Betriebsrats-Karrieren

Freigestellt – und was kommt danach?

Die gute Nachricht: Auch eine langjährige Freistellung bedeutet nicht das Ende der Karriere, sondern eröffnet Betriebsräten vielfach neue Möglichkeiten. Die schlechte: Die Umorientierung ihrer Spitzenleute ist in vielen Betriebsratsgremien immer noch ein Tabuthema. Von Erhard Tietel und Simone Hocke, Wissenschaftler am Zentrum für Arbeit und Politik der Universität Bremen 


 Die Betriebsratswahl steht vor der Tür, und damit stehen viele Kolleginnen und Kollegen auch vor einer ganz persönlichen Entscheidung. Vor allem dann, wenn es um die Frage geht: Will ich meinen bisherigen Beruf – ganz oder teilweise – aufgeben und in die Freistellung gehen? Was bedeutet das für meinen weiteren beruflichen Lebensweg? Will ich alle vier Jahre vor der bangen Frage stehen, ob ich wieder gewählt und im Gremium in der Freistellung bestätigt werde? Will ich mein Leben von unsicheren Mehrheiten und politischen Stimmungen abhängig machen? Und was ist, wenn ich nach ein, zwei oder mehr Amtszeiten meinerseits den Wunsch entwickle, mich noch einmal beruflich zu verändern? Wird sich die Freistellung dann als Karriere­hindernis erweisen? 

Auf diese Fragen haben wir in dem von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Forschungsprojekt „Karrierewege und Karrieremuster von ehemaligen Betriebsratsmitgliedern“ eine Antwort gesucht. Sie lautet, kurz gesagt: Der Schritt in die Freistellung ermöglicht nicht nur ein intensives betriebs- und gewerkschaftspolitisches Engagement. Er eröffnet zugleich vielfältige persönliche Erfahrungen und den Erwerb von Kompetenzen, die eine Grundlage für neue berufliche Orientierungen bilden können. Wir hatten in unseren Gesprächen mit ehemaligen Freigestellten aus Industrie- und Dienstleistungsunternehmen häufig den Eindruck, dass die „Lehr- und Herrenjahre“ im Betriebsrat den herkömmlichen betrieblichen Qualifizierungs- und Personalentwicklungsprogrammen in nichts nachstehen. Im Gegenteil: Im Umgang mit der Aufgabenvielfalt und den Herausforderungen heutiger Betriebsratsarbeit erweist sich die Zeit im Gremium, in Steuerungs- und Projektgruppen mit dem Arbeitgeber und nicht zuletzt in Ausschüssen der Gewerkschaft als beachtlicher Wissens- und Kompetenzerwerb – sozusagen „on the job“. Obendrein dient dies der Entwicklung der eigenen Persönlichkeit: „Nichts hat mich so stark persönlich vorangebracht wie die Zeit in der Mitbestimmung“, sagte eine Befragte. Denn zu den traditionellen arbeitsrechtlichen, sicherheitstechnischen und tariflichen Kenntnissen gesellen sich heute nicht selten ein profundes betriebs- und personalwirtschaftliches Wissen. Dazu gehören Kenntnisse über IT-, Qualitäts- und Gesundheitsfragen genauso wie über Arbeitsgestaltung und „gute Arbeit“. Zur traditionellen Rolle des Fürsprechers für Beschäftigte kommen moderne Funktionen wie Konfliktberater, Prozessbegleiter, Arbeitszeit-, Innovations- und Krisenexperte. 

Und nicht zuletzt eignet man sich an der Betriebsratsspitze eine gehörige Portion Führungserfahrung an. Vertieft werden diese Kompetenzen in gewerkschaftlichen Grundlagen- und Spezialseminaren, wo man sein Blickfeld über den Tellerrand des eigenen Unternehmens hinaus erweitert. Die exponierte Stellung als freigestellter Betriebsrat eröffnet zudem den Zugang zu Sphären, die einem als Arbeitnehmer normalerweise verschlossen bleiben. „Man ist plötzlich da, wo die Musik spielt“, sagte uns ein ehemaliger Betriebsratsvorsitzender. All dies erweitert den eigenen Wirkungsraum – und die Perspektive. 

Diese neuen (Lern-)Erfahrungen können, wie wir herausgefunden haben, die Lust auf mehr wecken: Viele der Befragten haben die Freistellung auch als Chance genutzt, in ihrer bisherigen Biografie verpasste oder verstellte Bildungschancen nachzuholen und sich gezielt für ihr betriebliches Engagement als auch für die Zeit danach zu qualifizieren. 

