Reformpolitik: Riskantes Spiel mit der Gesundheit
Die Bundesregierung will die Krankentage im Land senken. Deshalb soll die telefonische Krankschreibung fallen. Doch die Zahlen sagen etwas anderes. Von Fabienne Melzer
Bundeskanzler Friedrich Merz hatte die Ursache der schwächelnden Wirtschaft schnell ausgemacht: Die Menschen in Deutschland arbeiten zu wenig und seien zu oft krank. Besserung verspricht sich der Kanzler von der Abschaffung der telefonischen Krankschreibung. Außerdem soll die Attestpflicht ab dem ersten Tag kommen. Anscheinend gehen die Regierung und ihr Kanzler davon aus: Wenn die Krankmeldung aufwendiger wird, melden sich die Menschen nicht krank. Was wiederum bedeuten würde, dass Regierung und Kanzler den Menschen nicht glauben, dass sie tatsächlich krank sind. DGB-Vorstandsmitglied Anja Piel kritisiert dieses Misstrauen gegenüber kranken Beschäftigten: „Das befördert Präsentismus, also Arbeit trotz Krankheit, mit allen negativen Folgen. Und es ist ein Tritt vors Schienbein der niedergelassenen Ärzte.“
Es dürfte vor allem die Statistik der Krankentage sein, die Merz umtreibt. Denn tatsächlich stieg die Zahl der gemeldeten Krankheitstage pro Beschäftigten 2022 sprunghaft an und hält sich seither auf vergleichsweise hohem Niveau. Allerdings dürfte eine Sache keine Rolle spielen: die telefonische Krankschreibung. Eine Auswertung von Millionen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen der Barmer ergab: Der Anteil der telefonischen Krankschreibungen ist verschwindend gering. Er betrug 2023 nur 1,2 Prozent.
Stattdessen hängt der sprunghafte Anstieg nach Einschätzung der Krankenversicherungen mit der Umstellung auf die elektronische Meldung im Jahr 2022 zusammen. Während Krankmeldungen früher nicht konsequent an die Kassen weitergeleitet wurden, wird jetzt automatisch jeder Krankheitstag gemeldet. Die Zahl der Krankentage wird somit seit 2022 genauer erfasst.
Hinzu kommen weitere Ursachen: Die Zahl der psychischen Erkrankungen ist stark gestiegen. Psychische Erkrankungen führen zu langen Ausfallzeiten, sie belaufen sich auf durchschnittlich 28,5 Tage. Besorgniserregend nennt die AOK vor allem den Langzeittrend. Demnach nahm die Zahl der Ausfalltage wegen psychischer Erkrankungen in den vergangenen zehn Jahren um 43 Prozent zu. Die Gründe: Zum einen würden psychische Probleme inzwischen häufiger erkannt, aber auch steigende Belastungen am Arbeitsplatz dürften bei der Zunahme eine Rolle spielen. Laut einer Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung belastet vor allem Personalmangel die Gesundheit der Beschäftigten. Viele Menschen müssten unter hohem Zeitdruck arbeiten und immer mehr Aufgaben übernehmen.
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Quelle: Statistisches Bundesamt
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Quelle: AOK-Fehlzeitenreport 2025
Sozialversicherungsträger wie die AOK und die Barmer weisen darauf hin, dass Arbeitgeber viel zur Gesundheit ihrer Beschäftigten beitragen können. „Gesunde Bedingungen im Betrieb zu fördern hilft, krankheitsbedingte Fehlzeiten zu vermeiden oder gering zu halten“, schreibt etwa die AOK. Und bei der Barmer heißt es: „Wer dauerhaft unter Stress leidet, hat nachweislich ein höheres Risiko für vielfältige chronische Leiden.“ Betriebliches Gesundheitsmanagement sei kein nettes Zusatzangebot, sondern Voraussetzung für ein erfolgreiches Unternehmen.
Seit 2007 erhebt der DGB-Index jährlich, wie es um die Arbeitsbelastung der Beschäftigten steht. Ein Ergebnis daraus lautet: Der Stress hat unter anderem durch Zukunftsängste aufgrund der Transformation und Personalmangel mit der Folge hoher Arbeitsintensität zugenommen.
Angesichts von Arbeitsverdichtung und Personalmangel könnte der Gesundheitsschutz über mehr Mitbestimmungsrechte gestärkt werden. Fachleute der DGB-Gewerkschaften, der Hans-Böckler-Stiftung sowie der Universitäten Göttingen und Bremen haben dazu einen Gesetzentwurf vorgelegt. Danach sollen Betriebsräte bei der Personalplanung in Firmen mit mehr als 20 Beschäftigten mitbestimmen können. Statt kranke Menschen zu Sündenböcken zu machen, fordern die Gewerkschaften, die Ursachen anzugehen und die Arbeitsbedingungen zu verbessern.
Den Gesetzentwurf der DGB-Gewerkschaften und anderer zur Stärkung der Mitbestimmung gibt es hier zum Herunterladen: Betriebliche Mitbestimmung für das 21.Jahrhundert