Preisträger*innen 2026: Dr. Jonas Heller: Ein neues Modell geschichtlichen Wandels
„Ich gehe davon aus, dass die Problematik unserer Gegenwart gerade in diesem Verweilen in der Krise besteht – einem Verweilen, das die Krise vertieft, weil der Gedanke unverständlich geworden ist, dass das krisengeschüttelt Bestehende sich ändern muss und kann.“
Kaum ein Wort dürfte bei der Beschreibung der Gegenwart häufiger fallen als: Krise. Klimakrise, Wirtschaftskrise, Wohnraumkrise, soziale Krise, Demokratiekrise, die Liste ließe sich fortsetzen. Auf die Erkenntnis, dass die Welt in einer multiplen Krise steckt, folgt indes keine Bewältigungsstrategie, sagt Jonas Heller. Sondern ein bereitwilliges Verharren. „Ich gehe davon aus, dass die Problematik unserer Gegenwart gerade in diesem Verweilen in der Krise besteht – einem Verweilen, das die Krise vertieft, weil der Gedanke unverständlich geworden ist, dass das krisengeschüttelt Bestehende sich ändern muss und kann“, erklärt der wissenschaftliche Mitarbeiter und Privatdozent des Instituts für Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. „Krisenhaftigkeit heißt dann: Unveränderbarkeit.“
Heller, geboren 1983 in Basel und Vater einer kleinen Tochter, hat an der dortigen Universität erst einen Masterabschluss in Geschichte und Religionswissenschaft, danach einen zweiten in Philosophie erworben. Seine beiden Hauptfächer, Geschichte und Philosophie, unterscheiden sich methodisch markant: „Das historisch Besondere und das philosophisch Allgemeine stehen häufig unvermittelt gegenüber“, sagt der Geisteswissenschaftler. „Vor diesem Hintergrund philosophisch über historischen Wandel nachzudenken und den methodischen Dualismus der Disziplinen zu irritieren, reizt mich.“ In seiner preisgekrönten Doktorarbeit hatte Heller analysiert, wie der moderne Staat seine rechtliche Ordnung zugleich auf Menschenrechte und auf Ausnahmezustände stützt und wie beide, obwohl scheinbar gegensätzliche Phänomene, zusammenwirken.
Seine Forschung geht der Frage nach, wie sich geschichtlicher Wandel als Überwindung geschichtlicher Blockaden verstehen lässt. „Wir leben in einer Zeit, in der deutlich wird, dass es mit dem durch Ausbeutung, Verschwendung und Zerstörung geprägten Lebensstil moderner, von Wachstum und Konsum getriebener Gesellschaften vorbei ist“, sagt Heller. Trotzdem gebe es keine Anzeichen eines grundlegenden Wandels. „Wie kann eine Zeit, die unhaltbar geworden ist und doch unbeirrt an ihren Grundzügen, Gewohnheiten und Fatalitäten festhält, zu einem Ende kommen?“ Um Antworten zu finden, konfrontierte Heller das Denken des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) mit geschichtswissenschaftlichen Theorien über das Verhältnis von Struktur und Ereignis und entwarf ein neues Konzept historischen Wandels: „Es geht darum, wie eine blockierte Lage ihre eigene Überwindung befördern kann.“
Der Philosoph und Historiker war Gastwissenschaftler an der Columbia University in New York, an der University of Chicago und an der Université Panthéon-Sorbonne in Paris. Am meisten geprägt, sagt er, habe ihn und sein Verständnis von Wissenschaft jedoch das Forschungsumfeld in Frankfurt. Hierher kam er, um als Stipendiat im internationalen Graduiertenprogramm des interdisziplinären Exzellenzclusters „Normative Orders“ („Die Herausbildung normativer Ordnungen“) an der Goethe-Universität seine Dissertation zu schreiben, heute ist er assoziiertes Mitglied des Forschungszentrums. „In diesem Umfeld“, sagt der Wissenschaftler, „bestand und besteht ein besonderes Bewusstsein für die geschichtliche Situiertheit des Denkens.“