Forschungsprojekt: Gender und WTO

Zur Notwendigkeit einer Gender Agenda für die Doha Welthandelsrunde der WTO

Projektziel

Die zentrale Fragestellung des Projektes ist, ob die Liberalisierung des Handels mit Dienstleistungen durch das Dienstleistungsabkommen (GATS) in der Welthandelsorganisation die existierenden Geschlechterungleichheiten eher perpetuiert, sie akzentuiert oder sie erodiert und ob eine Gender-Agenda in der WTO sinnvoll und eventuell notwendig erscheint.

Projektbeschreibung

Kontext

Das GATS, das 1995 als erstes Abkommen für die weltweite Liberalisierung der Dienstleistungsmärkte in das Vertragswerk der Welthandelsorganisation (WTO) aufgenommen wurde, ist ein Schlüsselthema für eine Politik zukunftsfähiger und geschlechtergerechter Entwicklung. Die gesellschaftspolitische Relevanz der Dienstleistungsliberalisierung zeigt sich nicht zuletzt in den zahlreichen Stellungnahmen von NGOs, Gewerkschaften und politischen Parteien, die darauf hinweisen, dass das GATS sich auf die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen, vor allem ärmerer Frauen auf der ganzen Welt auswirkt.

Die Rolle der Frauen im Dienstleistungssektor ist weltweit enorm. Sie fungieren einerseits als wichtige Arbeitskräfte für den öffentlichen und den privaten Sektor, sind aber auch in der Rolle der Konsumentinnen in weit höherem Maße von Daseinsvorsorgeangeboten abhängig als Männer und sind als Entrepreneurinnen in unternehmerischen, sozialen wie auch in Vertriebsdienstleistungen zu finden.

Fragestellung

Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Frage, wie die Liberalisierung des Handels mit Dienstleistungen in der EU und in China sich einerseits auf die Steuerungskapazität der Staaten auswirkt und wie die Öffnung des Dienstleistungsmarktes die Geschlechterverhältnisse in den beiden sehr unterschiedlichen Gesellschaftsmodellen tangiert. In diesem Zusammenhang wurden erstens die geschlechtspezifischen Auswirkungen der Liberalisierung des Handels mit Dienstleistungen auf die formellen und informellen Arbeitsmärkte untersucht, insbesondere die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede im öffentlichen und im privaten Sektor. Unmittelbar damit ist die Frage verbunden, wie sich zweitens die Dienstleistungsliberalisierung und der damit verbundene Paradigmenwechsel in der Weltwirtschaftspolitik hin zu einem über die globalen Finanzmärkte vermittelten Steuerungsprozess auf das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit auswirkt und die sozialen Reproduktionsarbeiten neu konfiguriert.

Untersuchungsmethoden

Auswertung der rechtlichen Rahmenwerke, Sekundäranalysen einschlägiger Fachliteratur und von verfügbaren Dokumenten sowie Experteninterviews. Qualitativ vorgehende feministische Makroökonomie.

Darstellung der Ergebnisse

Die Studie zeigt, dass

1. eine Grenzverschiebung zwischen Privatheit und Öffentlichkeit stattfindet und diese Neudefinition sich besonders in der Fiskalpolitik widerspiegelt und somit die Bereitstellung von öffentlichen Gütern tangiert;

2. durch den "disziplinierenden Druck" der Finanzmärkte der Staat in einen zunehmenden "fiscal squeeze" gerät;

3. Frauen sehr unterschiedlich von der Dienstleistungsliberalisierung als Arbeitnehmerinnen, Konsumentinnen und Entrepreneurinnen profitieren;

4. Dienstleistungsliberalisierung die Tendenz einer zunehmenden Spreizung zwischen hoch qualifizierten und niedrig qualifizierten Frauen maßgeblich fördert;

5. der gender wage gap, der im privaten Sektor generell höher ist als im öffentlichen Sektor, durch die Liberalisierung und Umwandlung von öffentlichen Dienstleistungen ansteigen könnte;

6. Frauen in Teilzeitarbeit oder tätig im Niedriglohnsektor durch kapitalgedeckte Sicherungssysteme tendenziell benachteiligt werden;

7. die Partizipation und Vertretung von Frauen in internationalen Führungsfunktionen und Machtpositionen in Politik und Wirtschaft zwar zugenommen hat, aber vergleichsweise noch immer sehr gering ist.

Projektleitung und -bearbeitung

Projektleitung

Prof. Dr. Brigitte Young

Bearbeitung

Cornelia Fraune
Westfälische Wilhelms-Universität Münster Institut für Politikwissenschaft

Markus Kerkmann
Westfälische Wilhelms-Universität Münster Institut für Politikwissenschaft

Isabel Lipke

Christa Wichterich

Kontakt

Dr. Saskia Freye
Hans-Böckler-Stiftung
Forschungsförderung