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Stellenabbau: Zittern bei Karstadt

Ausgabe 11/2012

Mit dem Sanierungstarifvertrag ist Ende August bei Karstadt auch der Kündigungsschutz ausgelaufen. Das Management will 2000 Vollzeitstellen streichen. Hat sich ver.di von Investor Nicolas Berggruen täuschen lassen? Von Carmen Molitor

Als im Frühjahr 2010 der Bieterpoker bei Karstadt begann, ging es um einen hohen Einsatz: 25 000 Arbeitsplätze und ein Traditionswarenhaus mit 120 Filialen standen auf dem Spiel. Die Lage war ernst. Was geschehen würde, wenn sich kein Investor fände, hatte das Beispiel von Quelle gezeigt – im Strudel der Pleite der gemeinsamen Firmenmutter Arcandor wurde der Versandhändler abgewickelt, Tausende Beschäftigte verloren ihre Jobs. Um dieses Schicksal für Karstadt abzuwenden, arbeiteten die Arbeitnehmervertreter auf Hochtouren: Ein Sanierungstarifvertrag war bereits 2009 ausgehandelt worden, bei dem die Beschäftigten im Gegenzug für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze drei Jahre lang auf 75 Prozent ihres Urlaubs- und Weihnachtsgeldes verzichteten. Sie würden damit einem künftigen Besitzer rund 150 Millionen Euro Kosten ersparen. Doch noch einen Tag vor Ablauf der Abgabefrist am 23. April 2010 lag kein einziges konkretes Kaufangebot für den Warenhauskonzern vor. Wäre es dabei geblieben, hätte Karstadt Ende April abgewickelt werden müssen. Aber in letzter Minute legte die deutsch-schwedische Private-Equity-Investorengruppe Triton eine Offerte auf den Tisch. „Alles auf den letzten Drücker“ blieb in den folgenden Monaten das Motto im Drama um den Karstadt-Verkauf, das damit zum reinen Nervenspiel geriet.

„Kein Konflikt hat mich jemals zeitlich, seelisch und kräftemäßig so intensiv in Anspruch genommen wie dieser“, erinnert sich Margret Mönig-Raane, damals stellvertretende ver.di-Vorsitzende und Leiterin des Fachbereiches Handel und heute im Ruhestand, als sie Revue passieren lässt, was damals beim Verkauf geschah. „Wir erlebten eine enorme Drucksituation“, erinnert sich die Gewerkschafterin. Es gab Druck vom Insolvenzverwalter, Druck von den Bietern, Druck durch die Medien. Oberste Richtschnur des Handelns von ver.di sei gewesen, das Unternehmen als Ganzes und alle Standorte zu erhalten und alle Arbeitsplätze zu sichern.

KLARE POSITION FÜR BERGGRUEN

Das schien Mönig-Raane mit dem Triton-Angebot nicht möglich. Triton habe Jobs abbauen und Karstadt zerschlagen wollen, erinnert sich die 64-Jährige. Als der Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg die Frist für weitere Bieter verlängerte, hofften die Arbeitnehmervertreter auf ein Angebot des Vermieters der Karstadt-Immobilien, der Highstreet-Holding. Ein Konsortium, zu dem unter anderem Goldman Sachs, die Deutsche Bank, Generali, Pirelli und die Borletti Group sowie zahlreiche kleinere Anleger gehören. Das Angebot kam tatsächlich. Dickste Kröte dabei: die Forderung einer unbezahlten Arbeitszeitverlängerung. Das war für Mönig-Raane und ver.di keine akzeptable Option: „Wir hätten uns den Flächentarifvertrag atomisiert, wenn wir das mitgemacht hätten.“

