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Europa: Den Zusammenhalt stärken

Ausgabe 09/2021

Die Coronakrise hat bestehende Ungleichheiten in der EU verschärft. Um das Vertrauen der Menschen zurückzugewinnen, muss Europa sozialer werden.

Das Vertrauen der Europäer in ihre Regierungen und in die EU hat durch die Coronakrise stark gelitten. Die finanziellen Sorgen haben zugenommen. Besonders betroffen sind Menschen, denen es schon vorher nicht gut ging. Das ist das Ergebnis einer Studie von Eurofound, der Europäischen Stiftung zur Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen. Die Krise habe die bestehenden wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten verschärft, heißt es in der Analyse. 

Grundlage der Untersuchung waren Online-Befragungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Coronakrise, zuletzt im Februar und März 2021. Insgesamt haben sich fast 200 000 EU-Bürger beteiligt. Die Daten wurden so gewichtet, dass sie das demografische Profil in Bezug auf Alter, Geschlecht und Bildung jedes Mitgliedsstaats und der gesamten EU widerspiegeln.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Zufriedenheit mit staatlichen Hilfsmaßnahmen im Verlauf der Krise deutlich zurückgegangen ist. Europaweit sagten zuletzt nur noch 12 Prozent der Menschen, dass sie die Maßnahmen für „fair“ halten, verglichen mit 22 Prozent im Sommer 2020. In Deutschland fiel der Anteil von 24,5 Prozent auf rund 10 Prozent. Die höchsten Zustimmungswerte gab es in Irland, wo zuletzt knapp 40 Prozent die Unterstützung als fair bezeichneten, im Sommer des vergangenen Jahres waren es dort knapp 50 Prozent. 

Bei denjenigen, die sich bereits in einer prekären Situation befanden, hätten die Schwierigkeiten „erheblich zugenommen“, heißt es in der Analyse. Im Frühjahr 2021 gaben 26 Prozent der Menschen an, ihre finanzielle Situation habe sich in den vergangenen drei Monaten verschlechtert; in Deutschland waren es rund 23 Prozent. Die Sorge, in nächster Zeit ihren Job zu verlieren, äußerten europaweit circa 9 Prozent, in Deutschland 5 Prozent. 

Das psychische Wohlbefinden der Menschen hat über alle Altersgruppen hinweg den niedrigsten Stand seit Ausbruch der Pandemie vor über einem Jahr erreicht, insbesondere bei Jüngeren und bei denjenigen, die in der Krise ihren Arbeitsplatz verloren haben. Von den 18- bis 24-Jährigen gaben im Frühjahr 2021 knapp 22 Prozent an, dass sie sich häufig deprimiert fühlen, im Sommer 2020 lag der Anteil gut 9 Prozentpunkte niedriger. Besonders schlecht ging es den Griechen, am besten den Dänen. In Deutschland fielen die Werte ähnlich hoch aus wie im EU-Schnitt. 

Die europäische Bevölkerung zeige „Anzeichen extremer Müdigkeit“, schreiben die Eurofound-Experten. Infolgedessen habe das Vertrauen in nationale und europäische Institutionen erheblich abgenommen, was den sozialen Zusammenhalt aufs Spiel setze. Auf einer Skala von 1 bis 10 bewerteten die Europäer ihre Regierungen zuletzt im Schnitt mit 3,9, im Sommer 2020 noch mit 4,6. Das Vertrauen in die EU lag im Durchschnitt aller EU-Bürger bei 4,6, im Sommer 2020 hatte der Wert noch bei 5,1 gelegen.

Das größte Vertrauen in ihre Regierung hatten im Frühjahr 2021 die Dänen mit einem Wert von 7, das geringste die Polen mit 2,1. Die Deutschen bewerteten die Bundesregierung im Schnitt mit 4,3. Besonders drastisch fiel der Vertrauensverlust in Österreich aus: von 6,3 im Frühjahr 2020 über 5,4 im Sommer 2020 bis auf 3,6 im Frühjahr 2021. 

Die Europäische Kommission und die EU-Mitgliedstaaten hätten zwar wichtige Initiativen umgesetzt, um die Auswirkungen der Pandemie zu mildern, unter anderem den EU-Wiederaufbaufonds. Das reiche jedoch noch nicht aus, so die Autoren. Notwendig sei ein „ganzheitlicher Ansatz“ zur Unterstützung aller Gruppen, die von der Krise schwer getroffen wurden. Um Vertrauen zurückzugewinnen und den Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen, müsse Europa sozialer und grüner werden. Wenn es nicht gelinge, wirtschaftliche und soziale Ungleichheiten zu verringern, bestehe die Gefahr, dass „das ohnehin schwache Vertrauen der Europäer in ihre Institutionen noch mehr untergraben wird“.

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