Böckler Impuls Ausgabe 08/2015

Chancengleichheit

Warum Skandinavien sozialer ist

Die skandinavischen Gesellschaften liegen bei der Chancengleichheit weit vorn. Eine aktuelle Analyse zeigt: Das ist das Ergebnis politischer Anstrengungen, vor allem in den Bereichen Bildung und Geschlechtergleichstellung.

Mit den „Three Worlds of Welfare Capitalism“ hat der Politikwissenschaftler Gøsta Esping-Andersen, der an der Universität Pompeu Fabra in Barcelona lehrt, Anfang der 1990er-Jahre einen viel zitierten Beitrag zur Sozialstaatsforschung geleistet. Der Angelpunkt dieses Beitrags ist die Unterscheidung zwischen dem liberal-angelsächsischen, dem konservativ-kontinentaleuropäischen und dem sozialdemokratisch-skandinavischen Regime. Um seine Thesen vom Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Regimetyp weiter zu untermauern, hat Esping-Andersen nun neue Auswertungen vorgelegt. Seine Analyse zeigt, dass der egalitäre Charakter der nordischen Länder auf politische Reformen zurückzuführen ist.

Dass der Norden Europas bei der sozialen Gerechtigkeit relativ gut dasteht, sei ziemlich unstrittig, so der Forscher. Nach seinen Berechnungen ist die soziale Mobilität in den USA, Großbritannien oder Frankreich deutlich geringer. Der Zusammenhang zwischen dem eigenen und dem früheren Einkommen der Eltern ist in diesen Ländern dreimal so groß wie in Dänemark. Fraglich erscheine dabei, was die Ursache für die Besonderheiten des skandinavischen Modells ist: Sind nordeuropäische Gesellschaften traditionell stärker egalitär orientiert und leisten sich daher einen großzügigeren Sozialstaat? Oder hat der Sozialstaat die nordeuropäischen Gesellschaften egalitärer gemacht?

Esping-Andersen hält Letzteres für zutreffend und verweist auf die historische Entwicklung. Die nordischen Länder hätten ihre Ausnahmestellung erst nach den wohlfahrtsstaatlichen Reformen der 1960er-Jahre erlangt. Dass Söhne von ungelernten Vätern einen höheren Schulabschluss machen, war Daten der OECD zufolge bei in den 1940er-Jahren geborenen Dänen und Norwegern nur geringfügig wahrscheinlicher als anderswo. In Schweden war der Effekt der sozialen Herkunft ähnlich stark ausgeprägt wie in Deutschland und stärker als in Großbritannien oder den USA. Erst bei den 1955 bis 1964 geborenen Skandinaviern und besonders bei den Jahrgängen ab 1970 sei eine Egalisierung festzustellen. In Deutschland, den USA oder Großbritannien habe es dagegen keinen vergleichbaren Trend gegeben. Mittlerweile hätten Schweden aus bildungsfernen Familien eine dreimal, Dänen eine viermal so große Chance auf höhere Bildung wie Deutsche oder Amerikaner. Die Wahrscheinlichkeit, als Sohn eines Ungelernten später im unteren Fünftel der Einkommenspyramide zu landen, war laut der Gemeinschaftsstatistik über Einkommen und Lebensbedingungen für die Jahrgänge 1945 bis 1957 in allen Ländern ähnlich. Für 1968 bis 1977 geborene Skandinavier sei ein signifikanter Rückgang festzustellen, während es in Frankreich, Italien oder Spanien keine messbare Änderung gegeben habe.

All das spreche dafür, dass tatsächlich die Politik der skandinavischen Sozialdemokratie der entscheidende Grund für die größere Chancengleichheit im Norden ist, so der Autor. Wichtig sind nach seiner Einschätzung zum einen die Bildungsreformen gewesen. Um Klassenschranken zu überwinden, seien ab den 1960er-Jahren Gemeinschaftsschulen eingeführt und finanzielle Hindernisse im Bildungssystem beseitigt worden. Zum anderen habe die Emanzipation der Frau eine Schlüsselrolle gespielt. Zur Förderung der Frauenerwerbstätigkeit sei das Kita-Angebot massiv ausgebaut worden, was angesichts der entscheidenden Bedeutung der Vorschuljahre für die kindliche Entwicklung erheblich zum Abbau von Klassenunterschieden beigetragen habe. Zugleich seien bessere Jobchancen für Mütter ein effektives Mittel gegen Kinderarmut gewesen.

Der egalitäre Effekt dieser Politik beruht laut Esping-Andersen im Wesentlichen auf der Verbesserung der Situation in den unteren Schichten. An den ererbten Privilegien der Oberschicht habe sich dagegen wenig geändert: Die Wahrscheinlichkeit, dass Söhne aus dem reichsten Fünftel der Bevölkerung auch als Erwachsene zu den Spitzenverdienern gehören, sei in Skandinavien ähnlich hoch wie in den USA. In Dänemark sei die Abwärtsmobilität über die Zeit sogar kleiner geworden. Die Vermögenden fänden offenbar überall Mittel und Wege, egalitäre Bestrebungen zu konterkarieren – etwa durch Privatschulen oder Steuerflucht. Zudem investierten Hochqualifizierte von Anfang an extrem viel in ihren Nachwuchs und verschafften ihm so einen Vorsprung, der selbst durch hochwertige öffentliche Einrichtungen kaum aufzuholen sei.

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Quellen

Gøsta Esping-Andersen: Welfare regimes and social stratification, in: Journal of European Social Policy 1/2015
Mehr Informationen unter boecklerimpuls.de


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