Kurz darauf wurde ein dritter Bieter bekannt: der Milliardär Nicolas Berggruen, Sohn des bekannten Kunstsammlers Heinz Berggruen, ein deutsch-amerikanischer Finanzinvestor, der sich auf Unternehmenskäufe in aller Welt spezialisiert hat und eher in der Immobilien- als in der Warenhauswelt zu Hause ist. Medien beschrieben ihn als einen langfristigen Investor mit Charisma und einer sozialen Ader. Margret Mönig-Raane lernte ihn als „sehr bescheiden im Auftreten, freundlich, klar“ kennen. Karstadt sei für ihn eine Herzenssache und eine Kultmarke, die er erhalten wolle, habe Berggruen ihr beim ersten Gespräch gesagt. Seine Bedingungen: eine deutliche Reduzierung der Mieten der Karstadt-Filialen und eine Dreiteilung des Unternehmens in die Bereiche Sport, Premiumhäuser und übrige Filialen. Von den Beschäftigten erwarte er keinen Beitrag, der über den Sanierungstarifvertrag hinausgehe. „Er war der Meinung, die Beschäftigten hätten schon genug beigetragen“, erzählt Mönig-Raane. ver.di prüfte, ob das Berggruen-Konzept mit den eigenen Anforderungen an Arbeitsplatz- und Beschäftigungssicherung in Einklang zu bringen war, und bewertete es als das, was am ehesten den Interessen der Beschäftigten entsprach.
Die Uhr für den Verkauf von Karstadt tickte laut, aber nun gab es zumindest einen Investor, der von den Beschäftigten keine weiteren Zugeständnisse forderte – außer der Zustimmung, dass der Sanierungstarifvertrag auch in einem dreigeteilten Unternehmen gilt. Das war allerdings eine heikle Forderung, denn seit Arcandor in die Krise geraten war, fürchteten die Karstädter besonders zwei Schreckgespenster: eine Fusion mit Kaufhof zu einer Deutschen Warenhaus AG oder eine Zerschlagung. Bereitete Berggruen mit der Dreiteilung nicht doch von Anfang an eine Zerschlagung vor, obwohl er betonte, dass er Karstadt komplett erhalten wolle? „Natürlich wollten wir keine Dreiteilung und sahen ein Risiko darin, dass so alles schneller zu verkaufen wäre“, erklärt Margret Mönig-Raane. Es war die Kröte, die bei Berggruens Angebot zu schlucken war: „Es war keine Bedingung, die wir innerlich akzeptiert hätten, aber wir haben sie in Kauf genommen.“ Im Gegenzug versprach Berggruen, für die Dauer des Sanierungstarifvertrages kein Geld aus dem Unternehmen zu nehmen.

Dann musste die Tarifkommission entscheiden, ob sie die Bedingungen des Milliardärs akzeptiert. „Wenn man die Auswahl hat zwischen zwei Käufern, von denen der eine sagt, ihr sollt zwei Stunden länger die Woche arbeiten, und der andere sagt, ihr müsst es nicht, ich will nur, dass die Mieten gesenkt werden – dann muss ich nicht lange diskutieren, wen ich nehme“, findet Margret Mönig-Raane. Die Tarifkommission sah das auch so. „Das war auf jeden Fall die richtige Entscheidung, da bin ich absolut im Reinen mit mir.“

DER GLÄUBIGERAUSSCHUSS ENTSCHEIDET

Mit der klaren Positionierung für Berggruen erntete ver.di auch Kritik: Skeptiker monierten, der Investor habe keine Erfahrung mit der deutschen Warenhauswelt und könne keine schlüssige Strategie vorlegen, wie er den Konzern aus der Krise holen werde. Die anderen Bieter dagegen hätten Konzepte, die zwar weitere Zugeständnisse von der Arbeitnehmerseite verlangten, aber erfolgversprechender für einen langfristigen Erhalt des Unternehmens seien. Doch der Ansicht, dass Berggruen die sicherere Bank sei, waren auch andere Entscheider im Verfahren: Die Entscheidung darüber, wer das Rennen unter den Bietern machen würde, hatte ein elfköpfiger Gläubigerausschuss zu fällen, in dem ver.di und der Gesamtbetriebsrat jeweils nur eine Stimme hatten, genauso wie Vertreter der Arbeitsagentur, der Lieferanten, der Vermieter und anderer betroffener Parteien.

