Projektbeschreibung
Kontext
Die Flexibilisierung von Arbeitsmärkten, der Umbau der sozialen Sicherungssysteme und Individualisierungsprozesse im Bereich der Familie erhöhen die Gefahr der sozialen Exklusion von familiären Risikogruppen. Arbeitslosigkeit, Inaktivität und niedrige Erwerbseinkommen bedeuten zumeist ein hohes Armutsrisiko. Doch die Anzahl solcher Risikofamilien und deren Armutsquoten sind in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich. Erwerbsbezogene Risiken werden in den einzelnen Ländern durch verschiedene Kombinationen von Sozial-, Tarif- und Familienpolitiken in unterschiedlicher Intensität und Weise vermieden oder kompensiert. Die Frage, welche Politikkombinationen und Länder in dieser Hinsicht relativ erfolgreich sind, ist gerade für Deutschland von großem Interesse, weil erwerbsbezogene Risiken hier trotz zahlreicher sozial- und familienpolitischer Reformen in jüngerer Zeit noch weit verbreitet sind.
Fragestellung
Das Projekt untersucht die Arbeitsmarkt- und Einkommenssituation von Familien mit geringer Beschäftigung und niedrigen Löhnen in fünf europäischen Ländern mit unterschiedlichen Sozial- und Familienpolitiken: Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien und die Niederlande. Die zentrale Forschungsfrage ist, inwiefern verschiedene Politikkombinationen Beschäftigungsrisiken sowie Lohn- und Einkommensrisiken von Familien verhindern oder kompensieren und zu Beschäftigungsintegration und Armutsvermeidung beitragen. Zentrale Annahme ist, dass die Integration in Beschäftigung durch die Sicherung eines ausreichenden Lohnniveaus und eine armutsvermeidende Mindestsicherung ergänzt werden muss, damit Risiken minimiert werden.
Untersuchungsmethoden
Die Untersuchung ist ländervergleichend angelegt. Sie analysiert zum einen die Beschäftigungs- und Einkommenssituation auf Individual- und Haushaltsebene, zum andern die Kombinationen von Sozial-, Tarif- und Familienpolitiken in den einzelnen Ländern, die auf die Vermeidung oder Kompensation erwerbsbezogener Risiken gerichtet sind. Die Risikofamilien wurden anhand geringer (oder fehlender) Beschäftigung und niedriger Erwerbseinkommen auf Grundlage des EU-SILC für das Jahr 2008 identifiziert und analysiert. Die ausgewählten Politiken beziehen sich auf drei Risikostufen: Beschäftigungsintegration (Stufe 1), Erwerbseinkommen (Stufe 2) und Haushaltseinkommen nach Steuern und Transfers (Stufe 3). Analysiert werden unter anderem Aktivierungspolitik, Kinderbetreuung, Lohnpolitik, Familienpolitik, Arbeitslosenschutz und Mindestsicherung.
Darstellung der Ergebnisse
Eine gute Integration in Beschäftigung, verbunden mit einem Schutz vor niedrigen Löhnen und einer universell orientierten sozialen Sicherung, erzielt die besten Resultate für familiäre Risikogruppen. In Dänemark und den Niederlanden werden durch diese Kombination sowohl Risiken minimiert als auch effektiv kompensiert. Spezifische Politiken für Risikogruppen wie in Großbritannien sind weniger effektiv, weil die Beschäftigungs- und Lohnrisiken nicht adäquat abgesichert sind. Am wenigsten effektiv ist eine Politikkombination, die weder Risiken vermeidet noch zielgerichtet oder universell absichert. In Deutschland gibt es deshalb nicht nur viele Risikofamilien, darüber hinaus sind deren relative Einkommen im Ländervergleich niedrig und das Armutsrisiko hoch. Das wichtigste Ergebnis des Projekts ist, dass die Situation von Risikofamilien von der Kombination verschiedener Politiken abhängt, die auf unterschiedlichen Ebenen ansetzen. Weiterhin spielt das vorherrschende Beschäftigungs- und Wohlfahrtsregime eine zentrale Rolle: am wenigsten prekär ist die Situation in den Ländern mit einem Doppelverdiener-Modell, flächendeckender Lohnpolitik und universellem sozialen Sicherungssystem.