Böckler Impuls Ausgabe 11/2017

Stromwirtschaft

Die Öffentlichen halten mit

Sind private Unternehmen produktiver als staatliche? Eine Untersuchung am Beispiel der deutschen Stromwirtschaft nach der Liberalisierung zeigt: Das ist nicht der Fall.

Die Öffentlichen halten mit

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Bücher und Aufsätze von Ökonomen, die beweisen sollen, dass Private stets effizienter wirtschaften als der Staat, füllen Bibliotheken. Manager öffentlicher Unternehmen neigten dazu, persönliche Interessen zu verfolgen und sich um die Rendite nicht zu scheren, heißt es etwa. Die Disziplinierungsmechanismen in Staatsunternehmen seien stets zu lasch. Oder alle möglichen Interessengruppen würden ihre Spezialinteressen durchsetzen, die Gewerkschaften beispielsweise für mehr Planstellen als nötig sorgen. Was ist dran an diesen Theorien? Das haben Caroline Stiel, Astrid Cullmann und Maria Nieswand vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) am Beispiel einer Branche untersucht, in der private und öffentliche Firmen konkurrieren: der 1998 liberalisierten Stromwirtschaft. Dabei geht es nicht um die Stromerzeugung durch Kraftwerke oder Windparks, sondern um die Versorgungsdienstleistung.

Früher hatten Verbraucher keine Alternative zum lokalen Monopolisten, heute können sie zwischen über 50 teils privaten, teils im Besitz der öffentlichen Hand befindlichen Anbietern wählen. Weil das Produkt immer dasselbe ist, lassen sich die Unternehmen gut vergleichen. In Ihre Analyse haben die Wissenschaftlerinnen 76 Anbieter einbezogen. Der Untersuchungszeitraum reicht von 2003 bis 2012. Verglichen wird der Einsatz von Arbeit sowie eingekauften Dienstleistungen, zum Beispiel für outgesourcte Tätigkeiten, im Verhältnis zur verkauften Strommenge. Unterschiede bei der Produktivität, die sich aus der Zusammensetzung der Abnehmer ergeben – Privathaushalte, große gewerbliche Kunden oder Weiterverkauf an andere Stromanbieter –, werden herausgerechnet.

Das Ergebnis: Zwischen 2003 und 2008 stieg die Produktivität bei allen Anbietern an – interessanterweise bevor der Wettbewerb um Haushaltskunden recht in die Gänge kam, was erst ab 2007 der Fall war. Seit 2008 stagniert das Produktivitätswachstum in der Branche mehr oder weniger. Und: „Wir haben keine Hinweise darauf, dass die Eigentumsfrage die Produktivität beeinflusst“, so die DIW-Forscherinnen. Sie fanden keinen Unterschied zwischen privaten Anbietern und solchen, die mehrheitlich oder ganz in öffentlicher Hand sind. Die „angebliche Dichotomie zwischen privaten und öffentlichen Firmen“ ist offenbar eine Schimäre.
Vertreter der reinen Marktlehre, die sich gegen den seit einigen Jahren zu beobachtenden Trend zur Rekommunalisierung von Versorgungsunternehmen stemmen, sind damit widerlegt. Zumindest, was die Stromwirtschaft betrifft.

Quelle

Caroline Stiel, Astrid Cullmann, Maria Nieswand: Do Private Utilities Outperform Local Government-Owned Utilities? Evidence from German Retail Electricity, German Economic Review, April 2017 (online).