In der Sitzung am 7. Juni 2010 bekam Berggruen die Mehrheit der Stimmen und unterschrieb einen Tag später den Vertrag. Bis die Übernahme in trockenen Tüchern war, dauerte es noch bis Anfang September, denn die harten Verhandlungen von Berggruen mit einzelnen Gläubigern und dem Vermieterkonsortium Highstreet um die Reduzierung der Mieten zogen sich hin. Acht Wochen nach Ende der Bieterfrist legte sogar noch ein weiterer Bieter ein Konzept vor: der italienische Warenhausunternehmer Maurizio Borletti. Doch sein verspätetes Angebot fiel durch und wurde, weil Grundlageninformationen fehlten, von ver.di als wenig seriös gewertet. Mehrfach stand die gefundene Lösung für Karstadt vor dem Aus, doch am Ende setzte sich Berggruen durch. Wo der neue Besitzer sich zeigte, feierten ihn die Beschäftigten. „Da war eine unglaubliche Erleichterung“, erinnert sich Mönig-Raane. „Es war ja ein Dreivierteljahr mit Hangen und Bangen gewesen. Das war nun erst mal vorbei.“

TARIFVERTRAG ENDET MIT PAUKENSCHLAG

Doch die Ruhe dauerte nur wenige Monate. Dann brandete Kritik auf, weil Nicolas Berggruen sich vor einem Jahr plötzlich auch für den Konkurrenten Kaufhof interessierte und damit das Schreckgespenst von Fusion und Arbeitsplatzabbau wieder heraufbeschwor, weil er bisher kein eigenes Geld für nötige Investitionen in den Konzern fließen ließ und weil vor wenigen Wochen, Ende August, kurz vor dem Auslaufen des Sanierungstarifvertrages, mit einem Paukenschlag das Karstadt-Management über die Medien mitgeteilt hatte, dass 2000 Vollzeitstellen gestrichen würden, was wegen des hohen Anteils von Teilzeitbeschäftigten fast doppelt so viele Menschen betreffen konnte. Der verschmähte Bieter Borletti hatte ver.di kurz zuvor im „Handelsblatt“ vorgeworfen, diese Jobs durch „unrealistische Absprachen“ mit Berggruen aufs Spiel gesetzt zu haben.

Hätte ver.di angesichts der heutigen Entwicklung also besser auf einen anderen Bieter gesetzt? „Nein“, sagt einer, der zu den öffentlichen Kritikern Berggruens gehört. Johann Rösch sitzt für ver.di im Karstadt-Aufsichtsrat und war einer von Mönig-Raanes Wegbegleitern während der Insolvenz. „Es war unter den gegebenen Realitäten und angesichts der beiden anderen Bieter eine sehr rationale Entscheidung des Gläubigerausschusses, ihn zu unterstützen“, findet er nach wie vor. Trotzdem stelle sich eine gewisse Ernüchterung ein: „Berggruen hat mit der Übernahme von Karstadt sehr eindeutig formuliert, dass es kein Investment für ihn ist wie jedes andere, sondern eine persönliche Herzensangelegenheit. Er sagte, dass er Karstadt als Ganzes erhalten und nicht verkaufen will. Und dass die Menschen bei Karstadt in der Vergangenheit viel geleistet haben und zu keinem Verzicht mehr gedrängt werden“, zählt er auf. „Deshalb wurde er von den Beschäftigten als Retter gefeiert. Aber daran muss er sich jetzt messen lassen.“ Rösch kritisiert vor allem den Investitionsstau. Zwar wurden bisher rund 30 Filialen renoviert, aber die Geschwindigkeit der Sanierung aller 120 Filialen sei zu langsam. Berggruen hätte eine Anschubfinanzierung leisten müssen, findet Rösch, er habe aber von seinem eigenen Geld noch nichts in den Konzern investiert. „Die eigentlichen Investoren sind bisher die Beschäftigten, denn die haben das Unternehmen in den letzten Jahren durch ihre Beiträge gestützt“, betont Rösch. Gleich zum Ablauf des Sanierungstarifvertrages einen solch massiven Stellenabbau anzukündigen sei das falsche Signal an Beschäftigte wie Kunden: „Wer künftig höherwertige Sortimente und Marken verkaufen will, braucht ausreichendes und motiviertes Personal. Die Beschäftigten haben mit ihren Verzichten in der Vergangenheit verbunden, dass sie eine gute Zukunft im Unternehmen haben. Deshalb können wir freiwillige Maßnahmen zum Ausscheiden aus dem Unternehmen, wie ein Vorruhestandsprogramm, akzeptieren, aber keinesfalls betriebsbedingte Kündigungen.“

