Böckler Impuls Ausgabe 06/2014

Arbeitsmarkt

Hartz IV entwertet Qualifikation

Wenn Arbeitslose den Beruf wechseln, um einen Job zu ergattern, müssen sie mit deutlichen Statuseinbußen rechnen. Insbesondere für Hartz-IV-Empfänger ist das ein Problem.

Wenn Arbeitslose den Beruf wechseln, um einen Job zu ergattern, müssen sie mit deutlichen Statuseinbußen rechnen. Insbesondere für Hartz-IV-Empfänger ist das ein Problem.

Für einen Berufswechsel können unterschiedliche Motive ausschlaggebend sein: Manche Menschen brauchen Abwechslung, andere wollen mehr Geld verdienen – und vielen bleibt keine andere Wahl, weil sie im erlernten Beruf keine Arbeit finden. Arne Bethmann vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat untersucht, welche Folgen solche erzwungenen Berufswechsel haben. Das Ergebnis: Sie wirken sich negativ auf den sozioökonomischen Status aus. Bei hochqualifizierten Langzeitarbeitslosen ist der Effekt besonders ausgeprägt.

Dass Berufswechsel gerade in Deutschland mitunter problematisch sein dürften, lasse das stark standardisierte Ausbildungssystem vermuten, argumentiert der Sozialwissenschaftler. Jedem Berufsabschluss entspreche eine spezifische Kombination von Fähigkeiten, die genau definiert ist. Der Vorteil: Bewerber und Arbeitgeber könnten sehr gezielt nach einem passenden Job beziehungsweise geeigneten Beschäftigten suchen. Der Nachteil: Bei Berufswechseln drohe die erworbene Qualifikation an Wert zu verlieren, weil sie nur begrenzt auf andere Tätigkeiten übertragbar ist. Die Barrieren zwischen verschiedenen Berufsfeldern seien hoch und die Chancen eher gering, ohne passenden Abschluss einen angemessenen Arbeitsplatz zu finden.

Besonders ungünstig dürfte sich das auf die Situation von Arbeitslosen auswirken, so Bethmann. Denn seit den Hartz-Reformen gelten Jobangebote auch dann als zumutbar, wenn Leistungsempfänger keine geeignete Qualifikation oder Berufserfahrung haben. Unter den Arbeitslosen dürften dabei vor allem diejenigen mit hohem Bildungsniveau unter einem Berufswechsel leiden, erwartet der Autor. Der Grund: Je höher das Maß an formaler Qualifikation, desto mehr habe man durch eine Entwertung dieser Qualifikation zu verlieren.

Um seine Argumente empirisch zu überprüfen, hat der Forscher Daten der Panelstudie „Arbeitsmarkt und Soziale Sicherung“ ausgewertet, für die das IAB seit 2006 jährlich 12.000 bis 19.000 Personen interviewt. Von den befragten Erwerbstätigen wechseln im Schnitt 5,4 Prozent innerhalb eines Jahres den Beruf. Bei den Kurzzeitarbeitslosen, die den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt geschafft haben, sind es dagegen 54,2 Prozent, bei den zuvor Langzeitarbeitslosen 69,4 Prozent.

Um die Auswirkungen auf den sozioökonomischen Status zu berechnen, hat Bethmann jedem Job eine Punktzahl nach dem International Socio-Economic Index of Occupational Status (ISEI) zugeordnet. Es zeigt sich, dass ein Berufswechsel bei Kurzzeitarbeitslosen eine signifikante Differenz von etwa 2,7 ISEI-Punkten zwischen der vorherigen und der aktuellen Arbeitsstelle verursacht. Bei den Langzeitarbeitslosen, die einen Job in einem neuen Berufsfeld annehmen, beläuft sich der Statusverlust sogar auf 3,1 Punkte. Zudem nimmt die Effektstärke dort mit dem Bildungsniveau zu. Kein signifikanter Effekt ergibt sich dagegen bei Erwerbstätigen. Wer aus einer Beschäftigung heraus einen neuen Beruf ergreift, erleidet demnach in der Regel keinen sozialen Abstieg.

Bethmanns Resümee: Eine strenge Politik gegenüber Arbeitslosen, die vor allem auf rasche Reintegration in den Arbeitsmarkt setzt, könne vielleicht dazu beitragen, die Ausgaben für Transferleistungen zu reduzieren und Empfänger schnell in Arbeit zu bringen. Sie beeinträchtige aber auch die „sozioökonomische Wohlfahrt“ der Betroffenen. Alles in allem könne es durchaus sinnvoll sein, Arbeitslosen die Suche nach einem angemessenen Job zu ermöglichen, wenn dadurch die Entwertung von Qualifikation und ein sozialer Abstieg verhindert werden können. Das gelte umso mehr angesichts des drohenden Fachkräftemangels in manchen Bereichen der Wirtschaft.

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