Böckler Impuls Ausgabe 20/2015

Löhne

Schwache Verhandlungsposition im Osten

Beschäftigte in Ostdeutschland tun sich schwer, ähnlich hohe Löhne durchzusetzen wie in Westdeutschland. Eine höhere Tarifbindung könnte für eine Angleichung der Gehälter sorgen.

Die Lohnunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland sind nach wie vor groß: In den neuen Bundesländern fallen die Bruttoverdienste fast 20 Prozent niedriger aus. Wie ist eine solche Differenz – 25 Jahre nach der Wiedervereinigung – zu erklären? Als Begründung werden oft Unterschiede in der Produktivität oder Qualifikation herangezogen. Doch es gibt einen weiteren, wenig beachteten Faktor: Die Arbeitnehmer im Osten sind vor allem bei Neueinstellungen bereit, „einen relativ niedrigen Lohn zu akzeptieren“, schreiben Christoph S. Weber und Philipp Dees von der Universität Erlangen. Das bedeute nicht, dass sich Ostdeutsche keine höheren Löhne wünschen, sondern eher, dass sie wenig Chancen sehen, diese durchzusetzen. Arbeitgeber könnten sich dies zunutze machen und niedrigere Löhne zahlen.

Die Wissenschaftler haben die sogenannten Anspruchslöhne in Ost und West untersucht. Der Anspruchslohn entspricht dem Einkommen, das ein Arbeitsuchender mindestens erwartet. In der Theorie ist dieser Betrag davon abhängig, wie der Suchende seinen „Marktwert“ einschätzt. Die Auswertung von Daten aus dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) zeigt: Nicht nur die tatsächlich gezahlten Löhne, sondern auch die Erwartungen sind in Ostdeutschland deutlich geringer. Im Schnitt lagen die Lohnerwartungen aller nicht beschäftigten Personen, die eine Vollzeitstelle suchten, 2011 im Westen bei 1.618 Euro netto, im Osten bei 1.303 Euro.

Je geringer die Erwartungen, desto niedriger das Gehalt

Selbst wenn man Faktoren wie Bildung, Alter, die Lage am Arbeitsmarkt oder das unterschiedliche Preisniveau berücksichtigt, bleiben nach Berechnungen der Forscher Differenzen zwischen den Lohnerwartungen bestehen. „Offenkundig gibt es nicht beobachtete Aspekte, die dafür sorgen, dass Ostdeutsche bereit sind, zu niedrigeren Löhnen als Westdeutsche zu arbeiten“, schreiben Weber und Dees. Dies gelte zumindest dann, wenn die Jobsuche auf Ostdeutschland beschränkt bleibt. Bei Ostdeutschen, die sich auf eine Stelle im Westen bewerben, sei zu erwarten, dass sie sich an der Situation des westdeutschen Arbeitsmarktes orientieren.

Eine wichtige Rolle spielt die Wechselwirkung zwischen Erwartungen und tatsächlichen Löhnen: „Das bestehende niedrigere Lohnniveau drückt wahrscheinlich die Anspruchslöhne. Diese niedrigeren Anspruchslöhne wiederum sorgen dafür, dass auch die tatsächlich gezahlten Löhne niedriger bleiben“, so die Forscher. Je geringer also die Erwartungen sind, mit denen ein Arbeitsuchender in eine Gehaltsverhandlung geht, desto geringer fällt der künftige Verdienst aus. Und je geringer das Lohnniveau ist, desto geringer sind die Erwartungen bei anderen potenziellen Arbeitnehmern.

Dass dieser Effekt im Osten noch stärker zum Tragen kommt als im Westen, liegt an der geringeren Tarifbindung: „In Abwesenheit von Tarifverträgen werden Löhne grundsätzlich freier verhandelt“, schreiben die Wissenschaftler. Dadurch hätten die Unternehmen erheblich mehr Gestaltungsspielraum. Anders ausgedrückt: Die Arbeitgeber haben es leichter, niedrige Erwartungen der Bewerber auszunutzen und die Löhne zu drücken.

Die Analyse von Weber und Dees untermauert, wie wichtig die Tarifbindung für die Angleichung der Löhne zwischen Ost und West ist. Wer nach Tarif bezahlt wird, verdient bereits heute im Osten kaum weniger als im Westen. In Ostdeutschland arbeiten über alle Branchen hinweg allerdings nur 47 Prozent der Beschäftigten in tarifgebundenen Betrieben, während es in Westdeutschland 60 Prozent sind. Die Zahl der Beschäftigten, deren Vergütung sich am Branchentarifvertrag orientiert, ist ebenfalls niedriger als in Westdeutschland.

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Quellen

Christoph S. Weber, Philipp Dees: Anspruchslöhne: immer noch Unterschiede zwischen Ost und West, WSI-Mitteilungen 8/2015


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