zurück
Hauni Maschinenbau Magazin Mitbestimmung

Betriebsrätepreis: Weg von den alten Trampelpfaden

Ausgabe 01/2022

Bei der Hauni Maschinenbau GmbH in Hamburg verhinderte der Betriebsrat ein radikales Sparprogramm – und erreichte, dass der Umbau zu einer zukunftsfähigen Fabrik jetzt gemeinsam mit den Beschäftigten geplant wird. Von Joachim F. Tornau

Wenn Uwe Zebrowski durch das Werk läuft, in dem er seit drei Jahrzehnten arbeitet, fällt ein Satz immer wieder. „Das hier“, sagt der 57-Jährige dann, „das wäre jetzt alles weg.“ Zebrowski ist Vorsitzender von Betriebsrat und Gesamtbetriebsrat bei der Hauni Maschinenbau GmbH in Hamburg, dem Weltmarktführer bei der Herstellung von Maschinen für die Tabakindustrie.

Vor mehr als zwei Jahren, da waren er und seine Mitstreiter gerade gewählt und eigentlich noch mit der Selbstfindung beschäftigt, drohte dem traditionsreichen Unternehmen plötzlich der Kahlschlag: Weil das Geschäft mit dem Rauchen nicht mehr ganz so floriert, wollte die Geschäftsleitung mehr als 950 der 2300 Stellen streichen. Die Fertigung sollte geschlossen, die Montage ins Ausland verlegt, die Forschungs- und Entwicklungsabteilung halbiert werden. Und das, obwohl es erst 2015 eine große Entlassungswelle gegeben hatte. „Sie wollten wieder ihrem alten Trampelpfad folgen“, sagt Zebrowski. „Köpfe zählen, vom Markt her begründen, dass das zu teuer ist, entlassen.“

Der Betriebsrat fand, dass Restrukturierung auch anders gehen müsse. Fantasievoller, zukunftsorientierter, besser. Unter dem Motto „Wir bauen die Fabrik der Zukunft“ entwickelte die Arbeitnehmervertretung ein Alternativkonzept – und konnte sich, unterstützt von der IG Metall, schließlich erfolgreich durchsetzen. Mit dem „Hauni-Weg“, wie das Projekt auch genannt wird, ist das Gremium nun für den Deutschen Betriebsräte-Preis 2021 nominiert.

Gestützt auf das Praxiswissen der Belegschaft zeigten die Arbeitnehmervertreter auf, wie durch optimierte Prozesse die Produktivität erhöht werden könnte. Und sie rechneten vor, wie sich Millionenbeträge einsparen lassen könnten, wenn man drei ausgelagerte Tochterunternehmen wieder mit Hauni verschmelzen würde. Zebrowski kennt sich mit so etwas aus: Der gelernte Maschinenschlosser war lange als Führungskraft im Unternehmen tätig und konnte jetzt auf seine Erfahrungen als Prozessmanager zurückgreifen. „Das ist mein altes Metier.“

Am Ende einigte man sich darauf, dass zwar nach wie vor Stellen abgebaut werden, reduziert jedoch auf 690 Jobs und aufgefangen durch großzügige Altersteilzeit- und Abfindungsregelungen. Einfach entlassen wurde niemand. Und für die verbleibende Stammbelegschaft sind betriebsbedingte Kündigungen bis 2024 ausgeschlossen.  Vor allem aber ermöglicht es der abgeschlossene Zukunftstarifvertrag den Beschäftigten, die Transformation von Hauni zur „Fabrik der Zukunft“ aktiv mitzugestalten.

„Wir reorganisieren unser Unternehmen jetzt gemeinsam und ganzheitlich“, sagt Zebrowski. In Projektgruppen arbeiten Führungskräfte und Beschäftigte gleichberechtigt an der Optimierung von Prozessen oder prüfen, bei welchen Produkten eine Verlagerung ins Ausland möglich ist, ohne Kernkompetenzen am Stammsitz in Hamburg und damit die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu gefährden. Für neue Produktideen aus der Belegschaft wurde eine Million Euro als „Innovationsfonds“ zur Verfügung gestellt. „Wir wollen uns aus uns selbst heraus diversifizieren“, sagt Zebrowski. Wie groß das Potenzial dafür sei, habe Hauni bereits mit dem Prototyp einer Maschine bewiesen, die statt Zigaretten Trinkhalme aus Papier herstellt.

Um Personalplanung und Qualifizierung kümmert sich eine paritätisch mit Vertretern von Management und Betriebsrat besetzte Kommission. Sie soll dafür sorgen, dass sämtliche Beschäftigten der Stammbelegschaft trotz aller Veränderungen auch künftig einen adäquaten Job bekommen. „Wir wollen unsere Leute transformieren“, erklärt der Betriebsratsvorsitzende. „Man kann auch aus einem Facharbeiter einen Datenanalysten machen.“

Dass dieser kooperative „Hauni-Weg“ nicht nur für die Arbeitnehmer, sondern auch für das Unternehmen der bessere Weg in die Zukunft ist, das habe schließlich auch die Geschäftsleitung verstanden, sagt Zebrowski. Doch bis dahin seien lange und zähe Verhandlungen nötig gewesen. Und kürzlich habe dieselbe Geschäftsleitung ein Tochterunternehmen in Paris kurzerhand geschlossen. „Das zeigt, was passiert, wenn es keine Gegenwehr gibt – und keine klare, mit der Belegschaft abgestimmte Strategie.“


Die Hauni Maschinenbau GmbH im Hamburger Stadtteil Bergedorf wurde vor 75 Jahren von Kurt A. Körber gegründet, einem Unternehmer, der sich in besonderem Maße dem Gemeinwohl verpflichtet sah. Die von ihm geschaffene Körber-Stiftung ist bis heute einzige Anteilseignerin der Körber AG, zu der auch Hauni gehört. Die ausgeschüttete Dividende wird ausschließlich für die gemeinnützige Arbeit der Stiftung verwendet.  


Weitere Informationen:

Auf unserer Übersichtseite Deutscher Betriebsrätetag

Der Deutsche Betriebsräte-Preis ist eine Initiative der Fachzeitschrift „Arbeitsrecht im Betrieb“ des Bund-Verlags. Die Hans-Böckler-Stiftung ist Kooperationspartnerin. Mit dem Preis werden seit 2009 alljährlich Praxis-Beispiele vorbildlicher Betriebsratsarbeit ausgezeichnet. In diesem Jahr wird der Preis am 11. November auf dem Deutschen Betriebsräte-Tag in Bonn verliehen. Von 65 Bewerbungen wurden 12 Projekte nominiert.
www.betriebsraetetag.de

Zugehörige Themen

Der Beitrag wurde zu Ihrerm Merkzettel hinzugefügt.

Merkzettel öffnen