Böckler Impuls Ausgabe 18/2013

Niedriglöhne

Deutschland steht schlecht da

Ein gesetzlicher Mindestlohn in der Größen­ordnung von 8,50 Euro würde das deutsche Lohngefüge erheblich verändern: Der bislang größte Niedriglohnsektor in der EU würde kleiner und die Lohnspreizung Richtung europäisches Normalmaß zurückgehen.

 

Es liegt an der der Größe des deutschen Niedriglohnsektors: Ein flächendeckender Mindestlohn zwischen acht und neun Euro hätte weit reichende Folgen, wie eine aktuelle Eurofound-Studie deutlich macht. Die Forscher haben potenzielle Effekte eines europäischen Mindestlohns in Höhe von 60 Prozent des mittleren Verdienstes im jeweiligen Land untersucht. In Deutschland entspräche das einem Mindestlohn von über neun Euro pro Stunde – und fast ein Viertel der Beschäftigten hätte Anspruch auf bessere Bezahlung. In keinem anderen Land würde ein so großer Teil der Beschäftigten profitieren: Großbritannien käme auf 19 Prozent der Arbeitnehmer, die Niederlande auf knapp 14 und Frankreich auf 8 Prozent.

Doch nicht nur der Anteil der Arbeitnehmer unter der 60-Prozent-Schwelle ist in Deutschland am größten. Die Löhne unter dieser Grenze liegen im Schnitt auch noch erheblich weiter darunter als in anderen Ländern. Das heißt: Es gibt hierzulande nicht nur besonders viele Niedriglöhner, sondern sie verdienen in Relation zu den übrigen Löhnen auch noch schlechter als anderswo. „Deutschland ist im europäischen Vergleich ein krasser Außenseiter“, sagt IMK-Abteilungsleiter Andrew Watt über die Ergebnisse der Eurofound-Untersuchung. Sicher beträfe ein Mindestlohn in der aktuell diskutierten Höhe sehr viele Beschäftigte. Aber das sei schlicht unumgänglich, wenn Deutschland seinen Sonderweg verlassen und sich in Richtung der in Europa üblichen Lohnstruktur am unteren Ende des Arbeitsmarkts bewegen wolle.

Und das müsse keine Jobs kosten. Denn die derzeit gezahlten Niedriglöhne dürften auch zu niedrigen Preisen für einfache Dienstleistungen in Deutschland führen. Entsprechend bestehe für Unternehmen ein großes Potenzial, gestiegene Lohnkosten aufgrund der Einführung eines gesetzlichen Mindestlohns in die Preise weiterzugeben, so Watt. „Die einfache Rechnung höhere Löhne gleich Arbeitsplatzverluste greift viel zu kurz.“ 

 

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Quellen

Enrique Fernández-Macías, Carlos Vacas-Soriano: A coordinated EU minimum wage policy?, Eurofound, Oktober 2013.


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