Aber was kommt nach der Freistellung? Auf welche Karriere­wege sind wir in unserem Forschungsprojekt gestoßen? Sicher, es gibt auch ehemalige freigestellte Betriebsräte, die – teilweise im Zuge von Konflikten oder Niederlagen – in ihren ursprünglichen Beruf zurückkehrten. Aber sie sind eher die Ausnahme. Die meisten der 50 Ex-Betriebsräte, darunter 21 Frauen und 29 Männer, die wir befragten, haben ihre im Betriebsrat erworbenen Kompetenzen nutzen können, um hieraus einen neuen Beruf zu machen; dies vor allem in drei Bereichen.

EINSTIEG IN DEN FACH- ODER PERSONALBEREICH

Naheliegend ist der Fachumstieg auf eine betriebliche Funktionsstelle im Personalwesen, etwa im Bereich der Aus- und Fortbildung und Arbeitssicherheit oder im Qualitäts- und Veränderungsmanagement, in der Sucht- oder Sozialberatung oder im Feld Diversity. Oft haben sich die betreffenden Kollegen schon in ihrer Betriebsratszeit intensiv mit diesen Themen beschäftigt, sich einschlägig qualifiziert und ihr Gremium in Arbeitsgruppen mit dem Arbeitgeber vertreten. Sie waren auf Arbeitgeberseite mit ihren kooperativen Fähigkeiten und ihrem Expertenwissen geschätzt, und sie können das, was sie im Betriebsrat begonnen haben, nun in einer betrieblichen Funktion fortsetzen: „Jetzt bin ich dafür formell zuständig und kann direkter gestalten“, sagte einer der Befragten. Meist haben die Ex-Betriebsräte jedoch die Herausforderung unterschätzt, dies in einer anderen Rolle und in hierarchischen Einbindungen zu tun. Dazu kommt der Druck, Lösungen zu finden, die allen Beteiligten gerecht werden, wobei sie ihre Gestaltungsvorschläge stärker als zuvor an betriebswirtschaftlichen Kriterien auszurichten haben. 

Ein zweiter Karriereweg, auf den wir häufig gestoßen sind, ist der Wechsel in eine Führungsposition im Unternehmen – überwiegend im Personalbereich. Die Betriebsräte hätten zu Beginn ihrer beruflichen Laufbahn nicht im Traum daran gedacht, einmal zur Führungsebene ihres Unternehmens zu gehören. Sie sind durchweg „soziale Aufsteiger“ und haben ihren Karrieresprung wesentlich ihrem Engagement und ihrer persönlichen Entwicklung im Mitbestimmungskontext zu verdanken. Vor allem der Umstieg in die Personalleitung scheint eine naheliegende Karriereoption zu sein. Einige der Befragten berichten, dass sie – völlig unabhängig von ihrem Grundberuf – im Betriebsrat „zum Personaler“ bzw. „zur Personalerin“ geworden seien. Hinzu kommt, dass sie an der Betriebsratsspitze und in ehrenamtlichen gewerkschaftlichen Funktionen Führungserfahrungen machten, die ihnen in der neuen Tätigkeit zugute kommen. Wie für die Fachumsteiger gilt auch für sie: Sie kennen ihren „Laden“, und sie gehen „in eine ganz andere Welt“, in das „Haifischbecken der Leitenden“, wie es eine Ehemalige beschreibt, das nicht nur neue fachliche, sondern vor allem auch neue kulturelle und emotionale Dynamiken bereithält. 

Trotz ihrer breiten Erfahrungen beschäftigt die ehemals Freigestellen anfangs die Sorge, ob sie den Herausforderungen an eine Führungskraft gewachsen sind. Zugleich beklagen sie, wie zaghaft und angepasst sie manche Führungskraft erleben und schildern, dass sie aufgrund ihrer Konflikterfahrung eher in der Lage sind, auch heikle Themen anzupacken, die ihre Vorgänger lieber vermieden haben. Als schwierig kann sich erweisen, dass man noch eine Zeit lang für die Führungskräfte „Betriebsrat“ und für die Betriebsratsseite ein „Seitenwechsler“ ist. Zudem ist man als Freigestellter manchem seiner neuen Kollegen im Leitungskreis einst auf die Füße getreten und muss erst einmal beweisen, dass man wirklich „auf ihrer Seite“ angekommen ist. Ist der Wechsel dann jedoch gelungen, können die ehemaligen Freigestellten eine vermittelnde Brückenfunktion zwischen den verschiedenen betrieblichen Kulturen übernehmen.

