Forschungsprojekt: Hohe Krankenstände in Transformationsprozessen

Projektziel

Hohe Krankenstände sind zu einem Politikum geworden. Bundesregierung und Arbeitgeberverbände sehen darin eine die Wirtschaft überfordernde Belastung, Gewerkschaften kritisieren hochgradig belastende Arbeitsbedingungen in Transformationsprozessen. Welche Ursachen sehen Beschäftigte für den aktuellen Krankenstand? Welche Rolle spielen dabei Restrukturierungsprozesse im Zuge der Transformation?

Projektbeschreibung

Kontext

Aus zahlreichen Betrieben gibt es Rückmeldungen über deutlich gestiegene Krankenstände. Nach Atemwegs- handelt es sich vor allem um Muskel-/Skelett- sowie psychische Erkrankungen. Die Tatsache ist unbestritten, doch hinsichtlich der Ursachen liegen die Auffassungen weit auseinander. Im Organisationsbereich der IG Metall erhärten Betriebsrätebefragungen, dass transformationsbedingte Restrukturierungsprozesse einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Krankenstände haben. Organisatorisch-technische Umstellungen begleitet von Dekarbonisierungs-, Digitalisierungs- und Verlagerungsprozessen gehen oft mit neuen fachlichen Anforderungen, Stress und erhöhter Arbeitsintensität einher. Routinen gehen teilweise verloren. Insgesamt nehmen die psychischen Belastungen zu. Daraus resultierende gesundheitliche Gefährdungen werden durch ein einseitig an Kostenersparnis orientiertes Gesundheitsmanagement sowie Personalbedarfsplanungen mit systematischer Überlastung noch verstärkt.

Fragestellung

Auch wenn Untersuchungen der Krankenkassen und arbeitswissenschaftliche Forschung zentrale Befunde bereitstellen, bleiben doch Fragen offen, die möglicherweise auch auf einen veränderten Umgang mit Gesundheitsrisiken, Krankheit, Resilienz und Stressbewältigung hinweisen. Das Projekt konzentriert auf die Wahrnehmung und Perspektive der Beschäftigten: um die Einschätzung betrieblicher Ursachen, ebenso wie um veränderte Verhaltensweisen im Umgang mit neuen Anforderungen, Belastungen und Erkrankungen. Welche Rolle spielen der »Präsentismus«, der sich nach Corona verstärkt hat und der »Absentismus« als Rückzugsmodell bei beruflicher Überforderung? Inwieweit wird das Thema Krankenstand zum Gegenstand betrieblicher Auseinandersetzungen. Mit der Befragung von Beschäftigten wird die Handlungsperspektive der Beschäftigten stärker einbezogen. Die Beschäftigten werden selbst motiviert, sich an der Ausarbeitung von Maßnahmen und Instrumenten zu beteiligen und deren Durchsetzung zu unterstützen.

Untersuchungsmethoden

In die explorative Befragung sind drei Betriebe aus der Luftfahrt und der automobilen Zulieferindustrie einbezogen, die jeweils über große Fertigungs- sowie indirekte Bereiche verfügen mit jeweils unterschiedlichen Belastungsszenarien. Neben Experteninterviews u.a. mit im Arbeits- und Gesundheitsschutz aktiven Betriebsräten, Werksärzten und Führungskräften liegt der Schwerpunkt des Projekts vor allem auf Gruppengesprächen und vertiefenden Einzelinterviews mit Beschäftigten verschiedener Arbeitsbereiche. Bei den Expertengesprächen geht es vorrangig um Informationen zur jeweiligen betrieblichen Situation. Im Zentrum stehen Gruppengespräche als Mix aus Gruppendiskussion und Interview. Sie sind deswegen zentral, weil wir in den Diskussionen der Kolleginnen und Kollegen den »Tenor« der betrieblichen Debatte über den erhöhten Krankenstand einfangen wollen. Gleichzeitig können sie »Türöffner« für vertiefende Einzelinterviews mit Beschäftigten sein.

Projektleitung und -bearbeitung

Projektleitung

Dieter Sauer
ISF München

Bearbeitung

Richard Detje

Selma Kleinau
ISF München

Kontakt

Dr. Manuela Maschke
Hans-Böckler-Stiftung
Forschungsförderung