundesregierung „bereits zum jetzigen Zeitpunkt weitere Maßnahmen planen, mit denen sie gegebenenfalls zügig nachfragesteigernd wirken kann“. Dabei empfiehlt das IMK einen Schwerpunkt bei Investitionen, die ohnehin dringend notwendig seien: „Zur Begrenzung des Klimawandels sind immense private und öffentliche Investitionen erforderlich. Je schneller diese begonnen werden, desto stabiler wird die Erholung ausfallen und desto wahrscheinlicher ist es, dass die deutsche Industrie auch in Zukunft eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und Produktion innovativer Produkte spielt“, schreiben die Wissenschaftler. Zudem regen sie eine an Nachhaltigkeitszielen orientierte öffentliche Vergabe und Beschaffung sowie eine auf zukunftsfähige Berufe gerichtete Förderung von Aus- und Weiterbildung an. Finanzieller Spielraum ist nach der Prognose weiterhin vorhanden: Die Schuldenstandsquote des Staates wird 2020 unter 70 Prozent des BIP bleiben und schon 2021 wieder leicht sinken.

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