Ein dritter Karriereweg ist der Schritt in die selbstständige Bildungs- und Beratungsarbeit. Die befragten Berater haben meist schon während ihrer Freistellung beratungsrelevante Weiterbildungen wie Konfliktmanagement besucht und bauen mit dem Schritt in die Selbstständigkeit ihr beraterisches Spielbein zum beruflichen Standbein aus. Sie bringen hinreichend Praxiserfahrung für die neue Tätigkeit mit und können von daher gut Unterstützung geben. Zugleich sind sie, wie es einige formulieren, nicht mehr selbst den enormen Belastungen des Betriebsratsamtes ausgesetzt: „Ich kann wieder ganz nah bei der Betriebsratsarbeit sein, die ich ja auch sehr geliebt habe, aber ohne dass sie mich emotional so angreifen kann.“ 

Doch auch sie müssen sich in eine neue Rolle einfinden. So sehr ihre betriebsrätlichen Erfahrungen ihr berufliches Pfund sind, bedarf es einer gewissen Distanzierung und einer guten Verarbeitung der eigenen Geschichte, um in der Beratungsarbeit nicht die eigenen Kämpfe weiterzuführen. Schließlich verändert sich auch ihr Verhältnis zur Gewerkschaft: Die kollegialen Beziehungen werden zum Marktzugang und die gewerkschaftlichen Gremien zum Forum für die Akquirierung von Aufträgen. 

Daneben gibt es noch weitere Karrierewege wie die Berufung zum Arbeitsdirektor, den Wechsel in die gewerkschaftliche Hauptamtlichkeit und schließlich die eingangs bereits erwähnte Rückkehr in den ursprünglichen Beruf oder auf einen vergleichbaren Arbeitsplatz. Darüber wird in unserem Projektbericht zu lesen sein.

Abschied verarbeiten_ Die Freistellung bedeutet also nicht das Ende der beruflichen Karriere, sie eröffnet auch neue Möglichkeiten. Für die Wechsler selbst hat es sich als sinnvoll herausgestellt, sich für den Übergang und die erste Zeit in der neuen Rolle eine Unterstützung durch Coaching zu organisieren. Coaching kann die persönliche Bilanzierung begleiten, das eigene Profil schärfen und verschiedene Optionen ausloten und dabei helfen, in der neuen Funktion anzukommen – und den Abschied aus der Betriebsratsrolle zu verarbeiten.

Dieser Abschied ist oft konflikthaft. Denn nach wie vor wird die berufliche Entwicklung ihrer Spitzenleute von den Betriebsratsgremien als ein Tabuthema behandelt. So äußert ein Ehemaliger: „Wer sagt, dass er aussteigen will, ist politisch erledigt.“ Dies hat unter dem Aspekt des Wissenstransfers fatale Folgen, denn es verhindert die gezielte Vorbereitung auf das Ausscheiden erfahrener Kolleginnen und Kollegen und eine frühzeitige Einarbeitung der Nachfolger. Ein offenerer Umgang mit diesen Fragen – auch innerhalb der Gewerkschaften – wäre unseres Erachtens ein Zugewinn für die professionelle Betriebsratsarbeit.


Die Betriebsratskarriere-Studie

Das Forschungsprojekt „Karrieremuster und Karrierewege von (ehemaligen) Betriebsratsmitgliedern im Spannungsfeld von beruflicher Entwicklung, betriebsrätlichem Engagement und persönlicher Biografie“ wurde von Erhard Tietel und Simone Hocke am Zentrum für Arbeit und Politik der Universität Bremen durchgeführt, in einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie. Neben 15 Interviews mit Experten und Expertinnen aus Gewerkschaften und dem Bildungs- und Beratungsbereich wurden 50 Interviews mit meist langjährig freigestellten Betriebsratsmitgliedern geführt, darunter 30 ehemalige BR-Vorsitzende, die heute in anderen Funktionen tätig sind. Das Ausstiegsalter lag bei einem Drittel der Befragten zwischen 35 und 45 Jahren, zwei Drittel schieden zwischen dem 45. und dem 55. Lebensjahr aus der Freistellung aus.


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