Karriere: Theo und der Rest der Welt
Theo Frielinghaus wuchs auf einem kleinen Hof in Westfalen auf. Die Mitbestimmung hat dem einstigen Schlosserlehrling einen steilen Aufstieg ermöglicht. Darüber hat er ein Buch geschrieben. Von Fabienne Melzer
Wann immer ein Mandat zu vergeben war, hieß es: „Das muss der Theo machen.“ Wenn Theo Frielinghaus dann fragte, warum ausgerechnet er, hörte er immer: „Wer soll es denn sonst machen?“ Im Laufe der Jahre kamen so einige Ämter zusammen: Betriebsratsvorsitzender beim Maschinen- und Anlagenbauer Polysius in Beckum, der heute zum Thyssenkrupp-Konzern gehört, Europäischer Betriebsrat und Aufsichtsrat. Insgesamt 36 Jahre lang vertrat er die Interessen der Beschäftigten auf der Arbeitnehmerbank. „Ich hatte nicht geplant, so viele Mandate zu übernehmen“, sagt Frielinghaus. Geahnt hat er es wohl auch nicht.
Frielinghaus wuchs auf einem kleinen Hof in der Nähe von Warendorf in Westfalen auf. In der Schule gab es nur zwei Klassen: eine mit den Jahrgängen eins bis vier, die Älteren lernten gemeinsam in den Stufen fünf bis acht. Während seine Geschwister nach der achten Klasse abgingen, wechselte Theo Frielinghaus auf eine weiterführende Schule und machte seine mittlere Reife. Nach dem Abschluss aber kam ihm keine zündende Idee für seine Zukunft. Also vertraute er auf die örtliche Berufsberatung. Die schickte ihn ins nächste Dorf: In Freckenhorst suche ein Handwerker einen Schlosserlehrling. Dort heuerte er an – und startete eine steile Karriere.
Wie aus dem Schlosserlehrling Theo der Aufsichtsrat Frielinghaus wurde, hat der 78-Jährige in einem kleinen Buch aufgeschrieben. „Vom Schlosserlehrling zum Aufsichtsrat“ erzählt von den Möglichkeiten der Mitbestimmung, die Menschen neue Wege eröffnen kann.
Das nötige Fachwissen für seine Mandate verschaffte Frielinghaus sich auf den Seminaren der Gewerkschaft und bei der Hans-Böckler-Stiftung. „Juristisches Verständnis bekommt man nicht allein durch Erfahrung“, sagt Frielinghaus. Ihm sei vieles gelungen in seiner Zeit als Arbeitnehmervertreter. „Nur eins werfe ich mir heute noch vor: dass wir den Bau des Stahlwerks in Brasilien nicht verhindern konnten.“ Das Projekt von Thyssenkrupp endete mit hohen Verlusten.
Seine Herkunft hat ihn nie ganz losgelassen, auch nicht in den Jahren, als er mit Anteilseignern über die Ausrichtung großer Unternehmen wachte. „Ich kam ja von einem kleinen Kotten.“ Er hatte das Gefühl, dass alle anderen über ihm stünden. Vielleicht sei er auch deshalb in Auseinandersetzungen nie laut geworden. „Andere waren da oft viel aggressiver.“ Geschadet hat es ihm nicht, eher im Gegenteil: „Ich hatte das Gefühl, dass es mir Achtung gebracht hat.“