Böckler Impuls Ausgabe 01/2014

Verteilung

Krankheitsfaktor Gehaltsfrust

Ungerechtigkeit gefährdet die Gesundheit: Wer seinen Lohn als zu niedrig empfindet, hat ein höheres Krankheitsrisiko.

Ungerechte Bezahlung macht nicht nur unzufrieden, sondern auch krank. Das zeigen Reinhard Schunck, Carsten Sauer und Peter Valet in einer empirischen Studie. Für ihre Untersuchung haben die Soziologen von der Universität Bielefeld Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) ausgewertet. Sie finden „deutliche Hinweise auf eine Verschlechterung des subjektiv wahrgenommenen Gesundheitszustands, wenn das Erwerbseinkommen als zu niedrig wahrgenommen wird“. Besonders gefährdet sind der Analyse zufolge gering qualifizierte Beschäftigte.

Was als angemessenes Einkommen betrachtet wird, sei in der Regel kontextabhängig, schreiben die Wissenschaftler. Beschäftigte vergleichen demnach ihre Leistung und Vergütung mit denen von Kollegen oder Partnern und orientieren sich an den üblichen Löhnen in ihrem Beruf. Wenn sie eine Diskrepanz feststellen, erleben sie eine „soziale Gratifikationskrise“. Die Folge: Stressreaktionen. Diese Reaktionen wiederum, so die Theorie, erhöhen die Wahrscheinlichkeit von seelischen und körperlichen Erkrankungen.

Zur Überprüfung ihrer Annahmen haben die Sozialforscher SOEP-Daten aus den Jahren 2005 bis 2011 analysiert, insgesamt etwa 26.500 Beobachtungen von über 12.000 abhängig Beschäftigten. Die SOEP-Teilnehmer sollten zum einen ihren Gesundheitszustand bewerten. Zum anderen wurden sie gefragt, ob sie ihr Einkommen für gerecht halten. Mit „nein“ hat ein beträchtlicher Teil geantwortet: Mehr als ein Drittel der Befragten fühlt sich unterbezahlt. Erwartungsgemäß hängt dieses Gefühl stark mit der Höhe des Einkommens zusammen: Über die Hälfte der Beschäftigten mit einem Brutto-Stundenlohn unter 8,50 Euro empfindet ihr Einkommen als zu niedrig. Wenn der Lohn über 25,50 Euro liegt, denken das nur 14,7 Prozent.

Auch Geringqualifizierte und Ostdeutsche empfinden ihre Bezahlung häufiger als ungerecht. Leiharbeiter sind zu mehr als 50 Prozent der Überzeugung, nicht angemessen zu verdienen. Die Autoren halten das für gut nachvollziehbar: Schließlich bekämen Leiharbeiter im Vergleich zu regulär beschäftigten Kollegen bei gleicher Leistung in der Regel substanziell weniger Gehalt. Teilzeitbeschäftigte empfinden ihren Lohn dagegen seltener als ungerecht als Arbeitnehmer mit Vollzeitjob. Eine mögliche Erklärung: Vollzeitbeschäftigte seien oft Hauptverdiener und machten sich daher mehr Gedanken über die Gerechtigkeit ihrer Entlohnung. Dass das Geschlecht keinen Einfluss auf die Bewertung des Einkommens hat, führen die Soziologen darauf zurück, dass Frauen sich eher mit anderen Frauen als mit Männern vergleichen.

Das Gefühl, ungerecht bezahlt zu werden, hat merkliche gesundheitliche Konsequenzen. Auch wenn Faktoren wie die Höhe des Einkommens, der berufliche Status oder die Beschäftigungsform herausgerechnet werden, bleibt ein negativer Effekt auf die Gesundheit nachweisbar: Personen, die ihr Erwerbseinkommen für gerecht halten, bezeichnen ihren Gesundheitszustand zu 60,9 Prozent als gut oder sehr gut. Von denjenigen, die ihre Bezahlung als zu niedrig empfinden, sind es nur 57 Prozent. Den Unterschied stufen die Forscher als „durchaus bemerkenswert“ ein. Schließlich sei ja ausschließlich der Effekt einer Empfindung gemessen worden, unabhängig von den tatsächlichen ökonomischen Umständen. Dass vor allem Geringverdiener diesen Effekt zu spüren bekommen, vertiefe bestehende gesundheitliche Ungleichheiten. Denn Studien zeigten, dass geringe Einkommen an sich bereits mit einer erhöhten Krankheitsgefahr einhergehen. Diejenigen, deren Gesundheit wegen schlechter Bezahlung ohnehin gefährdet ist, leiden also noch zusätzlich, wenn sie ihre Bezahlung als ungerecht wahrnehmen.

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Quellen

Reinhard Schunck, Carsten Sauer, Peter Valet: Macht Ungerechtigkeit krank? Gesundheitliche Folgen von Einkommens(un)gerechtigkeit, in: WSI-Mitteilungen 8/2013


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