Böckler Impuls Ausgabe 17/2017

Verteilung

Billionen im Schatten

In Steueroasen lagert Vermögen in Billionenhöhe. Das verschleiert das wahre Ausmaß der Ungleichheit.

Billionen im Schatten

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Die Schweiz zieht traditionell nicht nur Touristen an, sondern auch Geld aus aller Welt. Auch Luxemburg oder Hong Kong haben sich als Gastgeber für die Ersparnisse betuchter Ausländer profiliert. Die norwegische Ökonomin Annette Alstadsæter hat gemeinsam mit Niels Johannesen von der Universität Kopenhagen und Gabriel Zucman von der Universität Berkeley untersucht, wie viel Vermögen in sogenannten Steueroasen gehortet wird und woher es stammt. Ihrer Analyse zufolge pflegen die Superreichen in manchen Ländern einen Großteil ihres Kapitals ins Ausland zu verschieben. Wenn man diese Summen berücksichtigt, fällt die Ungleichheit noch drastischer aus als bisher angenommen.

Für ihre Studie haben die Forscher Daten ausgewertet, die seit kurzem zugänglich sind. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich hat 2016 erstmals bilaterale Informationen zu den Bankguthaben in diversen Offshore-Zentren veröffentlicht. Detaillierte Statistiken zum ausländischen Finanzvermögen in der Schweiz, die unter anderem auch Aktienportfolios oder Investmentfonds abdecken, sind über die dortige Zentralbank verfügbar. Darüber hinaus erlauben Anomalien in volkswirtschaftlichen Investitionsstatistiken Rückschlüsse auf Offshore-Vermögen.

Den Schätzungen zufolge dürfte das in Steueroasen verwaltete Vermögen dem Gegenwert von einem Zehntel des globalen Bruttoinlandsprodukts entsprechen. Im Jahr 2007, auf das sich die Analyse bezieht, waren das 5,6 Billionen US-Dollar. Bei den Herkunftsstaaten gibt es enorme Unterschiede: Der Anteil an der Wirtschaftsleistung schwankt von 1,2 Prozent in Korea bis hin zu 73 Prozent in den Vereinigten Arabischen Emiraten. In Deutschland sind es etwa 16 Prozent. Das waren 2007 knapp 552 Milliarden Dollar.

Diese Differenzen seien nicht einfach zu erklären, schreiben die Wissenschaftler. Unter den Ländern mit vergleichsweise viel Offshore-Reichtum seien sowohl Autokratien wie Saudi-Arabien oder Russland als auch traditionsreiche Demokratien wie Frankreich oder Großbritannien. Unter den kaum betroffenen Staaten befänden sich Korea und Japan, die sehr niedrige Steuersätze erheben, und Hochsteuerländer wie Dänemark oder Norwegen. Zu den relevanten Faktoren scheinen neben der geografischen Nähe, etwa Deutschlands zur Schweiz, unter anderem das Vorkommen von Bodenschätzen und politische oder wirtschaftliche Instabilität in der Nachkriegszeit zu gehören.

Um die Plausibilität ihrer Schätzungen zu demonstrieren, haben die Ökonomen ihre Ergebnisse mit Auswertungen der sogenannten Panama-Papers verglichen. Demnach gibt es eine starke Korrelation zwischen dem geschätzten Anteil des Offshore-Vermögens am Bruttoinlandsprodukt und der Anzahl der Eigentümer von Briefkastenfirmen in den untersuchten Ländern.

Was die Ergebnisse für die Messung von Ungleichheit bedeuten, haben die Autoren für zehn Länder untersucht. Dabei gehen sie davon aus, dass Offshore-­Vermögen in der Regel nicht versteuert wird und damit nicht in den Steuerstatistiken auftaucht, auf denen Schätzungen der Vermögensungleichheit üblicherweise beruhen. Zusätzlich berufen sie sich auf Auswertungen von Schweizer Bankdaten, die über ein Datenleck publik geworden sind, und Informationen zu skandinavischen Steuerzahlern, die im Rahmen einer Amnestie illegale Reichtümer gemeldet hatten. Diesen Quellen zufolge sind die in Steueroasen geparkten Ersparnisse hoch konzentriert: 80 Prozent dürften dem reichsten Tausendstel der Haushalte gehören, 50 Prozent allein dem reichsten Zehntausendstel.

Wenn man die vorhandenen Ungleichheitsstatistiken um die Summen korrigiert, die die Superreichen dem Fiskus schätzungsweise vorenthalten, ergeben sich zum Teil erhebliche Änderungen. In Spanien steigt der Anteil des Top-Zehntausendstels am Gesamtvermögen von 2,5 auf 3,5 Prozent, in Großbritannien von weniger als drei auf 4,4 Prozent. Der Anteil von Russlands Krösussen, die einen Großteil ihres Reichtums in Steueroasen anlegen, steigt von fünf auf 12,5 Prozent.

 

Quelle

Annette Alstadsæter, Niels Johannesen, Gabriel Zucman: Who Owns the Wealth in Tax Havens? Macro Evidence and Implications for Global Inequality, NBER Working Paper No. 23805, September 2017