Preisträger*innen 2026: Dr. Isabel M. Habicht: Auf Umwegen zur Geschlechtersoziologie
„Umwege können den eigenen Blick erweitern und neue Perspektiven eröffnen.“
Manchmal, das hat Isabel M. Habicht nicht nur einmal erlebt, gelangt man am besten über Umwege ans Ziel. „Umwege können den eigenen Blick erweitern und neue Perspektiven eröffnen“, sagt die Akademische Rätin an der Universität Wuppertal. „Diese Erfahrung hat mich persönlich stark geprägt und sicherlich auch dazu beigetragen, wie ich heute auf Forschung und gesellschaftliche Fragen blicke.“ Die Soziologin forscht zur Geschlechtergleichstellung und hat ihre Doktorarbeit über ein Thema geschrieben, das sie auch persönlich aus nächster Nähe kennen dürfte: welche Rolle das Geschlecht bei akademischen Karrierewegen spielt. Doch sowohl zu ihrem Fach als auch zu ihrem Forschungsinteresse fand Habicht nicht auf dem direkten Weg. „Ich glaube“, sagt sie, „dass nicht jede wissenschaftliche Laufbahn vollkommen geradlinig verlaufen muss.“
Habicht, geboren 1991 in Karlsruhe, hat zunächst Soziale Arbeit an der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft in Ludwigshafen studiert. Erst nach ihrer preisgekrönten Bachelorarbeit begann sie ihr Soziologiestudium in Heidelberg – und legte damit den Grundstein für eine akademische Laufbahn, die sie zwischenzeitlich bis nach Harvard geführt hat. 2024/25 war die Sozialwissenschaftlerin als John F. Kennedy Memorial Fellow an der US-amerikanischen Eliteuniversität. Eine „persönlich und wissenschaftlich wirklich besondere Erfahrung“ nennt Habicht ihren Aufenthalt in Harvard.
Ihre Karriere beschreibt die Soziologin als „Prozess des Suchens, Ausprobierens und Sich-Findens“. Und das gilt nicht zuletzt für ihren Forschungsschwerpunkt: Zu Beginn ihrer Promotion, erzählt die Wissenschaftlerin, habe sie sich für Geschlechtersoziologie noch gar nicht allzu sehr interessiert. „Ich habe aber relativ schnell gemerkt, dass wir kaum einen Bereich des gesellschaftlichen Zusammenlebens ohne eine Verbindung zu Geschlecht denken können – sei es in Arbeit, Familie oder Organisationen.“ Heute beschäftigt sich Habicht vor allem mit geschlechtsspezifischer Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt sowie mit den politischen und institutionellen Rahmenbedingungen, die solche Ungleichheiten beeinflussen oder verstärken können.
„Gerade im Bereich Frauen und Arbeit hat sich in den letzten Jahrzehnten viel verändert“, sagt sie. Frauen würden heute im Durchschnitt höhere Bildungsabschlüsse erreichen als Männer und seien deutlich stärker am Arbeitsmarkt beteiligt als früher. „Gleichzeitig haben sich Familienmodelle und gesellschaftliche Strukturen nicht zwangsläufig gleichermaßen verändert.“ Auch wenn es manchmal so wirken möge: „Auserzählt“ sei dieses Themenfeld noch lange nicht. Dafür sei zu viel in Bewegung – Strukturen von Bildung und Erwerbsarbeit ebenso wie Rollenbilder und Familienmodelle. „Dadurch geraten auch viele bestehende Annahmen in der Forschung ins Wanken und müssen neu gedacht werden.“