Forschungsprojekt: Klassismus im Alltag von Grundsicherungsbeziehenden

Eine qualitative Studie

Projektziel

Das Forschungsprojekt untersucht, wie Klassismus den Alltag von Menschen im Grundsicherungsbezug prägt. Auf Basis problemzentrierter Interviews und Fokusgruppen rekonstruiert die qualitative Studie Erfahrungswissen, Umgangsstrategien und Artikulationen von Grundsicherungsbeziehenden. Daraus werden Handlungsempfehlungen für Soziale Arbeit, politische Bildung und Gewerkschaften abgeleitet.

Projektbeschreibung

Kontext

Die öffentliche und politische Debatte um Sozialleistungen ist seit Jahren von stigmatisierenden Narrativen geprägt, die Armut individualisieren, strukturelle Ursachen unsichtbar machen und Leistungsbeziehende systematisch abwerten. Diese Entwicklung verstärkte sich im Jahr 2025 im Zuge der Bürgergeld-Diskussion. Hier wirkt ein struktureller Klassismus, der sich in Stigmatisierung, Scham und gesellschaftlicher Exklusion niederschlagen kann. Die Reform des Bürgergelds und die Einführung einer neuen Grundsicherung markieren eine sozialpolitische Verschiebung hin zu verstärkten Kontroll- und Sanktionslogiken. Klassistische Bilder wie „soziale Hängematte“ oder „Totalverweigerer“ haben sich in politischen und medialen Debatten verfestigt und prägen die Lebensrealitäten armutsbetroffener Menschen.

Fragestellung

Untersucht wird, ob und in welcher Form Grundsicherungsbeziehende klassistische Diskriminierung erfahren, wie sie mit diesen Erfahrungen umgehen und welche individuellen oder kollektiven Strategien im Umgang damit entwickelt werden, um gesellschaftliche Teilhabe zu erreichen. Zudem wird eruiert, welche Veränderungen aus der Perspektive der Betroffenen notwendig sind, um soziale Gerechtigkeit zu fördern. Die zentralen Forschungsfragen lauten: Welche Formen sozialer Bewertung, Anerkennung und Abwertung erleben Menschen im Grundsicherungsbezug in unterschiedlichen Lebensbereichen, und wie deuten sie diese Erfahrungen? Welche individuellen und kollektiven Umgangsstrategien entwickeln sie, um gesellschaftliche Teilhabe zu erreichen, und welche gewerkschaftlichen, politischen sowie sozialarbeiterischen Handlungsbedarfe ergeben sich aus der Perspektive der Betroffenen?

Untersuchungsmethoden

Das qualitativ-rekonstruktiv angelegte Forschungsvorhaben verbindet problemzentrierte Interviews und Fokusgruppen mit Personen, die Leistungen der Grundsicherung beziehen. Die Studie rekonstruiert, wie klassistische Diskriminierung im Alltag von Grundsicherungsbeziehenden erlebt, gedeutet und bearbeitet wird und welche Formen politischer Artikulation daraus entstehen. Die Auswertung erfolgt entlang der Reflexiven Grounded Theory. Datenerhebung und Analyse werden dabei iterativ verschränkt; zugleich wird die Situiertheit der Forschenden systematisch reflektiert. Die Ergebnisse werden in kollaborativen Workshops diskutiert, in Fachartikeln publiziert und in eine praxisorientierte Handreichung für Soziale Arbeit, politische Bildung und Gewerkschaften überführt. Die Forschung verfolgt eine erkenntnisleitende Perspektive „von unten“, die Betroffene nicht als passive Adressat*innen sozialstaatlicher Maßnahmen begreift, sondern als Expert*innen ihrer Lebenslagen ernst nimmt.

Projektleitung und -bearbeitung

Projektleitung

Prof. Dr. Francis Seeck
Technische Hochschule Nürnberg Fakultät Sozialwissenschaft

Kontakt

Dr. Michaela Kuhnhenne
Hans-Böckler-Stiftung
Forschungsförderung