Projektbeschreibung
Kontext
Europäische Betriebsräte (EBR) haben in Konzernen das Recht auf Unterrichtung und Anhörung. Die Handlungsfähigkeit von Gremien wird jedoch durch begrenzte Mitwirkungsrechte, unterschiedliche Rahmenbedingungen für Interessenvertretung sowie sprachlich-kulturelle Hürden eingeschränkt. Standortkonkurrenz erhöht jedoch den Bedarf an grenzüberschreitender Kooperation. Im Projekt wurden die Anforderungen transnationaler Interessenvertretung und die Bedeutung gewerkschaftlicher Bildungsangebote ausgelotet. Bildung wird dabei als Grundlage verstanden, um professionelle Handlungsfähigkeit und transnationale Solidarität zu verbinden. Im Ergebnis wurden Impulse für Gremien sowie für gewerkschaftliche Bildung und Qualifizierung im transnationalen Handlungsfeld erarbeitet.
Fragestellung
1. Was sind die zentralen Wissensfelder zur Förderung des Handelns in der transnationalen Interessenvertretung? Welche Wissensfelder sind von Bedeutung für die Stärkung der Mitbestimmung?
2. Welche Praktiken politischen Handelns führen in der transnationalen Interessenvertretung zu einem gemeinsamen Handlungsprozess?
3. Welche Hinweise liefert die analytische Beschreibung des Handlungsfeldes und der Praxis transnationaler Interessenvertretung für die Entwicklung gewerkschaftlicher Bildungsangebote und Programme? Wie können Bildungsformate weiterentwickelt werden, um die Handlungsfähigkeit von transnational aktiver Interessenvertretungen zu stärken?
Untersuchungsmethoden
Die Daten umfassen 22 problemzentrierte Expert:inneninterviews: 16 mit gewählten Interessenvertreter:innen und sechs mit Gewerkschafter:innen aus Bildung und Beratung. Interviewdaten wurden in MAXQDA kodiert und mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Die Kategorien umfassten Wissensfelder, Handlungssphären und Praktiken des politischen Handelns. Durch ergänzende Beobachtungen von Qualifizierungs- und Bildungsveranstaltungen wurden Ergebnisse eingeordnet. Darüber hinaus wurden Programme und Angebote der IG Metall aus 2014 und 2024 quantitativ ausgewertet und qualitativ analysiert. Einer abduktiven, qualitativ-rekonstruktiven Forschungslogik folgend wurden bereits vorliegende Erkenntnisse mehrfach mit Erfahrungen, Deutungen und implizitem Wissen der Interviewpartner:innen abgeglichen. Datenerhebung und Auswertung waren ein wechselseitiger Prozess. Ein Modell des „Handlungsraums transnationaler Interessenvertretung“ und eine Konzeption politischen Handelns sind Hauptergebnisse.
Darstellung der Ergebnisse
Die transnationale Interessenvertretung wird als komplexer Handlungsraum mit sieben Wissensfeldern rekonstruiert: Umgang mit Standortkonkurrenz und Solidarität, Balancieren von Interessen und Perspektiven, Umgang mit kulturellen Differenzen, Erschließungs- und Strukturierungsfähigkeiten, Übersetzungsfähigkeiten für Sprachen, Begriffe und Bedeutungen, Wahl geeigneter Lernformen sowie Formen politischen Handelns. Die Umsetzung transnationaler Interessenvertretung bleibt kontextabhängig: Kooperation mit dem Management ist oft fragil, globale Standorte werden nur begrenzt einbezogen. Der Programmvergleich zeigte Akzentverschiebungen. Hier ergaben sich Impulse für die Bildungsarbeit: etwa eine stärkere Ausrichtung an konkreten Gremiensituationen oder die Verbindung von Beratung, Coaching und intensiven Lernformaten. Die Analyse politischen Handelns zeigte, dass sowohl in den Gremien selbst als auch in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit die Qualität und Förderung interaktiver Praktiken mehr Aufmerksamkeit verdient. Der Blick läge damit nicht mehr ausschließlich auf individueller Kompetenzentwicklung.