Forschungsprojekt: Die doppelte Transformation von Post und Bahn (1989-1995)

Der Umgang von DPG und GdED mit der Privatisierung zweier ostdeutscher Staatsbetriebe

Projektziel

Das Forschungsprojekt untersuchte die "doppelte Transformation" von DDR-Post und -Bahn in den Jahren 1989–1995 – also deren Eingliederung in ihre westdeutschen Pendants vor dem Hintergrund von deren Umwandlung in Aktiengesellschaften. Im Zentrum stand dabei die Perspektive der ostdeutschen Beschäftigten und ihrer Interessenvertretungen.

Veröffentlichungen

Bois, Marcel , 2025. Ein Lernprozess – für beide Seiten. Ost- und westdeutsche Eisenbahngewerkschafterinnen nach 1989/90, Zeitschrift für Geschichtswissenschaften (ZfG), 73(10), S. 833-845.

Bois, Marcel , 2025. Verzögerte Privatisierung: Die "doppelte Transformation" von ostdeutscher Post und Bahn nach 1989/90, In: Detlev Brunner, Michaela Kuhnhenne (Hrsg.), Gewerkschaften und ostdeutsche Transformation. Mitgestaltung - Mitbestimmung?, Bielefeld: transcript, S. 47-63.

Bois, Marcel und Milan Mentz, 2025. "Im Rahmen unserer Möglichkeiten sollten wir ihnen helfen": Die DGB-Gewerkschaften und die ehemaligen Vertragsarbeiter:innen der DDR, In: Detlev Brunner, Michaela Kuhnhenne (Hrsg.), Gewerkschaften und ostdeutsche Transformation. Mitgestaltung - Mitbestimmung?, Bielefeld: transcript, S. 123-143.

Bois, Marcel und Svea Gruber, 2025. "42 Monate zwischen Hoffnung und Angst": Die Auseinandersetzung um die Schließung des Bahnausbesserungswerks Delitzsch (2001-2004), In: Detlev Brunner, Michaela Kuhnhenne (Hrsg.), Gewerkschaften und ostdeutsche Transformation. Mitgestaltung - Mitbestimmung?, Bielefeld: transcript, S. 185-202.

Bois, Marcel , 2024. Von der Privatisierung zur Rekommunalisierung. Die Entstaatlichung öffentlichen Eigentums in der Bundesrepublik, Arbeit-Bewegung-Geschichte, 1, S. 34-50.

Weitere Informationen

Mitbestimmung "Gewerkschaften in der Wendezeit" 5/2025
https://www.boeckler.de/de/faust-detail.htm?sync_id=HBS-009245

Projektbeschreibung

Kontext

In den Wendejahren um 1990 durchliefen die beiden DDR-Staatsbetriebe Deutsche Reichsbahn und Post einen Prozess der doppelten Transformation: Erst wandelten sie sich zu öffentlichen Unternehmen der Bundesrepublik Deutschland. Dann folgte Mitte der 1990er Jahre ihre (materielle bzw. formelle) Privatisierung. Damit unterschied sich ihre Entwicklung deutlich von der vieler anderer DDR-Betriebe. Ihre ökonomische Transformation fand nicht im Rahmen der Treuhandanstalt statt, sondern durch die Eingliederung in westdeutsche Staatsunternehmen, deren Privatisierung zu diesem Zeitpunkt bereits angestoßen worden war. Gleichwohl gingen auch diese Prozesse – genau wie in anderen Teilen der ehemaligen DDR-Wirtschaft – mit einem massiven Arbeitsplatzabbau einher. Zudem verschlechterten sich in beiden Unternehmen langfristig die Arbeitsbedingungen.

Fragestellung

Ziel des geplanten Forschungsprojekts war es, diese Jahre der doppelten Transformation beider Unternehmen (1989–1995) aus Perspektive der Beschäftigten und ihrer Interessenvertretungen zu untersuchen. Ursprünglich stand im Zentrum ein Vergleich des Agierens der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands (GdED) und der Deutsche Postgewerkschaft (DPG). Die Leitfrage lautete: Wie erlebten die Beschäftigten die doppelte Transformation von Post und Bahn und wie begleiteten die DGB-Gewerkschaften GdED und DPG diesen Prozess? Doch während des Forschungsprozesses rückte immer stärker der Vergleich zu den Privatisierungen, die über die Treuhand stattgefunden hatten, in den Fokus. Die Studie versteht sich als Beitrag zur bislang wenig untersuchten Geschichte der Gewerkschaften im ostdeutschen Transformationsprozess.

Untersuchungsmethoden

Zur Durchführung des Projekts wurden - neben der Sekundärliteratur - zahlreiche Primärquellen ausgewertet, vor allem die Bestände von DPG und GdED im Archiv der sozialen Demokratie in Bonn. Ferner wurden zwölf Zeitzeugeninterviews mit (ehemaligen) Gewerkschafter:innen durchgeführt. Zum Teil stellten diese weiteres, privates Quellenmaterial zur Verfügung.

Darstellung der Ergebnisse

1. Sowohl bei Post als auch Bahn unterstützen die westdeutschen Gewerkschaften aktiv den Aufbau ihrer Ostpendants. Die ostdeutschen Mitglieder nahmen diesen Support als hilfreich wahr, gleichwohl lassen sich Konflikte im Vereinigungsprozess der Gewerkschaften beobachten. Deutlich wurden diese etwa, als sehr unterschiedliche Vorstellungen über Geschlechterverhältnisse aufeinandertrafen.

2. Die doppelte Transformation von Post und Bahn in Ostdeutschland verlief ambivalent: Einerseits wurde Infrastruktur – vor allem für den Transport von Ost nach West – ausgebaut, anderseits dünnten beide Unternehmen ihre Angebote in der Fläche aus.

3. Der Prozess ging mit massiven Veränderungen für die Beschäftigten einher: Zehntausende Arbeitsplätze wurden abgebaut, Sozialeinrichtungen geschlossen.

4. Im Gegensatz zu den „Hochgeschwindigkeitsprivatisierungen“, die die Treuhand durchführte, kann man bei Post und Reichsbahn von „verzögerten Privatisierungen“ sprechen. Die Prozesse dauerten länger und die Auswirkungen für die Beschäftigten wurden sozial stärker abgemildert als bei vielen anderen ehemaligen DDR-Betrieben. Dies war auch dem Engagement der Gewerkschaften DPG und GdED zu verdanken.

Projektleitung und -bearbeitung

Projektleitung

Dr. Marcel Bois
Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH)

Kontakt

Dr. Michaela Kuhnhenne
Hans-Böckler-Stiftung
Forschungsförderung