Teilzeit-Debatte: Mütend
Zum Equal Care Day wird sichtbar, was im Alltag oft übersehen wird. Frauen leisten im Schnitt mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Politische Maßnahmen, wie die Einschränkung von Teilzeitarbeit, könnten die Ungleichheit weiter verschärfen.
[24.02.2026]
Von Bettina Kohlrausch
Mütend – diese neue Wortschöpfung entstand während der Corona-Pandemie. Sie verbindet „wütend“ und „müde“ und beschreibt ein Gefühl, das für viele Frauen am 1. März vermutlich besonders präsent sein wird. Denn dann, zwei Tage nach dem Equal Pay Day, ist Equal Care Day – ein Tag, an dem daran erinnert wird, wie unsichtbar Care Arbeit oft bleibt, wie wenig Anerkennung sie erfährt und wie selbstverständlich wir uns als Gesellschaft darauf verlassen.
Das zeigt sich auch in der aktuellen Arbeitszeitdebatte. Teilzeitarbeit – überwiegend von Frauen geleistet – wird von Teilen der Union und der Arbeitgeber*innen derzeit oft als individuelle Entscheidung dargestellt. Tatsächlich arbeitet jedoch ein großer Anteil der Frauen in Teilzeit, weil die strukturellen Rahmenbedingungen es nur so zulassen. Noch immer fehlen ausreichend Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, vor allem im Bereich unter drei Jahren und im Grundschulalter.
Eine aktuelle Studie des WSI zeigt: 54 Prozent der Eltern, die eigentlich eine externe Kinderbetreuung haben, waren im Herbst 2025 an einem oder mehreren Tagen mit verkürzten Betreuungszeiten und/oder sogar kurzfristigen Schließungen der Einrichtung konfrontiert. Knapp ein Drittel der betroffenen Eltern reduzierte daraufhin die eigene Erwerbsarbeitszeit, um die Betreuungslücke zu schließen.
Vor allem aber ist Sorgearbeit nach wie vor sehr ungleich verteilt. Der Gender Care Gap beträgt im Durchschnitt noch immer 44,3 Prozent. Das bedeutet: Frauen bringen täglich eine Stunde und 19 Minuten mehr Zeit für unbezahlte Sorgearbeit auf als Männer. Rechnet man bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammen, arbeiten Frauen im Durchschnitt pro Woche eine Stunde mehr als Männer. Diese Verteilung wird durch politische Rahmenbedingungen wie das Ehegattensplitting zusätzlich forciert.
Auch die hohe Teilzeitquote von Frauen in Deutschland zeigt, wie ungleich die unbezahlte Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern verteilt ist. Der Gender Care Gap in Haushalten mit Kindern unter sechs Jahren ist mit 15 Stunden pro Woche besonders groß. Zusätzlich geleistete Sorgearbeit bedeutet für Frauen allerdings keineswegs nur die Kinderbetreuung und Pflege von Angehörigen. Sie leisten auch viele weitere Aufgaben, die gesellschaftlich wenig Anerkennung erfahren, aber unverzichtbar sind.
Wer Teilzeiterwerbstätigkeit ernsthaft reduzieren möchte, sollte konkrete Vorschläge machen, wie sich unbezahlte Arbeit gerechter zwischen den Geschlechtern verteilen lässt. Ansonsten ist die Einschränkung des Rechts auf Teilzeit nichts anderes als eine Arbeitszeiterhöhung für Frauen, obwohl diese ohnehin schon viel für diese Gesellschaft leisten.
Prof. Dr. Bettina Kohlrausch ist die Wissenschaftliche Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts der Hans-Böckler-Stiftung.
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