INVESTOR, WEISSER RITTER, HEILSBRINGER?

Zeigt Berggruen jetzt sein wahres Gesicht? Stefanie Nutzenberger ist diese Frage erkennbar zu dramatisch. „Die Frage ist: Hat er vorher ein falsches gezeigt, oder haben Medien ein falsches gezeichnet?“, gibt die Nachfolgerin von Margret Mönig-Raane im ver.di-Bundesvorstand und im Fachbereich Handel kühl zurück. „Herr Berggruen ist ein Investor, und ein Investor hat das Interesse, dass die Investition, die er tätigt, sich trägt. Ich betrachte, was er macht, und bewerte sein Handeln anhand dessen, wie es den Beschäftigten geht.“ Ob die Situation unter einem anderen Bieter heute besser wäre, darüber will sie nicht spekulieren. Die Fragen, die sich stellen? „Wie muss die Arbeitnehmerschaft sich heute aufstellen, wie müssen sich Betriebsrätinnen und Betriebsräte positionieren, wie müssen wir als Gewerkschaft dafür sorgen, dass Arbeitnehmerinteressen zur Umsetzung kommen – mit dem Unternehmer, der jetzt da ist? Das ist mein Blick.“

Vor allem aber wünscht sich Stefanie Nutzenberger, selbst ehemalige „Karstädterin“ und heute wie Johann Rösch auf der Arbeitnehmerbank im Aufsichtsrat, für Karstadt nach den Jahren voller Kampfgetümmel eines: Rückkehr zur Normalität. Die üblichen Konflikte zwischen Betriebsräten und Arbeitgeberseite müssten wieder ausgetragen werden können – ohne Angst, dass „gleich wieder was passiert“. „Das Vertrauen, dass es trotzdem weitergeht, das haben die Menschen verloren“, erklärt Nutzenberger. Sie sieht das als ein entscheidendes Problem bei der Neuausrichtung von Karstadt. „Man darf nicht unterschätzen, was die Beschäftigten in den letzten Jahren mitgemacht haben, wie viele Veränderungsprozesse sie erlebt haben, wie lange sie kein Geld gekriegt haben, wie viel Geld sie investiert haben.“ Deshalb erwarteten die Menschen auch etwas dafür zurück, ob das Gegenüber nun Berggruen heißt oder anders, sagt Stefanie Nutzenberger.

Und Margret Mönig-Raane? Ist sie enttäuscht, wie sich die Situation bei Karstadt unter Nicolas Berggruen entwickelt hat? „Enttäuscht darüber sein kann man nur, wenn man dachte, der ist jetzt einer von uns“, sagt sie nüchtern. „Er war für mich nie der weiße Ritter oder ein Heilsbringer, sondern ein Investor, der von denen, die auf der Arbeitgeberseite standen, der Seriöseste und Vertrauenswürdigste war. Natürlich war zu erwarten, dass es mit ihm über dies oder jenes zu Konflikten kommt. Wer etwas anderes gehofft hatte, dem sage ich: Träum weiter!“ Die Karstadt-Beschäftigten sind aufgewacht. Die Verhandlungen über einen Sozialplan haben begonnen. 

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