Böckler Impuls Ausgabe 18/2016

Leistungsbilanz

Ungesunder Überschuss

Deutschland häuft riesige Exportüberschüsse an. Das schadet nicht nur den Nachbarn, sondern gefährdet auch die Stabilität der eigenen Wirtschaft.

In diesem Jahr wird die deutsche Wirtschaft einen neuen Rekord aufstellen: Sie wird für fast 290 Milliarden Euro mehr Güter und Dienste exportieren als importieren. Der Leistungsbilanz­überschuss wird mehr als neun Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen – so viel wie noch nie. „Ein Anlass zum Feiern ist das nicht“, sagt Gustav Horn, Direktor des IMK. „Daran zeigt sich, in welche gefährliche Schieflage wir geraten sind.“

Die Exportstärke Deutschlands beruht auf einer Vielzahl von Gründen – einer davon ist die hohe Qualität deutscher Produkte, die auf dem Weltmarkt sehr geschätzt wird. Dies ist soweit gut für Deutschland. Entscheidend ist allerdings nach Ansicht des IMK-Ökonomen ein anderer Punkt: die hohe preisliche Wettbewerbsfähigkeit. Deutsche Unternehmen produzieren vergleichsweise kostengünstig. Über mehrere Jahre sind die Löhne in Deutschland kaum gestiegen. Der Verteilungsspielraum für Lohnsteigerungen, der sich aus der mittelfristigen Zunahme der Produktivität und der Zielinflationsrate ergibt, wurde in der Vergangenheit „lange nicht ausgeschöpft“, so Horn. Dadurch haben deutsche Firmen einen Kostenvorteil gegenüber Konkurrenten aus anderen Ländern erlangt, in denen die Löhne stärker gestiegen sind.

Gleichzeitig hat Deutschland relativ wenige Güter aus dem Ausland eingeführt. Der private Konsum blieb ebenfalls lange Zeit verhalten, was angesichts niedriger Lohnzuwächse nicht verwundert. All dies führt dazu, dass Deutschland riesige Leistungsbilanzüberschüsse anhäuft. Nicht einmal China, dem in der Vergangenheit häufig vorgeworfen wurde, sich durch Preisdumping Vorteile im Welthandel zu verschaffen, verzeichnet so hohe Überschüsse. In den vergangenen Jahren sind Löhne und private Nachfrage zwar stärker gestiegen. Der Trend zu größeren Überschüssen hat sich dadurch aber noch nicht umgekehrt.

Wo liegt das Problem hoher Überschüsse?

„Durch das extreme Missverhältnis zwischen Aus- und Einfuhren entstehen makroökonomische Ungleichgewichte“, erklärt Horn. Überschüsse im Land A führen zu Defiziten im Land B. Um die Defizite zu finanzieren, bedarf es einer Kreditvergabe von A nach B. Zeitweise funktioniert das. Bald stellt sich jedoch die Frage: Wie lange kann sich B die Rückzahlung leisten? Zweifel an der Bonität von B kommen auf. Die Zinssätze steigen. Die Belastung für B nimmt zu. Kreditausfälle sind die Folge. Am Ende muss A nicht nur das verliehene Geld abschreiben, sondern verliert auch seinen Absatzmarkt. Innerhalb einer Währungsunion ist das Problem besonders groß, weil sich die  Ungleichgewichte  nicht durch Auf- oder Abwertung einzelner Währungen korrigieren lassen – dies hat sich in der Eurokrise drastisch gezeigt. Dabei sehen die Stabilitätsvorgaben im Euroraum mittlerweile nicht nur die Eingrenzung von Defiziten, sondern auch von Überschüssen vor. Deutschland verstößt bereits im sechsten Jahr in Folge gegen diese Regeln.

Was hilft gegen Ungleichgewichte?

Zwei Maßnahmen wirken laut IMK: Erstens sollten die Löhne grundsätzlich im Rahmen des Verteilungsspielraums steigen. Dies führt zu höheren Konsumausgaben, vermehrten Importen und somit tendenziell zu einem Ausgleich der Leistungsbilanz. In der aktuellen Situation reicht das aber noch nicht aus: „Der Verteilungsspielraum sollte temporär überschritten werden, um den Anpassungsprozess zu beschleunigen“, fordert Horn.

Zweitens: Die Ausgaben für Investitionen müssen steigen. Unternehmen haben während des Aufschwungs bislang wenig in die Erneuerung ihrer Anlagen im Inland investiert – das könnte sich in Zukunft rächen. Auch der Staat hat Investitionen vernachlässigt, etwa in die Infrastruktur oder Bildung. Wenn sowohl Firmen als auch die öffentliche Hand mehr Geld ausgeben, stärkt dies die Binnenwirtschaft und hilft, die einseitige Ausrichtung auf die Exportwirtschaft auszugleichen. „Ein binnenwirtschaftlich getragener Aufschwung ist weniger anfällig für außenwirtschaftliche Schocks und schlägt sich zudem stärker in Steuereinnahmen nieder, die dann für wirtschaftlich und gesellschaftlich wichtige Aufgaben zur Verfügung stehen“, erklärt Horn. Der finanzielle Spielraum für staatliche Investitionen ist vorhanden: Für 2016 rechnet das IMK mit einem gesamtstaatlichen Budgetüberschuss von gut 19 Milliarden Euro und für 2017 von knapp 22 Milliarden Euro.

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Quellen

Gustav A. Horn u.a.: Aufschwung mit Schwächen. Prognose der wirtschaftlichen Entwicklung 2016/2017, IMK-Report 118, September 2016


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